AZ-Kinokritik "Bis dann, mein Sohn": Liebe in den Zeiten der Kontrolle

Klammern sich an ein Foto ihres Sohnes: Wang Liyun (Yong Mei) und Liu Yaojun (Wang Jing-chun). Foto: Piffl Medien

Fast schwebende Bilder, tiefe Menschlichkeit und viel Gefühl: "Bis dann, mein Sohn" ist ein Meisterwerk aus China.

 

Familie in China – das ist ein ganz heikles Thema. Die 1979 eingeführte Ein-Kind-Politik vernichtete individuelle Familienplanung, Frauen wurden zur Abtreibung gedrängt, wer mehr als ein Kind in die Welt setzte, dem drohten Strafen.

Nicht nur der Einzelne war verantwortlich, auch die Betriebe wachten über die Geburtsquoten. Erst 2016 wurde die drakonische Regel aufgehoben, inzwischen gilt die Zwei-Kind-Familie als Leitbild.

Vor diesem Hintergrund entfaltet sich die Geschichte von "Bis dann, mein Sohn" über drei Jahrzehnte. Das Arbeiterehepaar Liyun und Yaojun im Norden Chinas ist 1982 glücklich über die Geburt ihres Sohnes. Als er mit zwölf Jahren in Gegenwart des gleichaltrigen Sohns der Nachbarn bei einem Badeunfall stirbt, trennen sich abrupt ihre Wege. Die trauernden Eltern ziehen in den Süden des Landes und adoptieren ein Waisenkind, geben ihm den Namen des Verstorbenen. Doch als Heranwachsender rebelliert der gegen die in ihn gesteckten Erwartungen. Kann man überhaupt einen geliebten Menschen durch einen anderen ersetzen?

China 1980 bis zur Gegenwart

Der Film zählt in manchmal verwirrenden Ellipsen von verschiedenen Lebenswegen in einer bis in den letzten Seelenwinkel kontrollierten Gesellschaft, von Geheimnissen und erloschenen Hoffnungen, von Freundschaft und Vergebung, von der tragischen Verbindung zweier Familien. Erst gegen Ende treffen sich die einstigen befreundeten Paare noch einmal, ist es Zeit, die ganze Wahrheit über den Tod des geliebten Kindes zu erzählen. Verzeihen ist möglich, Vergessen nicht. Es geht vor allem um zwei vom Schicksal gebeutelte Menschen, die versuchen, ein Leben in Würde zu führen.

Dabei gelingen dem preisgekrönten Regisseur Wang Xiaoshuai tiefe Einblicke in das China von den 1980er Jahren bis fast in die Gegenwart, von den Folgen der Kulturrevolution bis hin zum Kommunismus mit kapitalistischer Fratze. Es ist an Zynismus kaum zu überbieten, wenn Liyun und Yaojun vor den versammelten Arbeitern für ihre Familienplanung ausgezeichnet werden, Liyun aber das zweite Kind kurz vorher abtreiben musste.

Manchmal muss man aufpassen, um Namen und Orte den unterschiedlichen Zeitebenen bis ins Jahr 2011 zuzuordnen, politische und soziale Umwälzungen einzuordnen und zu verstehen. Aber das lohnt sich trotz der Länge von drei Stunden. Das warmherzige epische Meisterwerk fasziniert durch fast schwebende Bilder, tiefe Menschlichkeit und großes Gefühl. Die Hauptdarsteller Wang Jingchun und Yong Mei wurden bei der diesjährigen Berlinale mit dem Silbernen Bären für ihre Darstellung ausgezeichnet.


Kinos: City-Atelier, Monopol (auch OmU), Regie: Wang Xiaoshuai (China, 185 Minuten)


 
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