AZ-Interview Vreni Schneider: "So eine wie die Shiffrin gab es noch nie!"

"Sie fährt in einer anderen Dimension, in ihrer eigenen Dimension", sagt Vreni Schneider, die einstige Ski-Königin aus der Schweiz, über US-Superstar Mikaela Shiffrin, die schon WM-Gold im Super-G geholt hat. Foto: Gabriele Facciotti/AP/dpa

Exklusiv in der Abendzeitung spricht die einstige Ski-Königin Vreni Schneider über den US-Superstar, den Abschied von Lindsey Vonn – und die deutschen Asse Viktoria Rebensburg und Felix Neureuther.

München - Vreni Schneider im AZ-Interview. Die Schweizerin (54) holte bei Olympischen Spielen dreimal Gold, einmal Silber und einmal Bronze sowie bei Weltmeisterschaften drei Mal Gold, zwei Mal Silber und ein Mal Bronze. Mit 55 Weltcupsiegen belegt sie in der ewigen Bestenliste Platz vier.

AZ: Frau Schneider, die Expertenmeinung der früheren Ski-Königin und dreimaligen Olympiasiegerin ist gefragt: Ist US-Superstar Mikaela Shiffrin bei dieser WM in Are überhaupt zu schlagen?
VRENI SCHNEIDER: Nein (lacht).

Das war kurz und knapp.
Ich muss zugeben, wenn es um Shiffrin geht, fällt es mir schwer, die Worte zu finden. Sie fährt in einer anderen Dimension, in ihrer eigenen Dimension. Sie ist einzigartig, ein Phänomen. Da stimmt alles. Auch das ganze Umfeld. Sie hätte bei der WM jetzt auch problemlos die Kombination fahren können. Ziemlich sicher hätte sie da auch gewonnen. Aber sie und ihr Team haben entschieden, darauf zu verzichten, um die Belastung für Mikaela richtig zu steuern. Die denken nicht nur an den Moment, sondern schon zwei, drei Jahre voraus. Und eines ist klar, wenn sie gut in sich hineinhört und das alles gut dosiert, dann kann sie auch noch 15 Jahre sehr erfolgreich fahren.

Sie geraten ja richtig ins Schwärmen.
Absolut. Es macht einfach Spaß, ihr zuzusehen. Sie fährt so fein, so gekonnt, das ist nur gigantisch. Was mich besonders beeindruckt, ist, dass sie wirklich in jeder Disziplin überwältigend unterwegs ist. In der Abfahrt haben die Spezialistinnen Probleme, die Kurve richtig durchzufahren, und dann kommt Shiffrin daher und fährt das alles mühelos. Am nächsten Tag fährt sie dann Slalom und gewinnt da auch noch souverän. Was soll man dazu sagen? Ich sage: So eine wie die Shiffrin gab es noch nie.

Was waren denn Ihre Gedanken, als Shiffrin an Ihnen in der ewigen Bestenliste der Weltcup-Siege vorbeigezogen ist?
Ist sie das schon? Ich dachte, wir wären beide bei 55.

Ich muss Ihnen leider die traurige Kunde überbringen, dass Shiffrin bereits 56 Siege hat.
(lacht) Kein Problem, ich bin stolz und glücklich, dass ich in meiner Karriere 55 Mal gewinnen konnte, das ist für jemanden aus der kleinen Schweiz ganz ordentlich. Wenn sie sich nicht verletzt, was bitte nicht passieren soll, wird Shiffrin auch meine Bestmarke von 14 Weltcup-Siegen in einer Saison jetzt sicher brechen. Und sie hat es sich auch verdient. Sie wird sowieso alle Rekorde pulverisieren. Auch die meisten Siege bei den Frauen von Lindsey Vonn mit 82 oder den absoluten Rekordhalter Ingemar Stenmark mit seinen 86 Erfolgen wird sie überflügeln.

Shiffrin ist ja erst 23!
Eben! Es wird ja viel darüber spekuliert, wer der Beste aller Zeiten ist. Klar, Stenmark ist viel weniger Rennen gefahren, aber dafür gewinnt Shiffrin in allen Disziplinen, nicht nur in den technischen wie Stenmark.

Und bei Vonn sähe es auch anders aus, wenn nicht derart viele Rennen auf Ihrer Heimstrecke in Lake Louise ausgetragen worden wären.
Absolut richtig. Dann hätte sie sicher weniger Siege. Aber auch Lindsey hat eine tolle Karriere gehabt. Dass sie das bei der Abfahrt noch mal mit WM-Bronze krönen konnte, hat mich sehr gefreut – und überrascht.

Sie haben Vonn diese Leistung nicht mehr zugetraut?
Eigentlich nicht. Lindsey hatte ja eine schwere Zeit mit all den Verletzungen und als sie dann hier bei der WM im Super-G auch noch gestürzt und in den Fangzäunen gelandet ist, da war ich schon sehr skeptisch. Denn ohne Zweifel hatte sie große Schmerzen. Aber Vonn hat eben diesen großartigen Willen und Kampfgeist. Sie hat das ausgeblendet und eine wirklich fantastische Leistung geboten. Da kann ich nur gratulieren.

Was trauen Sie denn jetzt Viktoria Rebensburg im Riesenslalom zu?
Viel! Ich halte ganz viel von ihr und mag sie auch gerne. Als Mensch, als Skifahrerin. Beim Super-G hat sie als Vierte wirklich sehr viel Pech gehabt. Wenn bei ihr die Sicht nicht gar so schlecht gewesen wäre, dann wäre noch mehr drin gewesen. Ich wünsche ihr jetzt auf jeden Fall alles, alles Gute – und würde mich sehr freuen, wenn sie noch eine Medaille holt. Ich traue es ihr zu.

Sie beide kennen sich schon lange und gut.
Ja, ich steige mit meiner Familie in Sölden immer im gleichen Hotel ab, in dem auch die deutsche Mannschaft ist. Da kommt die Vicky auf mich zugerannt, Umarmungen und alles. Ich mag sie sehr.

Dann treffen Sie auch dort sicher den Felix Neureuther.
Ach, der Felix. Ich glaube, es gibt keinen größeren Sympathieträger als ihn im gesamten Skizirkus. Er hat Fans auf der ganzen Welt, weil er diese authentische, unbekümmerte, aber auch tiefe Art hat. Er ist einer der ganz Großen. Sich als Sohn von Rosi Mittermaier und Christian Neureuther zu behaupten und dabei so ein fantastischer Mensch zu sein, der überhaupt nicht abgehoben ist, ist bewundernswert. Ich erinnere mich gerne dran, wie wir ihn eben im Hotel getroffen haben, als er vom Training kam – und sich aber die Zeit genommen hat, mit meinen Kindern zu plaudern. Und dann hat er sogar noch eine Abfahrt mit ihnen zusammen gemacht. Ich habe zu ihm gesagt: "Felix, bitte, tue das nicht, du musst dich auf die Vorbereitung konzentrieren." Er meinte nur: "Passt scho." So ist er. Das ist ein Erlebnis, das meine Kinder nie in ihrem Leben vergessen werden. Und seine Freundin, die Miriam Gössner, ist auch so ein tolles Mädchen. Wir, die ganze Familie, sind große Fans und drücken ihm alle Daumen, dass er bei der WM eine Medaille holt.

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