AZ-Kinokritik "Marianne & Leonard": Der Ladys´ Man Leonard Cohen

Marianne Ihlen und Leonard Cohen in den 1960ern. Foto: Babis Mores

Der  Film "Marianne & Leonard" erzählt mehr vom Weltstar Leonard Cohen als von seiner Muse.

 

"So long, Marianne", Leonard Cohens 1967 geschriebener wehmütiger Abschiedsong gilt als Klassiker und rührt heute noch. Eine Ode an seine große Liebe Marianne Ihlen, die in den 1960er Jahren auf Hydra begann, damals noch eine griechische Aussteiger-Insel, inzwischen ein Refugium für betuchte Touristen. Nick Broomfield beginnt eine poetische und manchmal etwas verklärte Reise zurück in die wilde Hippie-Zeit mit Drogen und freier Liebe, in der alles möglich schien und einige später an der Freiheit scheiterten.

In dieser unbekümmerten Atmosphäre trafen sich Cohen, der damals noch Romane verfasste, und die Norwegerin, die mit Mann und kleinem Sohn auf dem alternativen Hotspot Hydra entspannen wollte. Bald waren sie ein Paar, sie seine inspirierende Muse. Auch mit "Bird On A Wire" gedachte Cohen dieser Leidenschaft. Die dauerte nicht ewig. Je mehr der der Kanadier mit der sonoren Stimme die internationalen Bühnen eroberte, um so mehr entfernte er sich von der Geliebten.

"Marianne & Leonard" arbeitet mit unveröffentlichten Archivaufnahmen

Besuche Mariannes bei ihm in Montreal oder New York endeten oft in Enttäuschung, seine Stippvisiten auf Hydra wurden immer kürzer. Dass er Marianne mal als schönste Frau bezeichnet, die ihm jemals begegnet sei, änderte nichts an der Entfremdung. Broomfield, der 1968 mit 20 "orientierungslos und abenteuerlustig" nach Hydra kam und anscheinend immer noch stolz auf sein kurzes Verhältnis mit Marianne ist, erzählt die tragische und bewegende Liebes- und Lebensgeschichte mit größtenteils unveröffentlichten Archivaufnahmen, unter anderem von US-Dokumentarfilmer D. A. Pennebaker, außerdem mit Gesprächen mit Weggefährten, Freunden und Kollegen über Tourneen und Karriere, auch über Cohens sechs Jahre in einem buddhistischen Kloster und den fulminanten Neueinstieg nach finanzieller Pleite.

Immer wieder versucht der Regisseur, der Beziehung zu folgen, die nicht nur wegen unterschiedlicher Lebensentwürfe zerbrach, sondern auch wegen zahlreicher Affären des "Ladies’ Man". Ein Kreativer, zu dessen Welt niemand wirklich Zugang fand. Den wechselnden Gespielinnen widmete er lieber einen Song wie seiner "Suzanne" oder Janis Joplin in "Chelsea Hotel No. 2" ("giving me head on the unmade bed"). Irgendwann äußert Marianne, die Liebe zu ihm habe sie zerstört, trotz Rückkehr in die Bürgerlichkeit und neuer Ehe mit einem Norweger.

Der Song von "Marianne & Leonard"

Und wenn die 70-Jährige bei einem Konzert in Oslo "ihren" Song mitsingt und zur Bühne winkt, die ihr einstiger Partner tänzelnd verlässt, hat das etwas Ergreifendes, aber auch Tieftrauriges. Schicksal oder Zufall? Leonard Cohen starb 2016 drei Monate nach seiner großen Liebe. Die Doku, die passend zum Todestag der Musiklegende am 7. November startet, ist ein intimes Künstlerporträt. Im Mittelpunkt steht aber nicht Marianne, wie der Titel fälschlich suggeriert, sondern der unvergessliche Singer/Songwriter, der mit seinen melancholischen und lyrischen Texten fast fünfzig Jahre lang Menschen weltweit elektrisierte und mitten ins Herz traf und verführerisch einlud: "Dance Me To The End Of Love". 


Kinos: City, Studio Isabella; Regie: N. Broomfield (USA, 102 Min.)

 

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