AZ-Kommentar Ein echter Klinsi

Nicht mehr Trainer bei Hertha BSC: Jürgen Klinsmann Foto: imago images/Metodi Popow

AZ-Sportchef Matthias Kerber über den Rücktritt von Jürgen Klinsmann als Hertha-Trainer.

 

Das Dauerlächeln, das ihm einst den wenig schmeichelhaften Spitznamen Grinsi-Klinsi einbrachte, täuscht: Jürgen Klinsmann war immer einer, der seinen Weg ohne Rücksicht auf Verluste oder Freundschaften gegangen ist. Die Bayern können dazu manch Klagelied anstimmen.

Das war zu seiner Zeit als tonnentretender Spieler so, das war in seiner nicht langen und nicht erfolgreichen Münchner Trainer-Liaison so. Klinsmann war immer eine Ich-AG – mit allen Vor-, aber auch Nachteilen, die so eine Geisteshaltung mit sich bringt. Zweifel begleiteten Klinsmanns Werdegang immer: Als Spieler, als Trainer, aber auch als Mensch.

Unzweifelhaft hat Klinsmann die Fähigkeit, kurzfristig zu motivieren und für diese Zeit das Beste aus seinen Leuten herauszukitzeln. Doch sobald dann der Blick hinter die Maske, hinter die Floskel offenbar wird, ist der Zauber, der Mythos schnell verflogen.

Der Mythos Klinsmann ist schnell verflogen

In Berlin war er als Heilsbringer-Trainer gekommen. Die Art, wie er jetzt – obwohl ihm in der Winterpause mehrere Spielerwünsche erfüllt wurden – die Hertha per Facebook-Post im Stich gelassen, sie noch tiefer in den Abgrund gestoßen hat, auch das ist ein echter Klinsmann.

Mangelndes Vertrauen prangerte er, der auf Betreiben von Investor Windhorst installiert worden war, öffentlich an. Seinen Forderungen – im Raum stand eine vorzeitige Vertragsverlängerung – war man in seinen Augen nicht schnell genug nachgekommen. Es ist eine typische Nach-mir-die-Sintflut-Aktion. Ich zerschlage zwar das Porzellan, aufräumen sollen aber bitte die anderen. Diese fast despotische Weltsicht – wer nicht für mich ist, ist gegen mich – macht es dem Verein mehr als schwer, mit Klinsi, der sich auf seinen Posten im Aufsichtsrat zurückziehen will, weiter zusammen zu arbeiten. Ein selbstgeschaffenes Dilemma für die Hertha, deren Fundus an Dilemmata eh schon überbordend ist.

 

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