AZ-Interview zum Langlauf-Skandal Experte Pabst: "Doping ist nicht totzukriegen"

"Ich bin überzeugt, dass es weiterhin Sportler gibt, die sauber sind, aber da muss eben alles stimmen. Das Talent, der Wille, die Disziplin, die körperlichen Voraussetzungen", sagt Sportmediziner Dr. Helmut Pabst. Foto: sampics/Augenklick

Experte Dr. Helmut Pabst spricht in der AZ über die Razzia bei der Nordischen Ski-WM und darüber, was er nun noch erwartet.

 

München - Der Gilchinger Sportmediziner ist einer der führenden Doping-Experten in Deutschland, er nahm selber jahrelang Dopingkontrollen vor.

AZ: Herr Dr. Pabst, wie überrascht waren Sie als Doping-Experte, dass man in der heutigen Zeit bei einer Razzia Athleten noch mit der Nadel im Arm auf frischer Tat ertappen kann, wie jetzt bei der Nordischen WM in Seefeld passiert?
DR. HELMUT PABST: Da kann man nur den Behörden in München und Tirol gratulieren, dass wirklich nichts durchgesickert ist. Oft hören auch wir im Vorfeld etwas, aber dieses Mal gab es gar keine Anzeichen. Und das zeigt, wie gut und wichtig es ist, dass es das Anti-Doping-Gesetz gibt. Denn die Polizeibehörden haben eben ganz andere Möglichkeiten als wir Kontrolleure – und das ist auch gut so. Wenn jetzt im Zuge dieser Razzia wirklich welche ins Gefängnis gehen, ist das vielleicht der Warnschuss vor den Bug, den die Unverbesserlichen brauchen. All die, die gegen dieses Gesetz waren, sollen jetzt wirklich ganz still sein. Man sieht, was es bringt.

Es wurde auch ein deutscher Sportarzt, der lange in der Radsport-Szene tätig war, in Erfurt festgenommen.
Ein alter Bekannter, dass der da wieder mittendrin ist, wundert mich nicht. Und ich kann Ihnen jetzt schon sagen, dass das, was da rauskommen wird, noch viel interessanter ist, als das, was bei den Langläufern in Seefeld passiert ist.

Wer waren denn dessen andere Kunden?
Ich bin überzeugt, dass da auch Fußballer, Leichtathleten und andere darunter sind. Am Ende werden wir Deutschen auf keinen Fall mit dem Finger auf die Österreicher zeigen können.

Die Razzia basiert auf den Aussagen des österreichischen Langläufers Johannes Dürr, der auch sagt, dass es ohne Doping im Spitzensport einfach nicht geht. Stimmt das?
Er hat dann recht, wenn das Talent abgeht. Ich bin überzeugt, dass es weiterhin Sportler gibt, die sauber sind, aber da muss eben alles stimmen. Das Talent, der Wille, die Disziplin, die körperlichen Voraussetzungen. Wenn da was nicht passt, dann geht es nur mit Doping. Er ist ja bei Olympia in Sotschi aufgeflogen. Als wir gehört haben, dass er aus Sotschi abreist, um Regeneration in der Heimat zu betreiben, hat mir ein Kollege gleich gesagt, jetzt testen wir ihn, der ist positiv. So war es dann eben auch.

Pabst: "Dopingindustrie ist eine extreme Geldmaschine"

Wie hoch würden Sie denn den Prozentsatz der gedopten Athleten beziffern?
Das ist schwierig. Aber es gab eine anonyme Umfrage unter deutschen Athleten. Die wurden befragt, ob sie dopen würden, wenn es nicht nachweisbar wäre. 60 Prozent haben Ja gesagt.

Wieviel Leistungssteigerung bringt Doping denn wirklich?
Das ist weiterhin eine Menge. Man sagt, dass allein eine Infusion mit Wasser schon eine Leistungssteigerung von einem Prozent bei den Athleten ausmacht. Bei Doping darf man schon von zehn bis 15 Prozent ausgehen. Wenn man an die die vielen Sportarten denkt, bei denen Hundertstel entscheiden über Medaillen und Geld, dann ist die Versuchung natürlich sehr groß. Die Dopingindustrie ist eine extreme Geldmaschine, deswegen ist Doping auch nicht totzukriegen. Der Fuentes...

Der spanische Dopingarzt, der vor allem im Radsport sehr aktiv war.
Genau. Der hat für eine Behandlung 3.000 Euro genommen. Eine Zentrifuge kostet so 120.000 bis 150.000 Euro, da muss man sich ja nur ausrechnen, wie viele Behandlungen man braucht, um so eine Zentrifuge gegenzufinanzieren. Das sind nicht so viele. Denn die Wirkung hält nicht ewig. Um über eine Tour de France zu kommen, braucht man etwa drei Behandlungen.

Lesen Sie hier: Doping-Beben - Erfurter Arzt drohen bis zu zehn Jahren Haft

 

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