AZ-Interview Duell gegen den TSV 1860: Fanforscher Pilz warnt vor den Ultras aus Chemnitz

"Seine Erklärung ist für die Mülltonne", sagt Gewaltforscher Gunter A. Pilz über die Distanzierung des früheren Chemnitz-Kapitäns Daniel Frahn von den rassistischen Gesängen mancher FC-Fans. Frahn wurde aufgrund seiner Nähe zur rechten Szene entlassen. Foto: GES/Augenklick

Der TSV 1860 muss am Freitag in Chemnitz antreten. Beim Spiel gegen den FC Bayern II haben Ultras antisemitische Gesänge angestimmt. In der AZ äußert sich Extremismusforscher Gunter A. Pilz dazu. 

 

München - Der Soziologe ist der wohl renommierteste Gewalt-, Konflikt- und Extremismusforscher in den Bereichen Sport und Gesellschaft in Deutschland.

Mit der AZ spricht Pilz über rechtsradikale Ideologie in der Ultra-Szene und die öffentliche Stellungnahme von Daniel Frahn, in der dieser sich von den rassistischen Gesängen mancher FC-Fans distanzierte. 

AZ: Herr Pilz, Teile der Ultras des Chemnitzer FC haben beim Spiel bei den Amateuren des FC Bayern mit antisemitischen und rassistischen Gesängen für einen Eklat gesorgt, am Freitag muss nun der TSV 1860 in Chemnitz antreten. Wie stark ist die rechtsradikale Szene wirklich im Fan-Umfeld in Chemnitz?
GUNTER A. PILZ: Es ist sicher so, dass die Mehrheit der Chemnitzer-Anhänger nicht im rechten - man muss schon sagen rechtsradikalen - Lager verankert ist. Aber es ist eben wie so oft die schweigende Mehrheit. Quantitativ ist der rechtsradikale Teil nicht so groß, aber was das martialische Auftreten, die Art und Weise, wie dieser Teil versucht, Angst und Schrecken zu verbreiten, das ist etwa beim Chemnitzer FC schon erschreckend. Ich war nicht wirklich überrascht, dass es zu diesen antisemitischen Gesängen gekommen ist. Da waren Dinge zu hören, die sind ein Fall für die Staatsanwaltschaft – und dem muss man auch mit aller Härte begegnen.

Solidaritäts-Fond gegen Rechtsextremismus?

Wie verwurzelt sind diese rechtsradikalen Ideologien in gewissen Teilen der Ultra-Szene? Gerade bei vielen Ost-Vereine fällt dieses Potenzial besonders auf.
Dazu muss man auch wissen, dass es solche Tendenzen in den Vereinen auch schon zu Zeiten der DDR gab, dass damals aber Antisemitismus und Rassismus überhaupt kein Thema war.

Was können die Vereine tun, um solche Auswüchse zu verhindern?
Da muss man zugestehen, dass die Klubs in gewisser Weise machtlos sind. Und deswegen muss man auch dem Chemnitzer FC hohen Respekt zollen, dass sie den Mumm hatten und ihren Kapitän Daniel Frahn entlassen haben. Denn man darf nicht vergessen, der Verein kämpft gegen die Insolvenz und hat sich mit dieser Entscheidung natürlich sportlich geschwächt. Man hat da die Vereine, die nicht die finanziellen Mittel haben, mit dem Problem des Rechtsradikalismus allein gelassen. Auch in Cottbus etwa waren die Ordnerdienste ja sehr lange von rechtsgerichteten Personen besetzt, schlicht, weil sie es für sehr wenig Geld gemacht haben und die Vereine an jeder Ecke sparen mussten. Da hätte ich es gut und notwendig gefunden, wenn die reicheren Vereine Solidarität gezeigt und in Form eines gemeinsamen Fonds dazu beigetragen hätten, dass die betroffenen Klubs nicht aufgrund finanzieller Zwänge, so agieren müssen.

Gegen den "rechten Mob" Farbe bekennen

Sie sprachen gerade Frahn an, der sich nun in einer öffentlichen Stellungnahme von den rassistischen Gesängen distanziert hat. Wie glaubhaft ist diese Erklärung in Ihren Augen?
Für mich ist das total unglaubwürdig, in meinen Augen ist die Aussage, die angebliche Distanzierung für die Mülltonne. Mit einer Entschuldigung hat das nicht zu tun. Es war eine vollkommen blödsinnige Aktion von ihm, dass er mit dem T-Shirt, das einen verstorbenen Ultra der rechtsradikalen Szene ehrt, in die Kurve gelaufen ist. Er hat danach behauptet, dass er davon nichts wusste. Er wird dafür sanktioniert. Spätestens da muss er wissen, was es mit dieser Gruppe auf sich hat. Dass er sich dann nur kurze Zeit später genau zu dieser Gruppe stellt, sagt schon alles. Entweder er ist so blöd, dass er gar nichts kapiert – oder er verkauft hier alle anderen für blöd. Das kann man sich jetzt aussuchen.

Wie kann man diese rassistischen Auswüchse in den Stadien bekämpfen?
Die schweigende Mehrheit, die damit nichts zu tun hat, muss sich dem entgegenstellen und zeigen, dass sie das nicht mitträgt. Alle müssen Farbe bekennen. Wir alle dürfen dem rechten Mob nicht das Spielfeld überlassen, wenn wir das tun, dann können wir alle Aktionen gegen Rassismus, gegen Antisemitismus, gegen Intoleranz vergessen. Wenn wir dem Mob das Feld überlassen, dann haben wir alle verloren, dann hat unsere Gesellschaft verloren, dann hat die Demokratie verloren. Wo kommen wir denn hin, wenn wir denen aus Angst die Hoheit überlassen?

 

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