AZ-Interview Taskforce-Arzt: Es gibt genug Corona-Tests für die Bundesliga

Der Arzt beim Training: Ein Bild, an das sich nicht nur die Bayern und Team-Doc Jochen Hahne langfristig gewöhnen müssen. Foto: imago images / Lackovic

Taskforce-Mitglied Werner Krutsch (40) verteidigt im AZ-Interview das umstrittene Konzept der DFL zum Re-Start der Bundesliga. "Ein Szenario der kompletten Abschottung kam für uns nicht infrage", sagt er.

 

Der 40-jährige Kniespezialist und Fußball-Mediziner Dr. Werner Krutsch leitet die Fifa-Klinik an der Uni-Klinik Regensburg und ist Kapitän der deutschen Ärzte-Nationalmannschaft.

AZ: Herr Krutsch, ist ein Virus kontrollierbar?
WERNER KRUTSCH: Nein!

Die DFL hat aber in der Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag versucht, diesen Eindruck zu erwecken.
Es geht um die Kontrolle des Risikos, nicht des ganzen Virus. Wir haben uns als Taskforce über viele Wochen intensiv Gedanken gemacht und sind dabei viele Szenarien durchgegangen. Dass wir nun dafür von vielen Seiten ein positives Feedback bekommen, ist auch zu Recht so. Ich glaube, wir sind bei der Vorstellung des Konzepts keine Antwort schuldig geblieben, jetzt stellen wir uns der öffentlichen Diskussion. Offen bleibt natürlich noch, dass wir nicht wissen, wann es genau mit dem Bundesliga-Fußball wieder weitergeht.

Ein Knackpunkt der Debatte scheinen die Tests zu sein: Die DFL behauptet, die geplanten 20.000 Tests bis Saisonende würden nur 0,4 Prozent der gesamten deutschlandweit vorhandenen Kapazitäten ausmachen. Andererseits klagen viele Menschen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, wenig oder gar nicht getestet zu werden. Können Sie diese Diskrepanz aufklären?
Es sind aktuell genug Tests da. Das betonen ja auch die akkreditierten Labormediziner (ALM, d. Red.). Es ist anscheinend ein Verteilungsproblem. Darf ich das kurz erklären?

Bundesliga-Fortsetzung: Es sind genügend Tests verfügbar

Bitte.
Wir sind Mediziner, uns geht der Schutz der Patienten, also in unserem Fall der Fußball-Spieler, über alles. Als wir in der Taskforce über die Umsetzung der theoretischen Maßnahmen gesprochen haben, kamen wir natürlich irgendwann zum Thema Tests. Also haben wir uns an die entsprechenden Organisationen, in diesem Fall die ALM, gewandt, und da haben wir das Feedback bekommen, dass sie noch lange nicht am Anschlag sind, sondern noch massiv Testkapazitäten frei haben. Daraufhin haben wir das Konzept dann ausgelegt, wie es praktikabel von der Testverfügbarkeit ist. Sobald es aber zu einer höheren Notwendigkeit von Tests kommen sollte, müsste der Fußball natürlich zurückstehen.

Viele Menschen verstehen auch nicht, warum die Gefahr, sich anzustecken, bei der Kontaktsportart Fußball geringer sein soll als für die Supermarktverkäuferin, die sich an der Kasse hinter Plexiglas schützen muss.
Unser Konzept besteht aus drei Säulen: intensive Isolierungsmaßnahmen, wie sie übrigens auch für viele Teile der Bevölkerung zu empfehlen sind. Detaillierte Hygiene-Maßnahmen. Und dann natürlich ein engmaschiges Testsystem, damit alles Menschenmögliche dafür getan wird, dass dann bei den Partien keine infizierten Spieler auf dem Platz stehen. Der Unterschied zu Ihrem Beispiel ist wiederum das Risiko. Der Profifußballer spielt nach unserem Konzept gegen andere getestete und intensiv mit Hygiene und Isolierung betreute Spieler, im Supermarkt triffst du auf viele Personen mit unbekannten Maßnahmen.

Erst müssen die Bundesliga-Stars fit werden

Bis dato wurde bei einem positiv getesteten Spieler, wie beispielsweise beim 1. FC Nürnberg, die ganze Mannschaft in Quarantäne geschickt. Ihr Konzept verzichtet auf solche Maßnahmen. Warum?
Das war zu Beginn der Pandemie. Damals hatten wir noch keine Erfahrungswerte, niemand führte Isolierungs- oder Hygienemaßnahmen durch und so musste eben das gesamte Team in Quarantäne. Nun ist das System ein völlig anderes. Das Robert-Koch-Institut kategorisiert ja mittlerweile in Kontaktpersonen eins und zwei. Das heißt: Die Situation, wenn sich ein Spieler ansteckt, ist heute eine ganz andere, sie halten größtmöglichen Schutz ein und sind regelmäßig getestet – alles was wir vor vier Wochen nicht hatten. Deshalb kam für uns ein Szenario der kompletten Abschottung der Teams, was ja auch ein theoretisches Distanzierungsszenario wäre, nicht infrage.

In ihrem Konzept empfiehlt die Taskforce, Öffentlichkeit und Medien zunächst nicht zu informieren, wenn es bei einem Verein einen positiven Corona-Fall gibt.
Klar klingt das erstmal verdächtig – besonders, wenn ein Dokument zwei Tage vor Veröffentlichung geleaked wird. Aber auch für Profi-Fußballer gilt das Patientengeheimnis – das wird ohnehin häufig vergessen. Das Entscheidende ist, dass zuerst die richtigen Maßnahmen getroffen werden, also zum Beispiel das Gesundheitsamt informiert wird, dann die Infektionswege überprüft werden und so weiter. Dass im Anschluss natürlich trotzdem Kommunikation nach außen stattfinden muss, ist auch völlig klar.

Wenn die Kanzlerin dem 9. Mai als Starttermin zustimmt, hätten die Klubs noch zwei Wochen, um ihre Profis spielfit zu bekommen. Ist das aus sportmedizinischer Sicht überhaupt möglich?
Das war eine der wichtigsten Fragen, die wir mit den Vereinen besprochen haben. Meiner Einschätzung nach braucht es zwei bis drei Wochen komplettes Teamtraining, und das war auch die Rückmeldung, die wir von den meisten Vereinen bekommen haben. Klar ist: Je mehr Zeit, desto besser!

Deutschland dient als Vorbild für andere Länder

Steigt damit nicht das Verletzungsrisiko?
Dadurch, dass ich das "Kreuzbandregister im Deutschen Fußball" leite, kann ich das ganz gut aus den letzten Jahren beobachten. Nach langen Pausen, Sommer oder Winter, haben wir immer einen Peak, was Kreuzband- und Sprunggelenksverletzungen anbelangt. Also ist jetzt die Prävention dieser Verletzungen empfohlen – man kann etwas dafür tun.

Laut DFL-Chef Christian Seifert dient das Konzept der Taskforce als Vorbild für viele andere Länder. Viele Ligen hätten bereits angefragt. Wissen Sie welche?
Das kann ich nicht sagen, da die Ligen dann wahrscheinlich mit Herrn Seifert direkt Kontakt hatten. Aber ich bin in einer WhatsApp-Gruppe mit vielen Nationalmannschafts- und Verbandsärzten anderer europäischer Länder, da sind seit Wochen intensive Diskussionen im Gange. Einige andere hatten schon Ideen, aber wir werden jetzt unser Konzept teilen. Davon werden übrigens sicher auch andere Sportarten in Deutschland profitieren.

Wenn man ehrlich ist, gilt dieses Konzept nicht nur für diese Saison, sondern ist auch eine Blaupause für die kommende Spielzeit...
Viele Maßnahmen werden solange gelten, solange die Krise da ist. Ich glaube, dass wir nach der erhofften Beendigung der aktuellen Saison überprüfen, was gut gelaufen ist und wo man Veränderungen für mögliche zukünftige Saisons vornehmen kann. Ich gehe davon aus, dass auch andere Profi-Sportarten sich das gut anschauen, was bei uns läuft, und sich passende Dinge für ihren Sport herausnehmen.

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