In der Olympiahalle Herbert Grönemeyer - Konzertkritik: Feuerwerk und Murmelsprache

Herbert Grönemeyer mit bester Laune beim Konzert in der Münchner Olympiahalle. Foto: Jens Niering

Pure Energie und gute Laune in der Olympiahalle: Beim ersten von zwei München-Konzerten fackelt Herbert Grönemeyer ein wahres Show-Feuerwerk ab – die AZ-Konzertkritik.

Eine Dreiviertelstunde vor Konzertbeginn kommt der in Berlin aufgewachsene deutsch-türkische Sänger BRKN auf die Bühne, ein talentierter junger Mann, der sogar Saxophon spielt. Er heißt eigentlich Berkan und sein mitgereister DJ Hakan. Hakan und Berkan. Das sehr gut gelaunte Publikum lacht und lässt sich auf verschiedene Mitsing-Nummern ein, das Duo performt ein paar Soul-Songs, einer hört sich an wie "Dickes B" von Seeed. Seine Texte sind eher schlicht: "Hey Süße, steig in mein Auto, so was wie du sollte nicht Bus fahren, sondern Mustang."

Gutgelaunter Gummiball Grönemeyer

Doch dann ist es Zeit für den Star des Abends: Herbert Grönemeyer! Er springt mit geballter Energie auf die Bühne, reißt sofort das Publikum mit, benimmt sich etwas wie ein liebenswerter amerikanischer Fernsehpfarrer, strahlt pure Lebenslust und positive Energie aus, animiert die Menge. Von Anfang an ist das Stimmungslevel sehr weit oben.

Seine Stimme klingt die erste Viertelstunde etwas angeschlagen, aber das legt sich nach ein paar Songs. Er joggt und flitzt im schwarzen Anzug, schwarzem T-Shirt und gelegentlich aufgesetzter schwarzer Buddy-Holly-Brille in alle Winkel der Bühne, damit ihn auch die am Rand sitzenden Zuschauer gut sehen können. Wie ein Zirkusdirektor peitscht er das Volk an, kreischt immer wieder: "Los, München!", erzeugt Jubel. Seine Ausdauer lässt nicht nach, wie ein Gummiball hüpft er mit ausgebreiteten Armen, wohlgenährt und agil über den Laufsteg und nimmt ein Bad über den Köpfen der Zuschauer.

Politische Botschaften in der Olympiahalle

Er hatte schon immer ein großes Talent, Themen, die ihn bewegen, verständlich und leicht überhöht in Lieder zu verwandeln. Dass er sich dabei manchmal mit Phrasen behilft, verzeiht man ihm gern. Sein neues Album "Tumult" erinnert inhaltlich an seine über 30 Jahre alte LP "Sprünge", es ist deutlich engagierter als man es in den letzten Jahren von ihm kannte und auch seine Zwischenansagen enthalten einige klare politischen Botschaften. Man merkt jedoch, dass es ihm nicht um einen erhobenen Zeigefinger, sondern vielmehr um einen gelungenen und stimmungsvollen Abend geht.

Inzwischen gehört er neben Peter Maffay und Udo Lindenberg wegen seiner besonderen Art zu sprechen zum Standard-Repertoire jedes Stimmenimitators. Er nimmt diese Parodien mit Humor und auch seine Fans scheinen sie zu mögen, ein junger Mann in der Arena trägt ein T-Shirt des genialen Künstlers Sinisa Horn, der als "Herbie G" täuschend echt mit Grönemeyer-Stimme in Videos singt: "Es tanzt ein Bibabutzemann in unserm Kreis herum. Fidelbumm! Butzeman – schön, dass es dich gibt!"

Grönemeyer mit Show-Feuerwerk

Er versteht sein Handwerk und die Menschen lieben ihn. Dabei inszeniert er sich selbst fabelhaft und legt ein umfangreiches Show-Feuerwerk hin, lässt sich von der ausverkauften Olympiahalle feiern, ohne auch nur eine Sekunde eitel oder unsympathisch zu wirken.

Grönemeyer sagt: "Wir haben seit einigen Jahren eine Umfrage laufen, warum die Leute zu meinen Konzerten kommen. 3 Prozent geben an, es wäre wegen der Musik, 5 Prozent wegen der Texte, 17 Prozent aufgrund meiner tänzerischen Fähigkeiten und 32 Prozent wegen meiner unglaublichen Optik."

Sänger und Band: Quietschfidel und sorgenfrei

Danach folgt sein berühmter Song "Männer". Die Selbstironie und seine kraftvolle Ausstrahlung verbreiten gute Laune, er wirkt wie ein zufriedenes, wohlgenährtes Kuscheltier, das in einem Kinderzimmer voller Spielsachen herumtobt. Es macht Spaß, ihm zuzusehen und zuzuhören. Seine Band besteht nur aus fabelhaften Vollblutmusikern, auch sie sind quietschfidel, fröhlich und sorgenfrei.

Herbert Grönemeyer ist bekannt und beliebt für seine teils sozialkritischen, engagierten, melancholischen, manchmal politischen und teilweise polemischen Texte und Lieder, die er mit seiner einprägsamen, hohen, gepressten Stimme singt. Alleinstellungsmerkmal ist dabei die spezielle Aussprache und meistens komplett vernuschelte Art des Vortrags. Man könnte manchmal fast annehmen, er habe eine eigene Murmelsprache entwickelt, die ausschließlich seine wahren Fans verstehen können. Will man die Texte deutlich ausgesprochen hören, muss man nur dem Publikum zuhören, das sämtliche Songs auswendig mitsingt. Auch die neuen.

"Hat er gerade den Laut eines Tieres nachgeahmt?", höre ich mich eine Dame neben mir fragen. "Nein", antwortet sie amüsiert. "Er hat das Publikum gefragt, ob sie bei ihm sind."

 

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