AZ-Interview zum TSV 1860 Löwenstüberl-Wirtin Christl Estermann im großen Abschiedsinterview

, aktualisiert am 20.10.2018 - 13:35 Uhr
Kult-Löwin: Christl Estermann. Foto: imago/Lackovic

Vor ihrem Abschied zum Jahresende erinnert sich Christl Estermann in der AZ an Anekdoten aus 27 Jahren Löwenstüberl. Im Interview spricht die Kult-Wirtin über knallharte Gespräche zwischen Karl-Heinz Wildmoser und Franz Beckenbauer, den Stammplatz von Thomas Häßler sowie Weißwürste von Stefan Aigner.

 

München - Für viele Löwen ist es eine traurige Nachricht: Die 75-jährige Christl Estermann geht nach 27 Jahren als Wirtin des Löwenstüberls am 31. Dezember 2018, also an Silvester, in den Ruhestand. Im Abschiedsinterview der AZ spricht die Kult-Gastronomin über Franz Beckenbauer, Karl-Heinz Wildmoser, "Manni" Schwabl, Thomas "Icke" Häßler, Vitor Pereira und Stefan Aigner. Und sie hat mit den Tränen zu kämpfen.

Frau Estermann, was müssen wir da hören? Die Kult-Wirtin des Löwen-Stüberls hört zum Jahresende auf.
CHRISTL ESTERMANN: Ja, jetzt ist es soweit: Die Zeit ist gekommen. Ich bin jetzt 75, habe in fast 27 Jahren hier im Stüberl so viel gesehen: 27 Trainer hab’ ich überlebt, Aufstiege gefeiert und bei Abstiegen geweint. Ich habe jeden hier begrüßt – manchmal sogar einen Roten, einen von den Großkopferten. Aber irgendwann ist Schluss! Jetzt könnt ich schon wieder heulen (wischt sich die Tränen aus den Augen).

Estermann: "Man will ja keine Millionärin werden"

Sie haben sich mehrfach zum Weitermachen überreden lassen. Wie kommt’s, dass die Ära Estermann jetzt zu Ende geht?
Man braucht nicht drum herum reden, dass es hier auch nicht besser geworden ist (Estermann reibt die Fingerspitzen aneinander). Man will ja keine Millionärin werden, aber zum Leben soll’s auch reichen. Mich hat noch jemand gefragt, ob wir es zusammen weiterbetreiben wollen, aber das tu' ich mir nicht mehr an. Ich weiß nicht, ob sie es abreißen oder neu verpachten wollen. Es soll auf jeden Fall erhalten bleiben, das würde ich mir wünschen.

Lassen Sie uns in Erinnerungen schwelgen: Wie ging es los mit der Christl und dem Stüberl?
Ich hatte ja vorher das "C2", eine Kneipe in der Grünwalder Straße, da kamen schon immer die Spieler. Irgendwann stand der Wildmoser (Sechzigs verstorbener Präsident Karl-Heinz Wildmoser, d. Red.) vor mir und hat gemeint: "Schau, dass Du zu uns rüber kommst!" Zuerst hatte ich Angst, ob mir das nicht über den Kopf wächst. Und was war das für eine Bruchbude! Aber die Brauerei hat mir geholfen, das Ganze herzurichten. Über die Jahre ist es so schön geworden (deutet auf die weiß-blau dekorierten Wände).

Trainer, Manager, Präsidenten – mit wem hatten Sie Ihre bewegendsten Momente?
Die Ära mit Werner Lorant und Wildmoser, als Sechzig den Durchmarsch geschafft hat, war für mich das Allerhöchste. Was haben wir da Feste gefeiert, da sind nicht nur ein, zwei Halbe Bier geflossen (lacht). Der Wildmoser ist bei mir am Stammtisch gesessen und hat mit dem Franz Beckenbauer über die Allianz Arena geredet – da wurde ordentlich verhandelt. Und laut, das kann man ja keinem erzählen. Das Einzige, was ich dazu sage: Da hat sich unser Präsi leider ein bisschen rüberreißen lassen, mit dem Stadion hat sich Sechzig leider übernommen.

Estermann: "Aigner hat mal Weißwürste spendiert"

Sie hatten auch den ein oder anderen Lieblingsspieler…
Freilich, die Spieler waren früher immer hier: Manni Schwabl war mein spezieller Freund. "Manni, du hast doch erst drei Wurstsemmeln gegessen", hab ich ihm gesagt, als er noch seine Schinkennudeln bestellt hat – ohne die ist er nicht heimgefahren. Der Thomas Miller war ein Gaudibursch: Wenn man den mit dem nächsten Gegner provoziert hat, meinte er bloß: "Die pack‘ ich mir!" Auch der Icke (Weltmeister Thomas Häßler, d. Red.) hatte seinen Stammplatz bei mir. Früher habe ich manchmal auch als Seelenklempnerin herhalten müssen, wenn Sechzig verloren hat oder einer ein Problem mit der Freundin hatte. Aber ich hab’s gern gemacht. Als der Werner gehen musste, hat sich das verändert, jetzt kommt leider kaum noch ein Spieler rein zu mir. Der Stefan Aigner hat mal Weißwürste spendiert, als er zurückgekommen ist. Den könnten wir jetzt auch brauchen, bei Uerdingen schießt er ständig Tore.

Bei den vielen Trainern dürften Sie den ein oder anderen weniger gerne begrüßt haben…
Das dürfen Sie glauben. Falko Götz hatte damals noch eine Rechnung von 30 Euro offen. Das Geld hat er mir dann geschickt, nachdem er rausgeworfen wurde, dazu ein paar Tempos – und das, obwohl er einen Löwen-Anteil am Abstieg hatte. Aber einer war noch schlimmer…

Ein anderer Abstiegstrainer?
Ganz genau, der Portugiese (Vitor Pereira, d. Red.). Erst hängt der rund ums Stüberl überall Planen auf, dass die Fans nicht mehr zuschauen können. Auf dem Platz hat er immer geschrien: "Go, go, go!" Dann sind wir abgestiegen, obwohl wir so teure Spieler hatten. Da hat hinten und vorne nix gepasst. Dann hab‘ ich mir auch gedacht: "Go, go, go!"

Estermann: "Biero ist jetzt der Boss"

Daniel Bierofka hat den Laden zusammengehalten und den Wiederaufstieg geschafft. Was halten Sie aktuell von den Löwen?
Biero ist jetzt der absolute Boss. Er passt perfekt zu Sechzig, auch sein Vater Willi ist immer da. Im Sommer war hier Halligalli, als wir den Aufstieg gefeiert haben. Ein paar Spieler waren auch im Stüberl, aber eher die Fans. Ich hoffe, dass er uns wieder nach oben bringt, aber ich hab’ auch ein bisschen Angst, dass der Verein ihn irgendwann verprellt.

Sie sagten mal, Sie hören erst auf, wenn die Löwen wieder erstklassig sind.
Stimmt, aber das wird in den nächsten zwei Monaten leider ein bisschen eng. Aber noch bin ich nicht gestorben, noch lieg’ ich nicht am Ostfriedhof. Ich hoffe, das darf ich noch erleben. Sechzig ist und bleibt mein Leben, ich werde auch in Zukunft immer kommen. Ich kann ja gar nicht anders.

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Im Video: Bierofka pusht Löwen vor Braunschweig

 

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