AZ-Interview Verhalten im Ruhestand: "Da entstehen Grübelschleifen"

Clemens Hagen.
So läuft es leider nicht immer: Glücklich verlässt ein Angestellter mit seinen Arbeitsutensilien das Büro. Foto: Imago

Die 50-jährige Diplom-Psychologin und Autorin Iris Juliana Schneider rät, sich rechtzeitig mit dem Leben nach der Arbeit zu beschäftigen – andernfalls drohten dunkle Gedanken. Was Betroffene tun können.

 

AZ: Frau Schneider, Sie haben ein Buch mit dem Titel "Herausforderung Ruhestand – Krise oder Chance?" geschrieben. Braucht ein Mensch professionelle Beratung, wenn mal Schluss ist mit dem Job?
Iris Juliana Schneider: Nein, nicht unbedingt. Es kommt darauf an, wie aufgeräumt er sein Leben gestaltet hat, wie genau er es hinterfragt hat. Wenn er ein ausgewogenes Verhältnis zu seinen Freizeitaktivitäten hat, dann braucht er das nicht unbedingt. Aber es gibt viele, für die der Beruf der Hauptlebensinhalt ist. Die fallen dann in ein sogenanntes schwarzes Loch, wenn sie aussteigen, ohne eine Vorbereitungsarbeit geleistet oder sich eine Zeit der Besinnung gegönnt zu haben.

Wegen Beruf nimmt Stellenwert der Freizeitaktivitäten bei vielen ab

Die Menschen sind so unterschiedlich wie ihre Berufe bzw. Berufswege. Kann man diese ganzen Lebensläufe über einen Kamm scheren?
Nein, das muss differenziert betrachtet werden, denn jeder Weg ist einzigartig, jede Persönlichkeit ist einzigartig. Die Neigungen sind absolut individuell verschieden.

Heißt das, dass jeder Mensch sich individuell beraten lassen sollte? Sie machen das schließlich beruflich.
Sehr, sehr persönliche Fragen würde ich natürlich immer in Einzelberatungen klären. Aber ich arbeite auch viel mit Gruppen. Das hat den Vorteil, dass man Fragestellungen von vielen verschiedenen Blickwinkeln beantwortet bekommt. Es ist auch ein Reichtum, wenn man die Perspektivenvielfalt in der Gruppe erfährt. Es kommt letztlich immer auf das Kernthema an, das es zu besprechen gilt.

Was sind denn aus Ihrer Sicht die Hauptprobleme, die immer wieder auftauchen?
Meist ist es so, dass der Beruf einen ganz hohen Stellenwert hat und den Freizeitaktivitäten nicht mit so viel Herzblut nachgegangen wird. Zum Beispiel sagen viele, dass sie Sport treiben, weil er ihrer Gesundheit dient. Da höre ich oft keine Begeisterung heraus und frage die Leute dann, ob es das ist, was ihnen Spaß macht. Wo ist die Freude? Dann beginnt meist ein Prozess der zunehmenden Ehrlichkeit. Bei vielen ist es so, dass sie viele Verpflichtungen eingegangen sind. Das heißt: Ihr Leben ist mehr Pflichtprogramm als Freude. Erschwerend kommt hinzu, dass die Energie mit zunehmendem Alter nachlässt. Mit Ende 50 ist man eben nicht mehr so energievoll wie mit Anfang 30.

Freundschaften und Hobbies sind im Ruhestand wichtiger als Geld

Mal generell gefragt: Wem fällt der Übergang in den Ruhestand leichter – einem Müllmann oder einem Vorstandsvorsitzenden?
Schwierige Frage. Der Müllmann, wenn er finanziell ausgesorgt hat, gute Freundschaften pflegt und zufrieden mit seinem Leben ist, kann sehr glücklich sein. Und umgekehrt kann ein Vorstand auch unglücklich sein. Ich denke, Geld spielt eine Rolle, aber nicht die gravierende. Vielmehr ist die innere Haltung zum Leben, die gewählten Aktivitäten, die Qualität der Beziehungen wichtig. Es geht ums Wohlfühlen. Ich habe jahrelang mit Menschen über 50 gearbeitet, die keine großen Rücklagen gebildet haben. Und da waren Leute durchaus sehr zufrieden. Natürlich nur, solange die Existenzgrundlage gesichert ist, also Wohnen, Essen.

Was sind die typischen Symptome, die bei einem Menschen auftreten können, wenn er plötzlich gaaanz viel Zeit hat?
Viele fangen an zu grübeln über das Vergangene. Sie denken plötzlich über Dinge nach, wofür ihnen früher schlicht die Zeit gefehlt hat. Da können so Grübelschleifen entstehen, wenn biografische Ereignisse nicht aufgearbeitet wurden. Aber auch Grübelschleifen über das Zukünftige: Wie wird mein hohes Alter sein? Wie bekämpfe ich meine Angst vor dem Sterben? Die Endlichkeit wird bewusst. Das können Auslöser sein für Stimmungstiefs.

Gibt es lindernde Faktoren, die Menschen in diesem neuen Lebensabschnitt helfen können? Und wenn ja, welche sind es?
Gute Freundschaften können eine sehr tragende Funktion in dieser Lebensphase übernehmen, wenn Menschen sehr ehrlich miteinander sprechen können. Noch wichtiger ist es aber meiner Meinung nach, ein persönliches Steckenpferd zu haben – eine Interessenslage, ein Hobby, eine Aufgabe. Durch die Hingabe an diese Beschäftigung erlebt die Person eine positive Selbstvergessenheit.

Ab Mitte 50 sollte man sich mit Leben nach der Arbeit beschäftigen

Wer kommt leichter mit dem Übergang in den Ruhestand klar: Frauen oder Männer?
Ich denke, es sind Frauen, weil deren Biografie durch das Großziehen der Kinder und durch Familienarbeit eine andere Sozialisierung durchläuft. Da gibt es die ausschließliche Fokussierung auf den Beruf nicht. Männer identifizieren sich viel stärker über ihren Beruf als Frauen. Die sind mehr multifaktoriell aufgestellt.

Ab welchem Zeitpunkt sollte man sich mit dem Leben nach dem Job beschäftigen? Fünf Jahre vorher oder fünf Tage?
Ich finde Mitte 50 gut. Aber das hängt davon ab, wann jemand plant, in den Ruhestand zu gehen – mit 63 oder erst nach dem 67. Lebensjahr? Aber ab 50, 55 sollte man sich Gedanken machen, wie man die letzte Arbeitsphase gestalten will, also die letzten 15, 17 Jahre. Man sollte so eine Art Überschlag machen: Wo stehe ich jetzt? Wie gestalte ich den Ausstieg? Da gibt es ja viele Gestaltungsmöglichkeiten. Und: Jeder Beruf ist einzigartig. Ein Maurer denkt über diese Phase anders nach als ein Beamter. Die körperliche Beanspruchung spielt ja auch eine Rolle.

Was kann die Familie tun, damit Papa oder Mama sich nicht plötzlich unnütz und überflüssig fühlen?
Wichtig ist, den Betreffenden mit Toleranz und Flexibilität zu begegnen. Das muss sich alles erst einregeln. Da kommt es auch einmal zu etwas holperigen Situationen, in denen sich die Familie möglichst geschmeidig verhalten sollte. Milde ist wichtig, Mitgefühl.

Die meisten Menschen haben bis zum Ende unerfüllte Träume

Wie wichtig sind Hobbys? Reisen zum Beispiel? Kann eine neue Umgebung helfen, vielleicht sogar der Umzug in ein anderes Land? Oder ist diese Veränderung zu krass?
Es kommt darauf an. In meinem Buch habe ich auch viel über diese euphorische Phase geschrieben, aber so ein Ruhestandsprojekt im Ausland will gut überlegt sein. Das kann viel Aufmerksamkeit, viel Aktivität binden. Jedoch ist Vorsicht angebracht. Wenn Menschen erst einmal im Ausland sind, kann auch eine Ernüchterung einsetzen, nach dem Motto: Ich verliere auch etwas, Freunde, das Gewohnte, die Alltäglichkeit. Und hier ist der Alltag vielleicht doch nicht so prickelnd wie erwartet. Ein junger Mensch, der in ein anderes Land geht – oder nur in eine andere Stadt zieht – hat eine unterschiedliche Ausgangslage als ein Mensch mit 65. Das Thema Krankheit wird ja auch irgendwann akut.

Es wird viel darüber debattiert, Rentner in gewissen Berufen und Unternehmen weiterzubeschäftigen, weil ihr Wissen unersetzlich ist. Wie stehen Sie dazu?
Das ist eine spannende Frage: Neulich kam ein Mann zu mir, der erzählte, er könne theoretisch in seiner Firma weiterarbeiten, man habe ihm dies angeboten. Und er fragte sich, warum er das nicht auch tun sollte. Ihm fehlte ein Steckenpferd, ihm fehlte die Vision für den Ruhestand. Auf der anderen Seite hatte er aber auch Angst, etwas zu verpassen. Menschen zwischen 65 und 75 können ja körperlich wie geistig noch sehr fit sein. Da kann man durchaus noch einmal Neues wagen, ein Abenteuer. Das geht mit Ende 70 nicht mehr.

Sie meinen die Angst vor der späten Reue?
Genau. Die meisten Menschen haben ja unerfüllte Träume, und seien es die berühmten drei Monate Australien. Oder ein Instrument lernen oder ein Studium beginnen. In den Hörsälen trifft man ja immer mehr Gleichgesinnte gleichen Alters.

Lesen Sie hier: Fachkräftemangel - Merkel warnt vor Abwanderung von Firmen

 

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