AZ-Interview zum Ironman Al-Sultan: "Frodeno hat viele, viele Jahre gebraucht"

Faris Al-Sultan (links) gewann am 15. Oktober 2005 in 8:14:17 Stunden den Ironman auf Hawaii, Jan Frodeno (rechts) siegte in der Nacht zum Sonntag in 8:06:30 Stunden. Foto: dpa

Der Münchner Faris Al-Sultan gewann 2005 den Ironman in Hawaii. In der AZ spricht er über Superstar Jan Frodeno, den er seit Jahren kennt, über deutsche Tugenden und die Schmerzen der Eisenmänner.

 

München - Der 38-jährige Münchner Faris Al-Sultan war einer der besten Triathleten der Welt. Beim Ironman 2005 auf Hawaii triumphierte er sensationell, 2015 beendete er seine Karriere.

AZ: Herr Al-Sultan, beim Ironman auf Hawaii verteidigte nicht nur Jan Frodeno seinen Titel, sondern mit Sebastian Kienle und Ihrem Schützling Patrick Lange gingen gleich alle Stockerlplätze an Deutschland. Sind die Deutschen eine Nation aus Eisenmännern, oder wie sehen Sie das, der den Ironman 2005 gewonnen hat?
FARIS AL-SULTAN: (lacht) Man muss sagen, dass der Triathlon-Sport den Stärken, den Tugenden des Germanen einfach entgegenkommt. Klar braucht man auch etwas Talent, aber beim Triathlon kann man mit harter Arbeit, mit Wille, mit Disziplin viel erreichen, das sind unsere großen Stärken.

Beim Triathlon besiegt ja eher der Kopf den eigenen Körper.
Stimmt. Schauen Sie sich doch an, wie viele Triathleten laufen, das sieht zum Teil schrecklich aus, da kriegt jeder Lauflehrer Albträume, wenn er das sieht. Aber es ist in unserer Sportart nicht entscheidend. Bei uns sind die Voraussetzungen ganz andere, als etwa beim 100-Meter-Sprint. Wenn du die Strecke nur in 12,5 Sekunden zurücklegst, kannst du trainieren, wie du willst, du wirst nie Weltklasse werden. Je kürzer eine Strecke, umso wichtiger ist das Talent, die körperlichen Voraussetzungen. Wenn eine Strecke länger ist, kannst du andere Attribute in die Waagschale werfen und erfolgreich sein. Zudem sind es drei Disziplinen. Da kann man es ausgleichen, wenn du in einer der drei Sportarten für sich genommen nicht überragend bist. Wenn du bereit bist, dich über lange Zeit zu quälen, wenn du in der Lage bist, Schmerzen zu ignorieren, kannst du es bei uns zu Topleistungen schaffen.

So wie jetzt Jan Frodeno, der seinen Titel verteidigt hat!
Das ist eine grandiose Leistung. Einmal zu gewinnen, ist schon der Hammer, aber den Titel zu verteidigen, ist umwerfend. Jan hat Historisches geschafft. Er gehört ohne Frage zu den allergrößten Athleten, die unser Sport je hervorgebracht hat. Vielleicht ist er sogar der Größte aller Zeiten. Auf jeden Fall wird es so schnell keinen mehr geben, der es schafft, den Olympiasieg zu holen, der in Roth, in Frankfurt gewinnt, der in der Halbdistanz triumphiert. Er hat alles abgeräumt. Diesen Erfolg habe ich ihm sehr gegönnt, aber man hat beim Zieleinlauf schon gesehen, wie fertig er ist, wie er gelitten hat.

Und dann kommt auch noch die klebrige Bierdusche.
(lacht) Ja, aber in dem Moment ist es dir egal, was du drüberkriegst, solange es nur kalt ist. Ob du danach noch ein bisschen mehr klebst, als du es eh schon tust, ist egal. Du bist in dem Moment so dermaßen euphorisiert, das kann man gar nicht beschreiben. Ich kenne mich da zwar nicht aus, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass dir irgendeine Droge diese Euphorie verschaffen kann, die dir der Sport in einem solchen Moment verpasst. Da bist du in einer anderen Welt.

Sie kennen Frodeno schon seit gefühlten Ewigkeiten.
Das stimmt. Ich bin mit ihm ja noch Bundesliga gelaufen, das war Anfang der 2000er. Und ganz ehrlich: Wir alle dachten damals, aus dem wird nie etwas.

Öha, diese Fehleinschätzungen müssen Sie näher erläutern!
Er hatte immer diesen extremen Willen, aber er war eben auch überehrgeizig. Und der Grat zwischen alles aus sich herausholen und sich kaputtmachen beim Training ist ein ganz, ganz schmaler. Nehmen Sie den Andreas Raelert, keiner trainiert mehr als er, aber er hat sich kaputtgemacht, wir alle dachten, das würde Jan auch passieren. Und es war ja auch so, dass er viele, viele Jahre gebraucht hat, um das richtige Maß zu finden. Vor seinem Olympiasieg 2008 in Peking, da war er ein Guter, aber auch da war noch nicht absehbar, wie sehr er durchstarten, dass er so ein Großer werden würde. Aber er hat die Kurve gekriegt, vor etwa zwei Jahren hat er sich einen Physiotherapeuten geholt, der sich nur um ihn kümmert. Das braucht man, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, denn sonst bringt dich alles um. Aber es hat ihm jetzt in Hawaii schon ein bisschen die Leichtigkeit gefehlt. Wenn der Sebastian Kienle irgendwann noch Schwimmen lernen würde, dann wäre er eine echte Gefahr für Jan.

Und Patrick Lange, Ihr Schützling? Der wurde bei seinem Hawaii-Debüt gleich Dritter.
Das war schlicht sensationell. Ich arbeite jetzt seit eineinhalb Jahren mit ihm zusammen, ich weiß, was er kann, aber da hat er sogar mich überrascht.

Wie würden Sie Ihre Zusammenarbeit beschreiben? Sind Sie Trainer? Mentor? Berater?
Patrick braucht keinen klassischen Trainer, er läuft sein halbes Leben schon Triathlon, da braucht er keinen, der ihm sagt, ob er beim Laufen den kleinen Finger noch mehr abspreizen soll. Ich würde mich Berater nennen. Ich bin einer, der ihm vielleicht etwas Struktur vermittelt, etwas auf die mentalen Herausforderungen, die in unserem Sport ja eine mitentscheidende Rolle spielen, vorbereite.

Können Sie einem Normalsterblichen diese mentale Komponente während eines Triathlons erklären? Es hieß ja etwa, dass der Ironman in diesem Jahr der härteste aller Zeiten war.
Ach, das heißt es jedes Jahr. Darauf gebe ich gar nichts. So wie ich das sehe, waren es sogar eher angenehme Bedingungen. Insgesamt ist es so, dass etwa ab Kilometer 15 beim Laufen die Schmerzen kommen. Das ist dieser latente Schmerz, der dich bei jedem Schritt begleitet. Das Harte in Hawaii ist, dass genau ab dort auch keine Zuschauer mehr an der Strecke stehen. Du bist völlig allein. Mit dir selbst – den Schmerzen. Dann läufst du durch diese Lavalandschaften. Du hast dir immer irgendwas wundgescheuert, du hast einen Sonnenbrand. Die Schmerzen werden immer schlimmer. Du willst dich dann nur mal hinsetzen, einfach abkühlen, einfach etwas Linderung. Bei jedem Schritt sagt dein Körper, dass er aufhören, aufgeben will. Und bei jedem einzelnen Schritt musst du ihn mit deinem Kopf dazu zwingen, weiterzulaufen. Ja, man will eigentlich bei jedem Schritt aufgeben. Dieser Kampf geht in dir ab, wenn du dann aber das Ziel vor Augen siehst, dann ist das all die Schmerzen, die Strapazen, die Qualen wert.

 

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