AZ-Kommentar Des Kapitalismus hässliche Fratze: Wie der Fußball vor die Hunde geht

Katar, Aubameyang, Robinho: Drei aktuelle Beispiele für die völlig unmoralische Kommerzialisierung des Fußballs. Foto: Hamad International Airport, dpa

Geld frisst Moral: AZ-Online-Vize Christoph Elzer sieht die aktuellen Entwicklungen im europäischen Fußball als eine Gefahr für das Image des Sports - und die Zukunft der Bundesliga.

Was ist eigentlich aus unserem schönen Sport geworden? Jahrzehntelang stand der Fußball für Spaß, Leidenschaft, Emotionen, Herzblut, große Liebe. Inzwischen ist mit dem Gewissen kaum noch vereinbar, zu was die Bundesliga und der Internationale Fußball verkommen sind.

Geld regiert die Welt, sagt das Sprichwort. Und nirgendwo wird das derzeit besser demonstriert, als im Fußball. Während man über völlig wahnwitzige Transfersummen bei Neymar und Mbappé vielleicht noch verwundert den Kopf schütteln konnte, hat der kapitalistische Irrsinn inzwischen so viele Bereiche des Sports erreicht, dass ein Wegschauen nicht mehr möglich ist.

Da wäre zum Beispiel der FC Bayern: Man kann nun wirklich nicht behaupten, dass die unmenschlichen Arbeitsbedingungen in Katar ein wohlgehütetes Geheimnis seien oder die restriktive Scharia-Rechtsprechung und die systematische Unterdrückung von Frauen und Homosexuellen mit unserem Werte-Kanon problemlos vereinbar seien. Auch der FC Bayern kennt diese Problematiken und wird – völlig egal ob von Presse oder Fans – immer wieder darauf aufmerksam gemacht. Doch anstatt sich damit auseinanderzusetzen, vielleicht die als Trainingslager verpackte PR-Aktion in Doha zu hinterfragen, weitet man die Kooperation mit dem reaktionären Wüstenstaat sogar noch aus und trägt seit dieser Saison den Flughafen der Stadt als Sponsor auf dem Trikot-Ärmel. 

Dortmund signalisiert: Mit uns kann man's ja machen

Mindestens genauso bigott präsentiert sich dieser Tage auch der BVB. Der sollte eigentlich als gebranntes Kind gelten, was unverschämte Provokationen von wechselwilligen Spielern angehen, seit er den Dembelé-Ärger durchgestanden hat. Doch diese Saison wiederholt sich das Spielchen mit Pierre-Emerick Aubameyang, der den Verein regelrecht erpresst, damit der ihn endlich nach London gehen lässt. 

Man sollte meinen, dass ein Verein, der den Spieler noch mehrere Jahre rechtsgültig unter Vertrag hat, am längeren Hebel sitzt. Tatsächlich wäre es für Dortmund natürlich auch überhaupt kein Problem, an Aubameyang ein Exempel zu statuieren und den Spieler zur Erfüllung seines Vertrages zu zwingen. Denn wenn der Verein einem Wechsel nicht zustimmt, ist "Auba" nahezu unweigerlich in der Pflicht, für den Rest der Saison oder darüber hinaus Spitzenleistungen abzuliefern. Sollte der Gabuner stattdessen mit Arbeitsverweigerung glänzen, ginge sein Marktwert blitzschnell in den Keller und er könnte sich künftige Engagements bei den Krösussen der Geldliga dauerhaft abschminken. 

Stattdessen wird Borussia Dortmund wohl erneut einknicken und aller Welt signalisieren, dass man zwar in der Lage ist, Spieler großzumachen, sie hinterher aber nicht halten kann. Die Bundesliga verkommt damit zur Talentschmiede, der die künftigen Topstars weggekauft werden. De Bruyne, Dembelé, Sané, Modeste, Can, Gündogan, ter Stegen, Kroos, Rüdiger: Die Liste der Bundesliga-Talente, die die Liga nicht halten konnte, ist lang. Und sie wird noch länger werden, denn Geld regiert die Welt. Und die Bundesliga zeigt gerade deutlich, dass sie sich dieser Regel (teilweise völlig ohne Not) beinahe wehrlos unterwirft.

Vergewaltiger als Starspieler? Kein Problem!

Das krasseste und zugleich krankeste Beispiel für die unerträgliche Kommerzalisierung des Fußballs liefert aber dieser Tage die türkische Süper Lig: Dort hat Sivasspor Anfang der Woche die Verpflichtung des brasilianischen Fußball-Nationalspielers Robinho bekanntgegeben. Dass Robinho im November 2017 von einem italienischen Gericht wegen Gruppenvergewaltigung zu einer Haftstrafe von neun Jahren verurteilt worden war, scheint keine Rolle zu spielen. Robinho, der die Vorwürfe bestreitet und gegen das Urteil Berufung eingelegt hat, flüchtet vor der italienischen Haftstrafe in die Türkei und kann dort sogar noch Millionen verdienen. 

Sivasspor-Präsident Mecnun Otyakmaz kommentierte dies bei der Vertragsunterzeichnung lakonisch: "Dieser Transfer setzt den türkischen Fußball in das Blickfeld der gesamten Fußball-Welt." Von schlechtem Gewissen keine Spur. Und als sei das noch nicht schlimm genug, gibt es auch von der UEFA bislang keinerlei Reaktion. Ein Verbandsmitglied beschäftigt einen verurteilten Vergewaltiger, schützt ihn damit nebenbei vor einer Auslieferung nach Italien und muss dafür keinerlei Konsequenzen fürchten: Verheerender kann man nicht klarmachen, dass im Fußball nur noch der Profit zählt. 

Der Sport ist zu einer Hure verkommen, die für Geld alles macht – außer sich mit so etwas lächerlichem wie Moral zu beschäftigen.

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