AZ-Kommentar Leichtathletik-WM: Der Sport als Dauerverlierer

Weil die Zuschauer schon das Stadion verlassen hatten, wurde die Siegerehrung im Hochsprung der Männer abgebrochen und verschoben. Foto: Nariman El-Mofty/AP/dpa

AZ-Sportchef Matthias Kerber über die Leichtathletik-WM in Katar.

 

Der große Verlierer dieser Leichtathletik-WM: der Sport. Eine gespenstisch leere Arena, in der die Stimmung wohl Stadionverbot hatte. Klimatische Bedingungen, die die Athleten an den Rand des Kollapses brachten – und darüber hinaus. Der Testlauf drei Jahre vor der Fußball-WM an gleicher Stelle hat schonungslos offenbart, wie falsch die Vergabe dorthin war. Da können die Verbände – eher Interessenverbände – noch so gerne darüber schwadronieren, wie wichtig es ist, den Sport in nicht so sportaffine Nationen zu exportieren, wie sehr man mit dem Sport sportliche Werte vermitteln würde, man autokratische Länder so gegenüber demokratischen Werten öffnen würde, die Realität sieht anders aus. So gerne wird erklärt, dass der Sport sich aus der Politik heraushalten soll, und doch macht man Politik, wenn man Events an Nationen vergibt, deren Menschenrechtsverletzungen bestens dokumentiert sind.

"Der Sport ist Mittel zum Zweck"

Auch wer schweigt, macht Politik. Geld regiert die Welt, auch die Sport-Welt. Sebastian Coe, Präsident des Weltverbandes IAAF, meinte auf die Frage, warum so ein Ereignis in Doha stattfinde: "Warum sollte es der falsche Platz sein?" Vielleicht helfen ein paar Zahlen (nicht die auf den Geldscheinen). In Katar, das eine Landesfläche von 11.590 Quadratkilometern hat (Bayern: 70.550), und 2,7 Millionen Einwohner (Bayern: 13,08) hat, wird die Fußball-WM in acht Stadien ausgetragen, sechs sind Neubauten. Geschätzt 1.400 Arbeiter sind bisher bei den Bauarbeiten ums Leben gekommen. Der Sport ist Mittel zum Zweck, um sich ein weltoffenes Gesicht zu geben. Der Sport hat bei der Leichtathletik-WM verloren, er wird bei der Fußball-WM verlieren. Es ist kein Wunder, dass sich immer mehr Zuschauer abwenden. Dauerverlierer sind nicht beliebt – vor allem, wenn sie sich selbst und die eigenen Werte aufgegeben haben.

 

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