AZ-Interview Ulrich Tukur liest aus "Moby Dick"

Kolorierter Stich einer Jagd auf einen Grönlandwal aus William Jardines "The Naturalist’s Library: On the Ordinary Cetacea", Edinburgh, 1837. Unten: Herman Melville. Foto: Imago

"Moby Dick" ist ein Weltliteraturwälzer. Ulrich Tukur liest daraus am Donnerstag – mit Klaviermusik. Wie aber bekommt man Herman Melvilles Roman in den Griff?

 

Die Geschichte von Moby Dick – erzählt vom einzigen Überlebenden eines Walfänger-Schiffes, dem Matrosen Ismael – ist eine Herausforderung, ein Abenteuer, eine große Reise in die raue Welt der Walfänger und eine Hymne an die Magie des Meeres. Ulrich Tukur bringt das Meisterwerk des amerikanischen Schriftstellers Herman Melville (1819 – 1891) in einer literarisch-musikalischen Lesung auf die Bühne. Der Pianist Sebastian Knauer umrahmt die Erzählung mit Musik von Franz Liszt, Scott Joplin, Modest Mussorgsky, Antonin Dvorak und Fréderic Chopin.

AZ: Herr Tukur, "Moby Dick" gehört – wie Cervantes‘ "Don Quichote" oder James Joyce‘s "Ulysses"– zu den großen Werken der Weltliteratur, die "niemand" gelesen hat. Haben Sie "Moby Dick" gelesen?
ULRICH TUKUR: Als Jugendlicher bin ich irgendwo in der Mitte des Buches, lange noch vor dem Untergang der Pequod, abgesoffen. "Don Quichote" aber habe ich tatsächlich ganz durchgelesen und auch geliebt. Den "Ulysses" von James Joyce hingegen habe ich nie angefangen.

Tukur: Melville war ein fantastischer Schriftsteller

Und wie kommt es dann zu Ihrer Lesung von "Moby Dick"?
Als Klaus Maria Brandauer wegen einer Erkrankung drei "Moby Dick"-Lesungen absagen musste, bin ich eingesprungen und habe aus seiner Fassung und einer von Wolfgang Knauer eine Synthese gedrechselt, die sehr gut funktioniert. Das musste schnell gehen, und so habe ich mich noch einmal diagonal durch das Werk gearbeitet und wieder erfahren, welch fantastischer Schriftsteller Melville war.

Ihr Abend: Hunderte von Seiten in 100 Minuten, wie geht das?
Nach Sichtung der ersten Fassung, die ganz auf Brandauer zugeschnitten war, dachte ich, nein, die Geschichte versteht so niemand. Was wir aber dann am Ende in der Hand hatten, war trotz der starken Verknappung und getragen von Sebastian Knauers wunderbarer Klaviermusik, sehr rund und lebendig.

"Fabrikmäßige Jagd auf Wale ist vollkommen unnötig"

Wie gehen Sie in tierschützerischen Zeiten mit den Ausführungen zum Walfang um. Mellville hat ihn ja noch heroisiert.
Melville beschreibt sehr präzise, wie der Walfang und die Verarbeitung der Tiere Mitte des vorletzten Jahrhunderts funktionierten, und das war damals wie heute ein furchtbares Gemetzel. Allerdings waren die Gerätschaften der Walfänger jener Jahre noch einfach und primitiv, ihre Segelschiffe aus Holz, und jeder Einsatz konnte tödlich enden. Ganze Landstriche lebten ja vom Walfang.

Und wie sehen Sie das alles heute?
Die heutige fabrikmäßige Jagd auf Wale ist hingegen vollkommen unnötig. Kein Mensch braucht ihr Fleisch oder Fett mehr zum Überleben, und darum ist es eine einzige Niedertracht, diese wunderbaren Meeressäuger abzuschlachten, nur damit Japans Sushibuden mehr Umsatz machen.

Der "Roman" hat keine klassische Dramaturgie. Welche haben Sie für den Abend vor?
Wir haben uns auf die Freundschaft zwischen Quequeg, dem edlen Wilden aus der Südsee, und Ismael konzentriert, der als einziger den Untergang des Schiffes überlebt. Das ist der Faden, an dem entlang der Zuhörer die Reise der Pequod in die Katastrophe mitverfolgen kann.

Was erklingt für Musik? Walgesang?
Nein, die Musik, die Sebastian ausgesucht hat, führt in ihrer Art die Atmosphäre weiter, die dem Text entsteigt oder bereitet neue Episoden der Geschichte vor. Es sind Stücke von Mussorgsky, Chopin, Dvorak, Liszt, Joplin und Gershwin.

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