AZ-Interview "Strietzel" Stuck erinnert sich an Lauda: "Ein saucooler Typ"

Dank an seine Retter: Niki Lauda (l.) mit Arturo Merzario, der ihn damals aus dem brennenden Auto zog, und "Striezel" Stuck (r.). Foto: KBK_Sport_und_Event_Marketing/dpa

Hans-Joachim Stuck erinnert sich in der AZ an seinen Freund Niki Lauda. Er spricht über die besonderen Eigenschaften der Formel-1-Legende und die besondere Tragik des Unfalls von 1976.

 

München - AZ-Interview mit Hans-Joachim Stuck. Der heute 68-Jährige fuhr von 1974 bis 1979 zusammen mit Niki Lauda in der Formel 1.

AZ: Herr Stuck, wie und wo haben Sie vom Tod Ihres Kollegen und Freundes Niki Lauda erfahren?
HANS-JOACHIM STUCK: Ich war im Urlaub, in Südfrankreich. Als ich morgens mein Handy angeschaltet habe, hatte ich eine Nachricht von einem Freund, dass er so traurig ist wegen Niki Lauda und dass er ihn sehr vermissen wird. Da hat es mich erstmal gerissen, ich dachte: Das gibt es doch gar nicht. Wir wussten, dass es ihm nicht mehr so gut geht. Aber wenn es so weit ist, ist man trotzdem richtig geschockt.

Sie wussten also, dass er wieder in der Klinik war?
Ja, ich stand mit seinem Sohn Matthias in Kontakt. Der meinte zwar, dass es Niki nicht sehr gut geht. Aber sterben und schlecht gehen, das sind zwei Paar Stiefel. Da denkt man ja nicht an das Allerschlimmste.

Wann hatten Sie das letzte Mal persönlichen Kontakt zu Lauda?
Das war im Februar, nach seinem 70. Geburtstag. Wir hatten ein paar Dinge über die Formel 1 zu reden, da war er noch völlig okay. Gut, man hat schon an der Stimme gemerkt, dass ihm ein wenig der Esprit gefehlt hat. Aber wissen Sie, was für ihn das Schlimmste war?

Stuck: "Der Niki war ein Arbeitstier"

Was denn?
Der Niki war ein Arbeitstier – in jeder Beziehung. Und wenn du ihn dann nicht mehr von der Leine lässt..., das wäre für mich ja auch die Höchststrafe. Ich habe gemerkt, dass er wusste, er kann nicht mehr zur Formel 1, zu Mercedes, oder er kann jetzt nicht mehr fliegen. Für diese Dinge hat er doch gelebt. Und wenn er das alles nicht mehr darf, ist das schon einschneidend.

Was hat Lauda in Ihren Augen noch ausgezeichnet?
Niki war immer unglaublich zielstrebig. Immer, wenn er sich was vorgenommen hat, dann hat er das auch erreicht, auch wenn es manchmal unmöglich schien: Ob als Airline-Kapitän, als Formel-1-Pilot oder zuletzt bei Mercedes. Mit seinem Perfektionismus und seiner Willenskraft hat er immer alles hinbekommen. Da kenne ich wenige Menschen, die so konsequent sind wie er.

Und wie war er menschlich? Lauda sagte von sich selbst einmal, dass Formel-1-Piloten "egoistische Schweine" sein müssen.
Folgendes: Wenn du hinterm Lenkrad sitzt, dann hört die Freundschaft auf. Aber der Niki und ich stammen Gott sei Dank aus Zeiten, wo man schon auch Spaß haben konnte – ob das mit James Hunt war oder Jochen Maas. Wir haben schon auch gewusst, wie man lebt. Klar, wenn man im Auto saß, war der Spaß vorbei, aber danach sind wir miteinander Skifahren gegangen oder haben anderen Blödsinn gemacht. Heute ist das anders. Da hocken die Fahrer sieben Stunden vorm Computer.

Ihr Verhältnis zu Niki Lauda dürfte sich nach seinem schweren Unfall 1976 nochmal verbessert haben. Schließlich haben Sie damals schnell reagiert und den Krankenwagen umgeleitet, damit Lauda schneller in die Klinik kam.
Und dafür war Niki immer sehr dankbar. Das war oft Thema, wenn wir zusammen waren. Dann sagte er immer: "Stuckl, das war eine super Idee." Ich bin auch sehr froh, dass ich ihm damit helfen konnte. Denn durch die deutlich kürzere Fahrzeit und die schnelle Behandlung im Krankenhaus hat sich zumindest seine Reha-Zeit deutlich verkürzt.

"Niki war nicht mit dem allergrößten Talent gesegnet"

Sie erzählten uns, dass ausgerechnet Lauda vor dem Rennen am Nürburgring massive Sicherheitsbedenken hatte.
Richtig. Niki war eigentlich der Erste in der Formel 1, der sich intensiv um die Sicherheit der Fahrer gekümmert und diese auch bei Autos und Strecken eingefordert hat. Er war einer von denen, der sagte, dass man auf dem Nürburgring eigentlich gar nicht mehr fahren könne, weil es zu gefährlich ist. Wir haben es ja alle gewusst, dass die Strecke nicht mehr zeitgemäß ist. Aber wir wurden halt gezwungen, zu fahren. Dass es dann ausgerechnet den Niki erwischte, das war schon besonders tragisch.

Wie hat er sich nach dem Unfall verändert?
Wenn Sie mich fragen, gar nicht. Nikis einziges Ziel war damals, dass er wieder fahren kann. Und der Erfolg hinterher hat ihm auch recht gegeben. Akribisch und verbissen war er ja schon immer. Das hat man auch dann gesehen, als 1991 in Thailand die Maschine seiner Airline abgestürzt ist. Da hat er nach der Ursache gesucht und gesucht, bis er feststellen konnte, dass es kein Pilotenfehler war, sondern einer des Herstellers. Damit hat er wahrscheinlich hunderten Menschen danach das Leben gerettet. Wenn, dann hat ihn der Unfall also nur stärker gemacht.

Zumindest aber ist er vorsichtiger geworden. Im letzten Saisonrennen in Fuji, in dem es um den Titel ging, hatte er seinen Wagen bei strömendem Regen an der Box abgestellt und Hunt den Titel überlassen.
Er hat natürlich gelernt, dass er seinen Ahnungen, die er ja schon am Nürburgring hatte, nachgeben sollte. Ich war ja in Fuji selbst dabei. Da war so viel Wasser auf der Strecke, dass du mehr Kapitän als Rennfahrer warst. Ich finde, er hat sich richtig entschieden.

Stuck: Niki hat "Unglaubliches geleistet"

Ohne den Unfall und die Folgen: Wäre für Lauda noch viel mehr dringewesen?
Das ist hypothetisch. Im Rennsport gibt es kein "hätte, wenn und aber". Er hat seine Erfolge gefeiert und es allen bewiesen. Bitte verstehen Sie es nicht falsch: Niki war nicht mit dem größten Talent gesegnet. Aber er hat was draus gemacht. Er war einer der ersten Fahrer, der sich richtig mit der Technik des Autos auskannte. Er wusste genau, wo jede noch so kleine Schraube steckt. Und er war der Erste, der in der Formel 1 erkannt hat, dass Kondition und Konzentration zusammenhängen, da war er Vorreiter.

Was wird der Formel 1 außer seinem Know-how nun noch fehlen?
Mei, nicht falsch verstehen, die Formel 1 ist schnelllebig. Mercedes bedauert sicher einen großen Verlust, Niki hat dort viele Entscheidungen maßgeblich beeinflusst. Aber das Leben muss weitergehen. Ich möchte aber noch was sagen.

Bitte.
Niki gehört für mich zu den 200 einflussreichsten Personen auf der Welt. Nicht nur als Rennfahrer, auch als Geschäftsmann, als Visionär und Persönlichkeit. Er hat Unglaubliches geleistet. Er war einfach ein saucooler Typ. Ganz einfach.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading