AZ-Interview Susanne Raith: "Alle schreien Heimat und keiner kennt sich aus"

"D'Raith-Schwestern und da Blaimer" treten am Montag in Landshut in der Residenz auf. Die AZ hat sich vorab mit Susi Raith (links) unterhalten. Foto: Susie Knoll

Die Raith-Schwestern betreiben Heimatpflege ohne Oberflächlichkeit - ganz ohne Unterstützung vom Heimatministerium. Interview mit Susanne Raith. Die 42-jährige Sängerin und Kabarettistin tritt mit ihrer älteren Schwester Tanja auf.

 

Landshut - Bunt und bayerisch - seit 2003 sind die Raith-Schwestern und da Blaimer unterwegs. Mit Alben wie "Zigeuner Samma", "Brennsuppenschwimmer" oder "I mog's bunt" treiben die drei es recht krachert auf der Bühne - derb, lustig und eben richtig bayerisch. Auch das 2013 erschienene Album "Wisst's wou mei Hoamat is" ist sehr mundartlastig; dabei aber weniger lustig, sondern nachdenklich und düster - so wie das harte Leben früher im Bayerischen Wald. Am Montag sind die Raithschwestern und da Blaimer in Landshut in der Residenz zu Gast.

AZ: Sie touren gerade mit "Wisst's wou mei Hoamat is". Das Programm ist aber schon älter. Funktioniert das noch?
SUSANNE RAITH: Wir finden das gerade selber recht lustig, weil wir dieses Programm schon vor ein paar Jahren ins Leben gerufen haben. Wir sind ja eigentlich für lustige Sachen bekannt. Aber das mit der Wirtshausmusik wollten wir irgendwann nicht mehr so machen und lieber die Lieder, die uns als Kinder schon vorgesungen wurden, mit den Menschen teilen. Schuld daran war eigentlich der Blaimer, weil er uns immer gesagt hat, wie schön diese bairischen alten Lieder sind - so einzigartig; über Leben und Sterben aus dem Wald, über das karge, harte Dasein vor vielen Jahren. Viele unserer Freunde meinten, wir könnten doch kein Programm schreiben, das nicht lustig ist.

Und Sie haben's trotzdem geschrieben?
Das lag uns einfach am Herzen. Aber sogar die Veranstalter wollten uns nicht auftreten lassen, wenn es nicht lustig ist. Aber stur wie wir nun mal sind, war uns das wurscht und wir fanden und finden, dass diese Lieder es verdient haben, ein Podium zu bekommen. Aber wir wollten keinen typischen Heimatabend machen. Wir wollten nur die Lieder in den Vordergrund stellen. Wir nehmen uns selber zurück, sind ganz in Schwarz gekleidet und nur am Rand der Bühne. Im Hintergrund zeigen wir Bilder vom Wald und der Blaimer liest zwischendurch alte Geschichten.

Ein ganz neues Konzept?
Wir wollten einfach Heimat so darstellen, wie wir das empfinden. Der Begriff wird momentan ja doch etwas verhunzt. Da kommt schon viel Schmarrn dabei raus. Ich sag' mal so: Worauf ist man denn stolz, wenn man hier geboren ist? Da kann man ja gar nichts dafür. Das ist halt so. Wir persönlich mögen's bunt und multikulti. Und trotzdem sind wir wahnsinnig heimatverbunden. Mit diesen Liedern und dieser Musik sind wir aufgewachsen.

Handelt es sich also um ein sehr persönliches Programm?
Auf jeden Fall. Wir erinnern uns an gefühlt hunderttausend Veranstaltungen, die wir als Kinder erlebt und selber gesungen haben. Außerdem wird momentan immer irgendwo von Heimat geredet, aber solche Lieder zum Beispiel kennt kaum noch jemand. So ist es leider. Alle schreien immer Heimat und Tradition und keiner kennt sich aus.

Was sagen Sie zum Heimatministerium?
Oh mei! Damit haben wir ja gar nichts am Hut. Wir finden das ehrlich gesagt eher furchtbar. Wenn Heimat benutzt wird, um Menschen aufzuhetzen, und zu sagen, hier hätte niemand anderes etwas verloren, finden wir das nicht schön.

Sie nehmen also die Heimatpflege selber in die Hand?
Schon irgendwie. Wir werden weder vom Heimatministerium noch vom Bayerischen Rundfunk oder dergleichen unterstützt. Und unsere Kultur soll schon erhalten werden. Wenn da keiner was macht, kennen doch bald unsere Kinder nichts mehr von früher. Wir spielen die Stücke einfach wie damals, als wir selber noch klein waren und vermitteln den Menschen unsere Wurzeln und eben ein großes Stück Tradition.

Obwohl's gedauert hat, bis das Programm angenommen wurde, haben Sie nicht aufgehört.
Wir spielen das Programm seit fünf Jahren und langsam merken wir, wie es bei den Leuten ankommt. Aufgehört haben wir nicht. Zum einen, weil es eben eine Herzensangelegenheit ist und zum anderen, weil wir sehr positives Feedback bekommen haben. Sätze wie: "Diese Stücke erden einen total" gerade in einer Zeit, in der alle sagen, uns geht's so schlecht, ist schon schön. Wenn man die Lieder nämlich hört, weiß man, wem es schlecht ging. Nämlich Leuten im Wald, wenn sie damals in den harten Wintern erfroren oder verhungert sind.

Über das Programm wurde geschrieben, es handle sich um ein Oberpfälzer Mantra. . .
. . .einer unserer Freunde hat mal gemeint "das ist ja was ganz Exotisches", was wir machen. Wir haben erst mal gestutzt, weil exotisch ist ja genau das Gegenteil von unserem Stil. Aber für den Stadtmenschen ist das Ganze schon sehr dialektlastig und exotisch. Ein anderer meinte mal, unsere Arien und Jodler klingen wie indische Mantren. Wahrscheinlich ist das gar nicht so weit hergeholt. Der Inder singt halt seine Mantren, damit es ihm bessergeht und der Waidler hat halt gejodelt, damit es ihm bessergeht. Sowas gibt es wahrscheinlich überall auf der Welt.

Aber Ihrem Publikum gefallen diese spirituellen Jodler?
Ja, weil es einfach mal was anderes ist. Und Menschen, die es gesehen haben, empfanden das Programm als berührend und nachhaltig für die Seele. Das hat uns auf unserem Weg wirklich bestärkt.

Also lustig wird's am Montag wirklich nicht?
Ach doch, es ist schon was zum Schmunzeln dabei. Die Leute lachen, weil die Geschichten zum Teil sehr makaber sind. Aber es ist eben ein ehrliches Programm über die Heimat.

Und die Auswahl der Lieder haben Sie aus dem Bauch heraus getroffen?
Wir wollten vielen Stücken, die wir bei dem Programm spielen, etwas Raum geben. So haben wir auch die Bühne konzipiert und einen angemessenen Platz geschaffen für die Musik. Und so wird daraus ein großes Ganzes und die Leute können verstehen, um was es bei den Liedern wirklich geht.

Leben und Tod - interessiert sowas auch junge Menschen?
Davon kommen tatsächlich immer mehr. Ein nettes Erlebnis hatten wir mit einem jungen Techniker auf einer Veranstaltung. Das war so ein richtiger Metaller mit langen Haaren und Bandshirt. Ich hab' noch zu ihm gesagt: "Ja leck, du bekommst ja heute das direkte Kontrastprogramm". Er meinte, er wäre für alles offen. Als wir uns danach unterhalten haben, meinte er, dass es ihm total gut gefallen hat und es ihn richtig berührt hat. Das Schöne ist, dass auch Leute, die mit solcher Musik eigentlich nichts am Hut haben, mit den Liedern was anfangen können. Jeder, der hier daheim ist, kann dem etwas abgewinnen, zur Ruhe kommen und sich ein wenig besinnen. Man muss nur kommen und ‚zua lusn'.

 

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