AZ-Interview zum 60. Geburtstag Hansi Pflügler: Wie die Bayern-Ikone heute lebt und feiert

Hansi Pflügler, Urgestein des FC Bayern München, wird 60. Oder 59 plus 1, wie er es nennt. Foto: imago/Jan Huebner

Hansi Pflügler, das Urgestein des FC Bayern, feiert am Freitag seinen 60. Geburtstag – oder, wie er es sagt: "59 plus 1". In der AZ erzählt er über sein Leben und die abgesagte Feier – wegen der Corona-Krise.

 

München - In normalen Zeiten wäre das Haus am Weihenstephaner Steig gerade ganz gut belegt. Wie sonst auch wären Geschäftsleute hier, auf Dienstreise für eine Tagung, eine Messe. Familien auf München-Visite. Mitarbeiter der Brauerei oben am Berg. Und natürlich wären am letzten Wochenende auch wieder Fans gekommen, die gern einmal beim Weltmeister übernachten wollen und denen der Gastgeber als Pauschalarrangement Tickets für das Spiel der Bayern gegen Eintracht Frankfurt am Sonntag besorgt hätte.

Hansi Pflügler: "Ich werd ja nur neunafuchzg plus eins"

Aber die Zeiten sind eben nicht mehr normal. Bayern spielte nicht, Bayern spielt gar nicht mehr. Die Allianz Arena ist verwaist, genauso wie die 18 Zimmer der Pension Pflügler in Freising, die Einzelzimmer für 75 Euro, die Doppelzimmer für 100, alles leer, alles storniert. Und auch die große Party mit 80 geladenen Gästen fällt flach, mit der Hansi Pflügler seinen runden Geburtstag feiern wollte. "Dabei ist es ja gar kein runder", entgegnet Pflügler gleich einmal, "ich werd ja nur neunafuchzg plus eins."

Einer wie Pflügler, ein Roter durch und durch, seit mehr als vier Jahrzehnten Angestellter des FC Bayern, dem graust es davor, dieses Wort auszusprechen, mit dem man auch einen ungeliebten Klub in der Nachbarschaft verbindet. Sechzig. So alt wird er an diesem Freitag. Der kantig kernige Abräumer, der fünffache Deutsche Meister. Der dreimalige Pokalsieger. Der Weltmeister. Der Hansi.

Hansi Pflügler: Symbolfigur für den rustikalen Spielstil

Hansi Pflügler spielte meist links hinten, immer kompromisslos und hart. Heute würde man sagen: physisch. Und wenn er nicht gerade über die Grasnarbe grätschte, hatte er diesen typischen Laufstil, aufrecht, aufgeschossen, durchgedrücktes Kreuz. Pflügler war eine Symbolfigur für den rustikalen Spielstil, den die Bayern in den Achtziger-Jahren pflegten.

Einer, der Rummel und Rampenlicht stets scheute und seine Arbeit auf dem Platz machen wollte, er machte sie meist sehr gut. Manche Aktionen bleiben unvergessen, sein weiter Einwurf im Landesmeister-Finale 1987, bevor Wiggerl Kögl das 1:0 gegen Porto köpfte, eine Nord-Süd-Co-Produktion, Einwurf Freising, Kopfball Penzberg. Oder sein Gewaltschuss gegen Real Madrid 1988, als er im Viertelfinale den Ball ins kurze Kreuzeck nagelte, es war das Jahr, in dem die Bayern dennoch an Real scheiterten und in dem sie die seltsamen weißen Querstreifen auf ihren Hosen trugen.

Elfmal kickte Pflügler für die Nationalmannschaft, bei der WM 1990 machte er ein Spiel, das letzte in der Vorrunde, als Libero beim einseins gegen Kolumbien, als sich Carlos Valderrama leidend am Boden wälzte und für die schönste Schauspielerei der WM-Historie seit 1930 sorgte. Das Spiel war in San Siro, jenem Stadion, über das man nun knapp 30 Jahre später nicht mehr wegen legendärer Fußballpartien spricht, sondern weil es, wie Virologen sagen, mit dem Spiel zwischen Atalanta und Valencia Mitte Februar vor 44.000 Zuschauern maßgeblich am Corona-Ausbruch in und um Bergamo verantwortlich war, als Infektionsherd. Als Brandbeschleuniger. Als Stadio zero.

"Was in Italien gerade passiert, ist eine furchtbare Katastrophe", sagt Pflügler, er sieht auch die Bilder von Särgen, die lastwagenweise abtransportiert werden und dass dort in manchen Orten die Totenglocken nicht mehr läuten, weil man sie sonst den ganzen Tag hören müsste. Er weiß auch, dass das eine andere Qualität ist als eine leer stehende Pension, die er vor 15 Jahren eröffnete, und wenn sie jetzt eben mal leer steht, dann muss er auch nicht um die Existenz fürchten.

"Einen Vertrag bei den Bayern habe ich seit 1978"

Das Haus am Fuß des Weihenstephaner Bergs sei inzwischen fast abbezahlt, sagt er, und angestellt bei den Bayern sei er ja auch immer noch "Vertrag hab ich seit 1978". Bei den Profis beendete er die Laufbahn 1992, danach spielte er bis 1996 für die Amateure, bevor ihn Hermann Gerland 2001 für eine Saison in der Regionalliga reaktivierte, mit 41.

Nach der Karriere leitete er erst den Fanshop, dann betreute er die Legenden-Mannschaft, die sich am Samstag zum Duell mit Leeds United verabredet hatte, in Erinnerung an das Europapokal-Finale 1975 im Prinzenpark. Aber auch der Kick fällt jetzt genauso flach wie die Reisen, auf denen Pflügler zuletzt unterwegs war, als einer der internationalen Trainer des FC Bayern, als Botschafter von der Säbener Straße, das Rote in die Welt zu tragen.

Zuletzt war er vor einem Jahr in Äthiopien, dort eröffnete er in Addis Abeba eine Fußballschule für Kinder und Jugendliche. "Wenn man sieht, wie die Menschen dort leben, welche Probleme sie dort haben", sagt Pflügler, "dann wird die Sicht auf die Welt schon eine andere. Das relativiert so manches."

Dann ist es auch verschmerzbar, mal eine große Geburtstagsparty zu verschieben. Feiern wird er mit seiner Frau Petra und den drei gemeinsamen Kindern (32, 28, 24) im kleinen Kreis, die große Sause gibt es vielleicht genau in einem Jahr, wenn es dann wirklich etwas zu feiern gibt. Dann ist Hansi Pflügler erlöst. Endlich nie mehr Sechzig.

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