AZ-Kommentar Neue Stadtbibliothek in Fürstenried: Die Missionsstation

Der Kulturredakteur erinnert sich an die Stadtbibliotheken zu Kindheitszeiten. Foto: Bernd Wackerbauer

AZ-Kulturredakteur Adrian Prechtel über die Stadtbibliothek Fürstenried.

 

Als Forstenrieder Bub konnte ich mich zwischen der Stadtbibliothek in Parkstadt Solln oder Fürstenried entscheiden – beides sogenannte Trabantenstädte. Ich bin zwischen den Bildungsoasen gependelt. Aber es war in der Filiale in der Berner Straße, gleich überm Wienerwald, wo ich als Teenie kulturelle Schlüsselerlebnisse hatte – zum Beispiel mit Joachim Kaiser.

Der nutzte Mitte der 80er zu seinen Musikvorträgen einen Plattenspieler. Suchte er eine Stelle, auf die er sich beziehen wollte, fuhr er suchend mit dem Tonarm über die Rillen. Dass dann auch das Musikbeispiel kratzte, störte ihn – und uns – nicht, denn man hörte: nur die Musik – und den Kritikerpapst. Überhaupt gelang es der damaligen Bibliothekarin – sie hieß, glaube ich, gegen ihren Typus wie der Thomas Mannsche Hochstapler "Krull" – als bildungsbürgerliche Missionarin alle wichtigen deutschen Literaten nach Fürstenried zu locken: Walser, Härtling, sogar Christa Wolf. Und Bruno Ganz las Hölderlin.

 

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