AZ-Interview TV-Experte Christian Danner: "Hamilton ist eine Diva"

Mercedes-Fahrer Lewis Hamilton Foto: dpa

Vor dem Großen Preis von Deutschland spricht TV-Experte Christian Danner in der AZ über schlechte Angewohnheiten des Briten und die WM-Chancen Vettels: "Es könnte was werden".

Der 60-jährige Christian Danner fuhr in den 1980er-Jahren insgesamt 36 Formel-1-Rennen. Heute arbeitet er als Co-Kommentator und Experte für RTL. Hier äußert er sich im AZ-Interview.

AZ: Herr Danner, Ferrari-Pilot Sebastian Vettel führt in der Fahrer-WM vor Lewis Hamilton im Mercedes. Eine Situation wie gemalt für den Deutschland-Grand-Prix.
CHRISTIAN DANNER: Dass Sebastian vorne liegt, ist natürlich eine besondere Situation, gerade weil er im Ferrari sitzt. Denn die Roten gehören einfach dazu und haben in Deutschland viele Anhänger. Hamilton in einem deutschen Auto direkt dahinter - besser geht es doch gar nicht. Motorsportherz, was willst du mehr?

Überrascht es Sie, dass Ferrari und Mercedes mittlerweile auf Augenhöhe fahren?
Nicht wirklich. Durch das strenge Motorenreglement, das wir mittlerweile in der Formel 1 haben, gleichen sich die Teams langsam an. Mercedes ist ja schon länger am Limit, Ferrari holt auf.

Hamilton dürfte angekratzt nach Hockenheim kommen. Sein Heimrennen in Silverstone lief nicht wie geplant.
Unter normalen Umständen, wenn Hamilton normal gestartet wäre, dann hätte er das Rennen dort gewonnen. Er hat halt am Start gepatzt. Dass Teamkollege Valtteri Bottas perfekt wegkam, zeigt ja, dass er etwas vermurkst hat. Danach kam Pech dazu, weil er mit Kimi Räikkönen kollidierte. Aber im Rennen war er sehr schnell. Sein Auto und sein Team sind also von jeder Schuld freizusprechen.

In den letzten Runden lagen dann die Ferraris und die Mercedes dicht beisammen. Ein herrliches Bild, oder?
Es war ein toller Anblick. Wenn man das sieht: Silber, Rot, Silber, Rot. Und dann fahren die in den letzten Runden volles Kanonenrohr. Das ist schon Wahnsinn. Vor allem, wenn man überlegt, wie es sonst so oft war, wenn der Führende seinen Vorsprung nur noch verwalten musste. Die Zeiten sind jetzt vorbei. Das ist Racing - da ist mir wirklich das Herz aufgegangen.

Im Anschluss hat sich Lewis Hamilton im Parc fermé nicht mit Ruhm bekleckert, als er einfach die Interviews schwänzte. Sie haben das Verhalten scharf kritisiert. Zeugt das auch von Nervenschwäche beim Weltmeister?
Das glaube ich nicht. Das ist eher so eine Diva-Sache. Hamilton sieht sich als etwas Besonderes, was ganz Spezielles. Und er hätte das gerne auch wieder in Silverstone, seiner Heimat, mit einem Sieg gezeigt. Das hat nicht geklappt. Aber den entscheidenden Fehler hat er selbst gemacht. Und dann kann man sich eben nicht so aufführen und die Diva raushängen lassen. Für einen mehrfachen Weltmeister ziemt sich das nicht. Trotzdem, sein Verhalten gab schon auch Einblick in seine Psyche. Er ist ein Typ, der immer auf einer Wolke schweben muss, er braucht stete Bewunderung. Das ist für ihn ein Lebenselixier. Aber das macht den Zweikampf mit Vettel so besonders, denn Sebastian ist ein ganz anderer Typ. Der braucht das alles gar nicht.

Nach Hamiltons Heimrennen geht es nun in Vettels Heimat. Die Spannung im WM-Kampf dürfte für gute Stimmung sorgen.
Das gilt nicht nur für die Vettel- oder Mercedes-Fans. Das gilt für alle Motorsportfans, für die vielen Holländer, die wegen Max Verstappen kommen, für die Red-Bull-Fans, die Danni Ricciardo die Daumen drücken. Genauso dürfen wir auf die anderen beiden Fahrer von Ferrari und Mercedes hoffen. Denn letztlich sind es die sechs Autos, die das Rennen unter sich ausmachen werden. Es wird ein richtig toller Wettbewerb.

Was spricht denn für Vettel, kann er seinen Vorsprung ausbauen - und Hamilton diesmal auch länger Konkurrenz machen?
Insgesamt schaut das für Sebastian sehr gut aus. Was für ihn spricht, ist die Tatsache, dass alles, was Ferrari ans Auto baut, auch das macht, was sie sich erhofft haben. Sie verlieren nicht den Faden und können genau absehen, wie sich Veränderungen auswirken. Das betrifft den Motor und die Aerodynamik. Sie haben alles unter Kontrolle und das gefällt mir so gut, dass ich sage: Jetzt könnte es endlich mal was werden.

Immerhin hat Mercedes - im Gegensatz zu Ferrari - klare Verhältnisse geschaffen. Beide Fahrer haben verlängert.
Beide sind wichtige Bausteine für das Team. Bottas wird aktuell sogar unter Wert verkauft. Er ist momentan der Schnellere und dabei emotional viel konstanter. Mercedes braucht ihn neben Hamilton, sonst verliert das Team schnell die Richtung.

Sprechen wir noch über den zweiten deutschen Fahrer, Nico Hülkenberg. Warum kommt sein Renault-Werksteam noch nicht in die Gänge?
Da hat man sich für dieses Jahr schon mehr erwartet. Ihr Team ist gut aufgestellt, die haben sich richtig gute Leute geholt. Aber im Gegensatz zu den drei Topteams ist das noch eine andere Liga. Zukünftig könnte Renault aber eine gute Rolle spielen. Denn Nico ist ein Fahrer, der in einem Mercedes oder Ferrari auf jeden Fall Rennen gewinnen würde.

 

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