AZ-Interview zum NSU-Urteil Nebenkläger-Anwalt: "Die Frage nach dem Warum bleibt"

Die Angehörigen von Enver Simsek (v.l.): Sohn Abdulkerim, Witwe Adile, Tochter Semiya, ihr Mann Fatih Demirtas und ihr Sohn am Tatort. Foto: dpa

Wie die Kinder von Mordopfer Enver Simsek den Prozess erlebt haben, welches Urteil sie erwarten und wie ihr Münchner Anwalt das Verfahren beurteilt.

 

München - Der Münchner Anwalt Stephan Lucas und sein Kollege Jens Rabe vertreten im NSU-Prozess die Kinder des ermordeten Enver Simsek.

AZ: Herr Lucas, wie geht es Ihren Mandanten so kurz vor dem Urteil?
STEPHAN LUCAS: Sie spüren eine Art Vor-Erleichterung. Sie wollten diesen Prozess unbedingt - und gleichzeitig sehnen sie das Ende herbei.

Welches Urteil erhoffen Enver Simseks Kinder und seine Witwe im Fall von Beate Zschäpe?
Der wichtigste Gesichtspunkt, den mein Kollege Jens Rabe und ich als Nebenkläger-Anwälte zu verfolgen hatten, war Aufklärung. Für unsere Mandanten war die bestimmende Frage: Warum musste unser Vater sterben? Warum er?

Beate Zschäpe behauptet, eben diese Frage könne sie nicht beantworten.
Ich glaube ihr das nicht. Und es war erschreckend, wie sie sich selbst zum Opfer gemacht hat. Sie wollte uns weismachen, dass sie von dem ersten Mord erst viel später erfahren hat und dass das so schlimm für sie gewesen sei, dass das Weihnachtsfest ausfallen musste. Das ist eine Verhöhnung der wahren Opfer! Genauso, wie sie uns später noch von den Leiden ihrer Katze erzählt hat. Außerdem hat sie die Hinterbliebenen bei allem außen vor gelassen: Ihre Einlassung kam so spontan, dass die Angehörigen keine Chance hatten, dabei zu sein. Es wurden keine Fragen der Nebenkläger-Vertreter zugelassen. Dazu ist sie nicht verpflichtet, aber: Wenn sie behauptet, dafür geradestehen zu wollen, was sie getan hat, hat sie sich diese Fragen gefallen zu lassen.

Welche Strafe wäre für Ihre Mandanten also angebracht?
Tatsächlich war die Frage, wie hoch sie verurteilt wird, immer zweitrangig für sie. Wir haben um Aufklärung gekämpft - und aufzuklären wäre eine Chance für Frau Zschäpe gewesen.

Inwiefern?
Selbst wenn sie wegen Mordes verurteilt werden sollte, gibt es ein Leben danach: die Strafvollstreckung, den Strafvollzug und das Strafende. In dieser Hinsicht erwartet eine geständige Angeklagte natürlich etwas ganz anderes als eine, die sich gegen die Anklage wehrt, indem sie schweigt, beziehungsweise Einlassungen macht, die nicht glaubhaft sind. Enver Simseks Kinder sind davon überzeugt, dass die zehn Morde auf ihr Konto als Mittäterin gehen. Insofern ist für sie die Forderung der Vertreter des Generalbundesanwalts nachvollziehbar: lebenslange Haft unter Berücksichtigung der besonderen Schwere der Schuld mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Anwalt: Zschäpes Salamitaktik-Linie halte ich für extrem unklug

In ihrem Schlusswort hat sich Zschäpe entschuldigt. Wie gehen die Simseks damit um?
Ich habe es so verstanden, dass es ihr leid tut, dass diese Menschen zu Tode gekommen sind. Das tut aber jedem halbwegs normal denkenden Menschen leid - ganz gleich, ob er mit der Sache zu tun hat, oder nicht. Eine Entschuldigung für ihre eigenen Tatbeiträge habe ich nicht vernommen - und meine Mandanten auch nicht. Das Geständnis von Carsten S. hingegen war von Reue getragen. Seine Entschuldigung haben die Simseks angenommen.

Wenn Sie Zschäpes Anwalt gewesen wären: Zu welcher Taktik hätten Sie ihr geraten?
Schwer zu sagen. Der Verteidiger-Wechsel hat mit Sicherheit nicht gutgetan. Eine klare Linie war dadurch nicht mehr erkennbar. Die Anfangslinie war Schweigen - das erscheint mir nachvollziehbar. Die spätere Salamitaktik-Linie halte ich für extrem unklug. Ich hätte ihr zur Flucht nach vorne geraten: zu einem umfassenden Geständnis und einer klaren Distanzierung von dem, was sie damals gemacht hat. Sie hätte den Opfern und Hinterbliebenen eine riesige Last von den Schultern genommen, den Untersuchungsausschüssen viel Arbeit erspart - und man hätte an einem Leben nach der Haft arbeiten können. In dieser Hinsicht sieht es jetzt düster aus.

Wie fällt Ihre Verfahrens-Bilanz insgesamt aus?
Bereits im ersten Jahr hat der Sachbearbeiter bei den Ermittlungen gegen die Simseks - es wurde ja gegen die Familie ermittelt, sie wurden vernommen und abgehört - im Prozess auf meine Frage klipp und klar gesagt: Enver Simsek hat nichts Strafbares getan. Er hat keine erkennbare Schuld auf sich geladen, die erklären könnte, wie es zu der Straftat gegen ihn gekommen ist. Das war die größte Rehabilitierung, die sich seine Hinterbliebenen nach den schlimmen Jahren des Verdächtigtwerdens erhoffen konnten. In dieser Hinsicht ist mehr passiert, als ich erwartet hatte. Wer aber erhofft hat, dass wir den NSU als solchen verstehen und nachvollziehen können, mutet unseren strafprozessualen Möglichkeiten zu viel zu.

Wie beurteilen Sie die Rolle des Verfassungsschutzes?
Am Ende kann man ihm nichts nachweisen. Die Verstrickung des Verfassungsschutzes, sein gezieltes Arbeiten in eine Richtung, dass das Thema Ausländerfeindlichkeit als Hintergrund vollkommen ausgeblendet wurde, dass am Anfang die Akten in großem Umfang vernichtet worden sind - das alles ist skandalös, wird aber beim Urteil keine Rolle spielen. Doch in der Öffentlichkeit hat es hoffentlich zu einer Sensibilisierung geführt.

Wusste der Verfassungsschutz Ihrer Meinung nach, wo die drei sind und welche Verbrechen sie begehen?
Es bleibt bei einer Meinung. Dass sie mehr wussten, als im Prozess preisgegeben wurde, steht außer Frage. Am Stammtisch würde ich mich wohl trauen zu sagen: Die wussten Bescheid, die wurden doch zum Teil extra darauf angesetzt. Aber fundieren konnten wir das im Prozess nicht.

Grundlage Deutschlands ist nicht die Bibel, sondern das Grundgesetz

Was hat der Prozess Ihren Mandanten gebracht?
Als der NSU im November 2011 aufflog, war das für die Simseks ein ganz absurder Spagat: Sie haben innerhalb einer Sekunde die tiefe Erleichterung darüber verspürt, dass ihr Vater nicht Opfer werden musste, weil er in strafrechtliche Machenschaften verwickelt war - und zugleich erfahren, dass er sterben musste, weil es Menschen in Deutschland gibt, die ihm aufgrund seiner Herkunft das Recht auf Leben absprechen. In den letzten Jahren haben sie gelernt, das als Status quo zu akzeptieren. Aber die Frage nach dem Warum wird ein Leben lang bleiben.

Leben die Simseks noch in Deutschland?
Semiya hat bei einem Besuch in der Türkei ihren heutigen Mann kennengelernt und ist zu ihm dorthin gezogen. Sie ist aber ständig in Deutschland und hier beheimatet, wie sie selbst sagt. Ihr Bruder lebt mit seiner Familie bei Frankfurt, die Mutter pendelt zwischen beiden.

Das Klima in Deutschland ist für Muslime deutlich rauer geworden. Wie empfinden die Simseks das?
Die schütteln den Kopf darüber. Semiya sagt, sie hat sich nie Gedanken gemacht über Integration, sich nie gefragt, ob sie passt, so wie sie ist. Das war kein Thema. Da, wo sie aufgewachsen ist, lebten Deutsche, Türken, Italiener alle bunt gemischt. Es ging nie darum, irgendeiner Idee zu folgen - es hat einfach geklappt. Die Frage "Wo stehe ich als jemand mit ausländischen Wurzeln?" kam erst auf, als das alles 2011 herauskam. Semiya Simsek wirbt heute dafür, dass Integration nicht bedeutet, sich an eine einzige Kultur anpassen zu müssen - sondern ja zu sagen zu einem Land, in dem man aufwächst und in dem man sich zuhause fühlt. Und ich finde, wir Deutschen sollten mal darüber nachdenken, dass wir es den Gedanken der Aufklärung zu verdanken haben, wo wir heute sind - aber sicher nicht der Geschichte des Christentums. Grundlage Deutschlands ist nicht die Bibel, sondern das Grundgesetz.

 

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