AZ-Kinokritik "Das perfekte Geheimnis": Handy raus, Hose runter

Deutschland, das sind Deine Filmstars (v.l.): Frederick Lau, Elyas M’Barek, Florian David Fitz, Wotan Wilke Möhring, Jella Haase, Karoline Herfurth, Jessica Schwarz. Eine weitere Hauptrolle spielt in „Das perfekte Geheimnis“ das Handy. Foto: Constantin Film

Regisseur Bora Dagtekin hatte mit den drei "Fack Ju Göhte"-Filmen gewaltigen Erfolg. Wie gut ist "Das perfekte Geheimnis"?

 

Das riecht nach Rekord: Vom italienischen Publikumshit "Perfetti Sconosciuti" aus dem Jahre 2016 gibt es bisher elf Remakes von Frankreich über Griechenland und die Türkei bis nach China. Bei uns serviert "Fack Ju Göhte"-Regisseur Bora Dagtekin seine aktuelle Version mit einer superben Star-Riege.

Die Geschichte startet im Rückblick mit vier Schuljungs, die die "perfekte Bande" mit Blutsbrüderschaft gründen. Jetzt sind sie in den Dreißigern und treffen sich zu einem entspannten Abendessen, Mondfinsternis inklusive.

Bussi hier, Bussi da, alle sind gut drauf. Drei Paare, ein einzelner Typ. Zwischen den Gastgebern, der Psychotherapeutin Eva und dem Schönheitschirurgen Rocco (Jessica Schwarz/ Wotan Wilke Möhring) ist nach 20 Ehejahren die Liebe erkaltet, bei Leo und Carlotta (Elyas M‘Barek/ Karoline Herfurth) kriselt es. Er langweilt sich zähneknirschend in der Elternzeit bei Dinkelplätzchen am Sandkasten, sie arbeitet bis in die Puppen bei einer Werbe-Agentur.

Mobiltelefone auf den Tisch, keine Geheimnisse

Frisch verliebt und fröhlich küssend dagegen der prollige Taxifahrer Simon und die naive Tierärztin Bianca (Frederick Lau/ Jella Haase), dazu kommt noch solo der engagierte Lehrer Pepe (Florian David Fitz), dessen neue Freundin angeblich krank ist.

Feines Essen, Alkohol und Witzchen, gute Laune. Die Stimmung kippt, als Eva ein Spiel vorschlägt: Alle Mobiltelefone auf den Tisch, bei Anrufen Lautsprecher anstellen, Nachrichten laut vorlesen. Jeder soll Farbe bekennen, keine Geheimnisse vor Freunden oder Partnern verbergen.

"Lassen wir die Hosen runter", scherzt Pepe noch zu Beginn. Dann geht‘s ans Eingemachte, wenn Verborgenes öffentlich wird: der Wunsch nach Brustvergrößerung, Seitensprünge mit fatalen Folgen, Frust als Hausmann, Unlust im Bett, Suff gegen Überforderung und finanzielles Chaos.

Und ein unbemerkter Handy-Tausch bringt auch keinen tollen Rausch, sondern Enthüllung über sexuelle Vorlieben. Bei steigendem Weinkonsum läuft das gemütliche Zusammensein zunehmend aus dem Ruder.

Seit der preisgekrönten Serie "Türkisch für Anfänger" 2006 gilt Bora Daktekin als Komödienspezialist, seine "Fack Ju Göhte"-Trilogie mit insgesamt mehr als 21 Millionen Zuschauern setzte Bestmarken für das deutsche Kino.

Wie viel Wahrheit verträgt die Freundschaft, fragt diese Tragikomödie, in der anfänglich harmloser Spaß in Misstrauen und Aggression umschlägt und auch schon mal eine Ohrfeige knallt. Das nicht immer klischeefreie Kammerspiel erinnert an Doris Dörries "Nackt", wo sich Paare mit und ohne Kleidung bei einem Dinner einem Seelen-Striptease ausliefern. Auch bei Dagtekin konzentriert sich die Handlung größtenteils auf einen Raum, aber niemand muss sich ausziehen, die Entblößung funktioniert auf emotionaler Ebene, und da umso heftiger.

Doppelmoral, Intoleranz, Lügen und Selbstbetrug 

Schnell entblättern Männer und Frauen ihr wahres Ich, ploppen unter der bürgerlich-arrivierten Firnis Doppelmoral, Intoleranz, Lügen und Selbstbetrug auf. Gewagt die Herangehensweise an homophobes Verhalten und die platten Uralt-Vorurteile, mit denen sich Simon als Spießer outet

Das irritiert, wirkt aber im Hinblick auf "beliebte" Schimpfwörter wie "Jude" und "Schwuler" auf deutschen Schulhöfen vielleicht doch beängstigend realitätsnah, Liberalität ist oft nur ein gesellschaftlich modisches Aperçu. Zugespitzte Dialoge und skurriler Wortwitz beim Small Talk, Situationskomik und Screwball-Elemente treffen ins Schwarze. Allein den super-aufgedrehten Schauspielern schaut man gerne zu.

Am Ende weicht Bissigkeit der Banalität, gibt es ein bisschen zu viel Harmonie und Männerfreundschaft, aber kein Happy End für alle Paare. Und das ist gut so.


Kinos: Arri, Cadillac & Veranda, Cincinatti, Cinemaxx, Solln, Gloria Palast, Leopold, Mathäser R: Bora Dagtekin (D, 111 Min.)

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