AZ-Interview zum Brand des Gemeindehauses 1970 Richard C. Schneider: "Als wenn Sie ihr Elternhaus zerstört sehen"

Der Journalist Richard C. Schneider. Foto: imago images / Uwe Steinert

Richard C. Schneider ist 13, als ein Unbekannter am 13. Februar 1970 das jüdische Gemeindehaus in der Reichenbachstraße 27 in Brand steckt. Im Interview mit der AZ spricht der Münchner Journalist über seine Erinnerungen an damals.

 

München - Richard C. Schneider erlebte als junges Gemeindemitglied die Zeit des Anschlags am 13. Februar 1970. In der AZ erinnert er sich an die schreckliche Tat.

AZ: Herr Schneider, wie erinnern Sie sich an den 13. Februar 1970?
RICHARD C. SCHNEIDER: Ich war 13 Jahre alt und hatte gerade meine Bar Mitzwah hinter mir. Die Feierlichkeiten hatten komplett in der Reichenbachstraße stattgefunden. Auch im koscheren Restaurant, das damals im selben Haus war. Wir haben keine große Feier gemacht, aber meine Eltern haben dafür die ganzen Räumlichkeiten renoviert, weil sie zum Teil ziemlich heruntergekommen waren. Als dann dieser Anschlag kam, war das irgendwie wie eine posthume Zerstörung meiner Bar Mitzwah.

Haben Sie das mit 13 verstanden, dass es ein Angriff war – oder wurde Ihnen erklärt, dass es halt gebrannt hat?
Das habe ich komplett verstanden. Ich hatte Antisemitismus in Deutschland und in München von klein auf erlebt. Mich hat das nicht überrascht.

Schneider: "Jeder in der Gemeinde war schockiert"

Wie haben die Erwachsenen reagiert?
Ich kann mich erinnern, wie schockiert meine Eltern waren und jeder in der Gemeinde. Ich kannte auch mehrere der Bewohner des Altenheims, die gestorben sind. Es gab auch einen Jugendclub, in den ich immer am Sabbat gegangen bin, der war auch in der Reichenbachstraße. Diese Synagoge war zu diesem Zeitpunkt unser jüdisches Zuhause.

Die alten Menschen, die dort gelebt haben, waren ein Teil des Gemeindelebens und des Alltags dort?
Absolut! Man muss das Ganze auch immer verbunden mit der Shoah sehen. Wir wussten schon als Kinder alles über den Holocaust. Wir wussten, unsere Großeltern, unsere Onkel und Tanten sind alle umgebracht worden. Und dass die älteren Menschen durch Konzentrationslager oder Flucht gegangen waren. Dass diese Menschen jetzt in der Reichenbachstraße getötet wurden, hat ein "Es hat sie doch noch eingeholt in Deutschland"-Gefühl ausgelöst.

Was hat das damals für die Gemeinde bedeutet? Wie groß war der Einschnitt?
Es war natürlich ein Schock, eine Überraschung war es irgendwie aber auch nicht. Man muss sich klar machen, dass die Generation der Nazis noch da war. Auch bei mir zuhause kam nach dem Attentat gleich die Diskussion auf: Bleiben oder gehen? Aber: Ich war in der Schule, mein Vater hatte ein Geschäft, wir waren einigermaßen etabliert, hatten Freunde. Da geht man nicht so ohne Weiteres. Aber der Anschlag machte mir und vielen meiner Generation noch mal klar, dass wir uns auf unsicherem Terrain befinden. Ich habe die Zerstörungen dann auch gesehen, ich weiß noch, wie ich anfing zu heulen.

Schneider: "Es war, wie wenn Sie Ihr Elternhaus plötzlich zerstört sehen"

Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Es war, wie wenn Sie Ihr Elternhaus plötzlich zerstört sehen. Wenn das Zuhause zerstört wird, fühlt es sich so an, dass Ihnen Ihr ganzes Heimatgefühl zerstört wurde. Mein Vater und ich gingen immer dort in die Synagoge, nicht in die Möhlstraße, nicht in die Georgenstraße.

Aus heutiger Sicht ist erstaunlich, wie wenig das jüdische Zentrum bewacht war. Charlotte Knobloch hat dieser Tage gesagt, man habe bewusst ein "offenes Haus" sein wollen.
Ich würde der Aussage von Frau Knobloch ein bisschen widersprechen. Ich glaube nicht, dass das eine bewusste Entscheidung war, ein offenes Haus zu sein. Die Juden waren zu diesem Zeitpunkt in München sehr abgeschottet von der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Man hatte kaum Kontakt, auch privat.

Von den Sicherheitsbehörden wurde die jüdische Gemeinde offenbar auch nicht besonders geschützt.
Das hatte einen anderen Grund. Es ging niemand davon aus, dass so ein Anschlag geschieht. Das Bewusstsein für Terrorismus gab es noch nicht. Das änderte sich in den 70er Jahren. In München gab es nach diesem Anschlag ja noch einen auf die El-Al-Maschine am Flughafen in Riem, den Anschlag auf die israelischen Sportler im Olympischen Dorf 1972. Aber 1970? Da gab es kein Bewusstsein, dass so etwas geschehen kann. Danach standen bald immer Polizisten im Hof in der Reichenbachstraße.

Schneider: "Ich finde irrelevant, ob es Links- oder Rechtsextremismus ist"

Es gibt unterschiedliche Thesen zum Anschlag auf das jüdische Zentrum in der Reichenbachstraße. Manche glauben, dass es Rechtsextreme waren, andere sehen Indizien, dass es radikale Linke gewesen sein könnten. Ist diese Frage für Sie persönlich wichtig?
Nein. Ich finde irrelevant, ob es Links- oder Rechtsextremismus ist. Aus der politischen Gemengelage in Bayern hat man damals natürlich alles lieber auf den Linksextremismus geschoben. Nazis als Täter, das wäre auch außenpolitisch eine Katastrophe gewesen. Für mich persönlich ist der springende Punkt: Antisemitismus von Links- und Rechtsextremen hat für mich als Juden doch erstmal die gleiche Auswirkung. Insofern ist mir völlig wurscht, aus welcher Ecke das kommt. Was man diskutieren muss, auch heute, ist, aus welcher Ecke gerade die Bedrohungslage größer ist. Im Augenblick ist in Deutschland die Gefahrenlage von rechts einfach größer.

Der Anschlag ist in München sehr in Vergessenheit geraten. Wie konnte das geschehen?
Es gab erstens das Bestreben der Politik, das möglicht schnell zur Seite zu schieben. Zweitens hat man es nicht aufgeklärt. Drittens hat der Anschlag bei den Olympischen Spielen zwei Jahre später alles überschattet, viertens hat man den Gemeindebau schnell neu hingestellt, auch die Gemeinde wollte es vergessen.

Schneider: "Der Staat muss seine Bürger schützen"

Sie kritisieren die erstarrten Rituale der Erinnerungskultur. Was wäre ein würdiges Gedenken an das Attentat in der Reichenbachstraße?
Sie meinen, dass ich nach dem Anschlag von Halle über diese Mahnwachen aufgeregt habe? Ja, das habe ich. Solche Mahnwachen haben etwas zu tun mit einem Wohlfühlerlebnis derjenigen, die da stehen. Wenn wir Halle als Beispiel nehmen, dann hätte ich mir gewünscht, dass zum Beispiel eine Demonstration vor dem Innenministerium in Sachsen-Anhalt stattfindet. Weil: Warum haben die die Synagoge nicht geschützt?

Es ist ja gut gemeint, vor Synagogen zu stehen und Kerzen anzuzünden. Aber es geht ja um etwas anderes: Darum, dass der Staat seine Bürger schützen muss. Es geht darum, zu sagen: Wir fordern die Verpflichtung des Staates ein. Aber natürlich, es ist in Ordnung und wichtig, zu einem 50. Jahrestag Veranstaltungen zu machen. Da würde ich nicht widersprechen.

Aber eine neue Sensibilität für Antisemitismus würden Sie daraus nicht ziehen?
Man zeigt eben, dass man anständig ist. Für mich ist aber immer die Frage: Was passiert am Tag danach? Es gibt so viele Gedenkveranstaltungen. Da wird immer das Selbe gesagt: Nie wieder. Wir haben aus der Geschichte gelernt. Wir kennen ja diese Versatzstücke der Politiker. Und dann passiert nichts. Dabei geht es nicht nur um uns Juden. Es geht um eine liberale Gesellschaft.

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