AZ-Interview Thomas Dreßen vor der Streif-Rückkehr: "Ich muss nervös sein"

"Ich bin eher der gefühlvolle Fahrer": Thomas Dreßen, der zuletzt in Wengen Dritter wurde. Foto: Marcel Bieri/dpa

Die Streif in Kitzbühel steht an! Im AZ-Interview spricht Thomas Dreßen über seine Beschwerden nach dem Kreuzbandriss und die Faszination Streif: "Ich lasse mich von der Atmosphäre gern anstecken".

 

Der 26-jährige Thomas Dreßen hat 2018 sensationell auf der Streif gewonnen. Nach seinem Kreuzbandriss gelang ihm bereits wieder ein Sieg in Lake Louise.

AZ: Herr Dreßen, im Herbst klangen Sie skeptisch, als es um die Genesung Ihres Knies nach dem Kreuzbandriss vor gut einem Jahr ging. Es folgte ein Sieg in Lake Louise und weitere gute Ergebnisse in Gröden, Bormio und ein dritter Platz in Wengen. Zu Jahresbeginn mussten Sie aber nochmal pausieren wegen Kniebeschwerden. Der Kreuzbandriss vom Herbst 2018 wirkt schon lange nach, oder?
THOMAS DRESSEN: Mitte Dezember in Gröden bekam ich wieder Schmerzen. Nach dem ersten Training war das Knie geschwollen. Für Bormio haben wir das Knie punktieren müssen, was gut funktioniert hat. Leider ist es nach dem ersten Rennen dort wieder angeschwollen. Deshalb habe ich lieber pausiert, um für den Januar parat zu sein. Danach haben wir nochmal Kernspin gemacht: Was operiert wurde – Kreuzband, Meniskus, Innen- und Außenband: alles super. Nur der Knorpel hinter der Kniescheibe ist lädiert. Die Verletzung wurde schon vor Jahren festgestellt, und leider ist der Schaden nicht kleiner geworden.

"Ich spüre beim Skifahren keine Schmerzen"

Wie wirkt sich das aus?
Beim Skifahren bin ich in einem Kniewinkel unterwegs, wo ich keinen Druck auf den Knorpel ausübe. Von daher ist Skifahren von der Belastung her noch das Beste. Fußball, Sprünge oder Laufen: Das ist erst mal gestorben. Je mehr ich in die Streckung gehe, desto schlechter für den Knorpel. Aber zumindest wissen wir, dass die operierten Bänder alle gut sind. Und wenn man weiß, was das Problem ist, kann man daran arbeiten.

Im Kopf fährt so was dennoch mit. Wie blenden Sie das bei Tempo 130 aus?
Ich spüre beim Skifahren keine Schmerzen. Und wenn ich nix spüre, muss ich auch nicht weiter drüber nachdenken.

Macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie sich, wie vergangene Woche, in Wengen oder nun am Samstag in Kitzbühel runter hauen?
Mei, wenn Rennen ist, ist Rennen. Klar muss man sich bei jedem Rennen auf die jeweilige Strecke einstellen, und natürlich ist das von der Nervosität her in Kitzbühel anspruchsvoller. Das heißt aber nicht, dass ich mir das weniger zutraue, im Gegenteil: Ich muss beim Rennen ein bissl nervös sein, sonst verschlafe ich meist eh das Rennen. Die Komponente Kopf spielt bei mir eine relativ geringe Rolle. Wir haben bis jetzt alle möglichen Verhältnisse gehabt, und ich weiß: Das Knie hält in allen Verhältnissen. Deswegen mache ich mir keine Gedanken, dass irgendwas nicht passen sollte.

"Jede Strecke hat ihre Charakteristik"

Haben Sie eine Lieblings-Abfahrt im Weltcup?
Der Januar ist immer schon großartig gewesen, weil da mit Wengen, Kitzbühel und Garmisch als Heim-Rennen die Klassiker sind. Auf die freut man sich immer. Diese Stimmung in Wengen ist der Hammer! Und Kitzbühel: Mei, da brauchen wir sowieso nicht drüber reden, ob das was Besonderes ist. Die Atmosphäre kriegst du als Athlet natürlich mit. Es gibt Fahrer, die mögen das gar nicht, ich dagegen finde das cool und lasse mich davon gern auch anstecken.

Es ist was Besonderes, und wenn man sich als Athlet einredet, das sei nichts Besonderes, lügt man sich selber an. Man muss es einfach als das annehmen, was es ist. Natürlich freut man sich über einen Erfolg in Kitzbühel mehr als über einen in Lake Louise. Ansonsten schaue ich immer bloß aufs nächste Rennen. Eine Lieblingsstrecke habe ich nicht. Jede hat ihre Charakteristik, was es spannend und herausfordernd macht.

In Lake Louise war Anfang Dezember keiner besser als Sie: Weltcup-Sieg im zweiten Rennen nach dem Kreuzbandriss, auf den Tag genau ein Jahr danach! Wie war das für Sie?
Das war schon sehr erfreulich. Gefeiert haben wir gar nicht so wild, weil am nächsten Tag Super-G war. Aber ein Bier haben wir uns abends schon aufgemacht – das gehört dazu. Man muss Erfolge schon auch feiern.

Wie kommen Sie mit dem neuen Chefcoach zurecht?
Etwas Besseres hätte uns Abfahrern gar nicht passieren können. Mit dem Christian Schwaiger haben wir die letzten fünf Jahre zusammengearbeitet, er war mein Abfahrts-Chef. Und ob der Andi Evers als neuer Abfahrts-Chef gut ist, darüber brauchen wir auch nicht reden: Der hat schon mit so vielen tollen Athleten gearbeitet (Hermann Maier, Bode Miller, Beat Feuz, Tina Weirather, d.Red.) – auf den habe ich mich richtig gefreut.

Früher war Dreßen eher ein Bruchpilot

Sie sind ja eher so der gefühlige Fahrer.
Ich versuch’s jedenfalls. Man merkt ja als Rennläufer, was seine Stärken und Schwächen sind. Ich weiß, dass ich hier und da ein bissl mehr riskieren könnte, aber da fühle ich mich einfach nicht wohl dabei. Von der Linie her bin ich nicht der Riskierer oder der, der die engste, direkteste Linie fährt. Ich lege das ein bissl weiter an, fahre mit dem nötigen Gefühl in die Passagen, wo man den Speed mitnehmen muss. Ich finde, das macht es spannend und für den Zuschauer schön anzuschauen, dass jeder unterschiedlich fährt.

Früher waren Sie eher ein Bruchpilot, stimmt’s?
Aber nicht unbedingt wegen der Fahrweise. Ich war mit 20, 21 technisch einfach noch nicht so sicher unterwegs, und auf einer Weltcupstrecke geht das nicht gut aus, wenn man technische Fehler macht. Erfahrene Athleten machen auch technische Fehler – nur wissen die auch, wie sie die korrigieren müssen, ohne im Netz zu landen. Das musste ich leider spüren, aber ich glaube, dass ich daraus gelernt habe. Nur wenn man sich Fehler eingesteht, kann man auch draus lernen.

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