AZ-Konzertkritik Slipknot in der Olympiahalle: Selbstheilung in Dur und Moll

Corey Taylor und die früheren Bürgerschrecks von "Slipknot" tragen live noch immer Masken. Aber heute sind sie eher Showelemente in einem durchinszenierten Konzert. Foto: Jens Niering

Die amerikanische Band Slipknot begeistern ihr Publikum in der Münchner Olympiahalle. Die AZ-Konzertkritik.

 

München - Als Vorbote des Infernos schickte Orkantief Sabine am Sonntagabend schon mal Slipknot, diese amerikanische Metal-Instituton mit Brachial-Charme, gen München, um die Ohren der Zuhörer in der ausverkauften Olympiahalle gehörig und nachhaltig durchzupusten.

Slipknot, die Henkerschlinge, das ist auch die ganz persönliche Corey Horror Picture Show von Frontmann Corey Taylor, der den Exorzismus seiner ureigenen Dämonen durch die Musik betreibt. Süchte aller Art, sexueller Missbrauch als Kind, Depressionen, Obdachlosigkeit, Suizidversuche. All das war Taylors Leben - bis er einen Weg fand, die Selbstzweifel, die Ängste, die Verzweiflung zu kanalisieren. Die Musik war sein Rettungsanker, sein Streichler der gepeinigten Seele.

Nein, streicheln kann man das nicht wirklich nennen, was Taylor und seine musizierenden Freunde aus Iowa da ge- und erschaffen haben. Es sind Hymnen für die Gefallenen, die sich aber ein ums andere Mal erheben und dem Schicksal dabei stets wutentbrannt den Mittelfinger entgegenstrecken, Stehaufmännchen der metallischen Art.

Die Kraft der Musik als Stimmungsaufheller bei Slipknot

Los geht es Intro mit dem AC/DC-Lied "For Those About To Rock – We Salute You" , das in den Slipknot-Song "Unsainted" übergeht. Laut, energetisch, rhythmus-getrieben mit ihrem Schlagzeuger Jay Weinberg und den zwei Percussionisten Shawn Crahan und New Guy, es ist aggressiv, subversiv im positiven Sinne. Die Band ist immer dann am stärksten, wenn sich die kompromisslose Härte und Geschwindigkeit, mit dem Groove paart und dann als räudiger Bastard die Slipknot-Songs geboren werden. Lieder wie "Psychosocial", Nero Forte", "Disasterpiece", "Birth Of The Gruel", "Duality" basieren auf dem Rhythmus eines Galeerenschiffs, das auf dem Fluss Styx direkt in den Hades, die Unterwelt, einfährt, Nur, wer durch das Feuer gegangen ist, kann das Fegefeuer keine Angst mehr einjagen.

Die Lieder sind musikalische Stimmungsaufheller, für all die, deren Seelen an einem sehr, sehr dunklen Ort gefangen waren, die aber – auch dank der Kraft der Musik - einen tiefen Sinn hinter den Abgründen des Seins entdecken.So klingt Selbstheilung in Dur und Moll.

Rammstein kann mehr Pyro, das braucht Slipknot aber nicht

Die Bühne ist im Industrial-Design gehalten, immer wieder gibt es kleine Feuerbälle, die aber den Berufspyromanen von Rammstein eher Tränen des Mitleids in die Augen treiben würden. Die Show ist bunt, sie ist anheizend, der Bürgerschreck-Faktor, den Slipknot zu Anfang ihrer Karriere vor über 20 Jahren (über)strapaziert haben, ist einer gepflegten, routinierten Unterhaltungsmaschinerie samt Kuschelkurs-Klischee-Ansagen gewichen. Die Masken, die als Alter Egos der Bandmitglieder konzipiert waren, sind heutzutage eher Showelement des Bizarr-Theaters Slipknot.

Manches soll auf der Bühne wie Improvisationskunst wirken, kommt aber doch zu inszeniert rüber. Doch authentisch ist die Corey Horror Picture Show von Taylor uns seinen Mannen immer. Manche Dämonen, lassen einen eben nie los, man kann sie nur jeden Abend von der Bühne jagen.

 

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