AZ-Interview vor 1000. DEL-Spiel EHC-Star Yannic Seidenberg: "Ich spiele, bis ich 40 bin"

"Eishockeyspieler ist ein Traumberuf. Diesen Traum will ich so lange als möglich leben", sagt EHC-Verteidiger und Familienvater Yannic Seidenberg, der gegen Mannheim sein 1000. DEL-Spiel bestreitet. Foto: R’steiner/AK

Ausgerechnet gegen seinen Ex-Verein Mannheim steht EHC-Verteidiger Yannic Seidenberg zum 1000. Mal in der DEL auf dem Eis. In der AZ spricht er über diesen Meilenstein, seine Anfänge und die Zukunft.

 

München - Yannic Seidenberg im AZ-Interview: Der 36-Jährige ist Verteidiger des EHC Red Bull München, im Spitzenspiel bei seinem Ex-Klub Adler Mannheim bestreitet er sein 1.000 DEL-Spiel.

AZ: Herr Seidenberg, da haben Sie aber mal Ihre besonderen Kontakte zum Eishockey-Gott spielen lassen, dass Sie Ihr 1000. Spiel in der DEL am Dienstag ausgerechnet mit dem EHC Red Bull München im Spitzenspiel bei Ihrem Ex-Klub Adler Mannheim bestreiten.
Yannic Seidenberg:
(lacht) Stimmt wohl. Es wäre fantastisch, wenn wir immer so ein gutes Verhältnis hätten, aber ich kann mich wirklich nicht beschweren. Wenn ich es mir hätte aussuchen können, hätte ich mir genau diese Konstellation ausgesucht, um mein 1000. Spiel in der DEL zu bestreiten. Ich habe vor ein paar Wochen schon mal auf den Kalender geschaut und nachgerechnet. Ich konnte es selber nicht glauben, dass, wenn alles gut läuft, es genau so kommt. Zum Glück kam auch keine Verletzung dazwischen. Jetzt darf ich diesen Meilenstein meiner Karriere in Mannheim begehen, das ist weiter meine zweite Heimat. Wahnsinn.

Sie sind erst der sechste Spieler, der dem elitären 1000er-Klub beitritt. Hat man da auch Rekordhalter Mirko Lüdemann, der die Liste mit 1199 Einsätzen anführt, im Visier?
Naja, ich bin jetzt 36, ich plane zu spielen, bis ich 40 bin, da wäre das also schon möglich. Aber wenn ich im Eishockey eins gelernt habe, dann, dass nichts planbar ist. Aber natürlich ist das irgendwo ein Ziel.

Der kleine Bub aus Schwenningen, der als Kind fast in der Schwenninger Kabine aufgewachsen ist, schreibt Geschichte...
Es ist echt komisch. Mein Vater hat ja als Physiotherapeut bei den Wild Wings gearbeitet, daher war ich da dauernd. Und irgendwann habe ich dann mit den denen zusammengespielt, die mich noch als Knirps durch die Gänge laufen sahen. Ich habe so mit sechs Jahren mit dem Eishockey angefangen. Mein älterer Bruder stand da schon auf dem Eis, da wollte ich nicht nachstehen. Aber am Anfang wollte ich gleich wieder aufhören, weil ich dauernd was abgekriegt habe, geschlagen wurde. Das höre ich im Moment übrigens auch von meinem Sohn, der gerade mit dem Eishockey angefangen hat, aber jetzt hat er schon gesagt, dass er auch Profispieler werden will.

Ihnen, der Sie lange Jahre als wahres Gifthaferl auf dem Eis bekannt waren, war es am Anfang zu hart beim Eishockey?
Man muss eben in alles reinwachsen. Aber es stimmt, später in meiner Karriere bin ich leicht ausgerastet. Okay, das ist vielleicht das falsche Wort, ich war leicht auf die Palme zu bringen. Ich habe vor keinem zurückgesteckt, auch, wenn der ein paar Köpfe größer war. Ich bin zwar immer noch sehr intensiv, aber heute hebe ich mir die ganz großen Emotionen für die Playoffs auf. (lacht)

Erinnern Sie sich noch an den allerersten Einsatz in der DEL?
Nein, ich weiß nicht mehr, gegen welchen Gegner es ging, aber ich kann mich noch an die Gefühle erinnern. Man wollte vor allem nichts falsch machen. Ich erinnere mich sogar an eine Partie, wo ich vor lauter Nervosität das Trikot falsch herum angezogen hatte.

Seidenbergs Karriere-Highlight: Erster Titelgewinn der Red Bulls

Wenn Sie ein Spiel aussuchen müssten, welches ist das Highlight Ihrer Karriere?
In der Liga? Das ist schwierig, weil sich bei fast 1000 Einsätzen natürlich einiges angesammelt hat, was man immer mit sich im Herzen trägt. Aber wenn ich es wirklich auf ein Spiel reduzieren muss, dann ist es 2016 das Spiel in Wolfsburg, als wir den ersten Titel mit den Red Bulls geholt haben.

Nicht nur die erste Meisterschaft des EHC, sondern auch die allererste Meisterschaft des Yannic Seidenberg.
Ja, das war eine unglaubliche Befreiung und Erleichterung. So lange hatte es nie sein sollen, ich war mit Mannheim so nahe dran, speziell 2012.

Damals führte Mannheim im letzten Drittel des vierten Finalspiels 5:2, man sah wie der sichere Meister aus, verlor dann aber noch in der Verlängerung 5:6 – und am Ende holte Berlin den Titel. Brutaler kann Sport kaum sein.
Das war brutal und tat unheimlich weh, auch jetzt noch, wenn ich dran denke. Aber all das hat sich mit dem ersten Titelgewinn mit München aufgelöst, da wusste ich, dass auch die Entscheidung, Mannheim zu verlassen, für mich und meine Familie goldrichtig war. Also in der Liga war der erste Titelgewinn definitiv das Highlight, so toll die anderen beiden Meisterschaften waren, die erste war die schönste.

Und andere Highlights in Ihrer Karriere?
Das sind zwei. Zum einen, dabei zu sein, wie mein Bruder Dennis mit den Boston Bruins in der NHL den Stanley Cup gewinnt. Mit auf dem Eis zu sein, den Pokal zu berühren, zu sehen, wie mein großer Bruder, der auch immer irgendwo ein Vorbild war, den größten Pokal, den es im Vereinseishockey gibt, gewinnt, ist einzigartig. Und für mich persönlich war dann noch der Gewinn der Olympischen Silbermedaille bei den Spielen 2018 in Pyeongchang ein Höhepunkt. Die Medaille ist bei mir daheim in einer Vitrine, der Anblick allein ist schon fast Gänsehaut.

Was sagt die Familie dazu, dass Sie bis 40 spielen wollen?
Die freuen sich! In welchem anderen Beruf kann ich denn, wenn ich nicht unterwegs bin, am Nachmittag nach Hause und die Zeit ungestört mit meinen Kindern verbringen? Eishockeyspieler ist ein Traumberuf. Und diesen Traum will ich so lange als möglich leben.

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