AZ-Interview Stefan Jürgens: "Wenn es schwer wird, kommt der Schmäh"

"Ich als preußischer Westfale habe hier erst wirklich gelernt, dass Humor hilft, heikle Situationen entschärfen kann und Luft aus dem Kessel lässt": Stefan Jürgens über seine Arbeit in Wien. Foto: imago

Stefan Jürgens wird nach Jahrzehnten immer noch auf „RTL Samstagnacht“ angesprochen. Dabei hat er erst bei „Soko Wien“ etwas Wichtiges gelernt: die Bedeutung von Humor – und wie er wirkt.

 

Mit Action, Schmäh und ordentlich vielen Leichen: Die 12. Staffel von Soko Wien ist angelaufen (nächste Folge: Freitag, 18 Uhr, ZDF). Seit zehn Jahren ermitteln Stefan Jürgens als Major Ribarski und Gregor Seberger als Oberstleutnant Novak an der Donau auf ihre einzigartige Weise. Im AZ-Interview verrät Jürgens, warum er eigentlich nicht lustig ist, wo er immer deutsch sein wird – und wieso er an die große Liebe glaubt.

AZ: Herr Jürgens, zählen Sie noch die Leichen in Soko Wien?
STEFAN JÜRGENS: Nein, nach den Jahren und 16 Folgen im Jahr nicht. Die Toten sind ja auch nicht das, was unsere Serie ausmacht, sondern der menschliche Zusammenhalt im Team und der eigenwillige Humor. Nowak und Ribarski sind wie ein altes Ehepaar, das sich bestens kennt, aber doch längst nicht alles voneinander weiß. Und könnten dabei nicht unterschiedlicher sein. Im Film wie in der Realität.

Gegensätze ziehen sich also an?
Ich bin ein Mensch, der zu Abenteuerlust neigt, der daran glaubt, dass jeder Tag etwas Neues, Anderes bringt. Da helfen Gegensätze sehr. Die Reibung, die Spannung mit dem Gegenüber. Wobei ich auch gerne mal eine Stunde schweigen kann.

Warum ist Schweigen wichtig?
Weil es Sicherheit braucht. Und das ist die Voraussetzung für eine Freundschaft. Egal ob Mann oder Frau, ich erwarte von einem Freund, dass ich mit ihm oder ihr auch schweigen kann. Man beschäftigt sich mit dem anderen unausgesprochen, ohne eine Sekunde Unruhe zu verspüren. Jemand hat mal gesagt: Gelegentliches Schweigen löst manche Probleme von allein.

Wie wichtig ist Humor in Ihrem Leben?
Ich war eigentlich nie ein sehr humorvoller Mensch. Weder in meiner Kindheit, Jugend, noch als Erwachsener. Ich war auch bei RTL Samstagnacht wahrscheinlich der Humorloseste. Komik ist ja nicht gleich Humor. Komik ist eine Technik, Humor eine Lebenseinstellung. Ehrlich gesagt, habe ich meinen Grundkurs Humor erst in Wien vor zehn Jahren mit dem Dreh der Soko begonnen.

Warum?
Weil ich plötzlich mit lauter Menschen konfrontiert war, die ich am Anfang schwer verstanden habe. Die Wiener geben dem Leben grundsätzlich eine humorvolle Interpretation. Wenn es schwer wird, kommt der Schmäh. Das kreiert eine gesunde Distanz zum Leben. Ich als preußischer Westfale habe hier erst wirklich gelernt, dass Humor hilft, heikle Situationen entschärfen kann und Luft aus dem Kessel lässt. Deshalb suche ich jetzt auch im Ernst des Lebens noch das Komische, wann immer es geht. Ich bin zwar noch kein Wiener Schnitzel, aber zumindest schon ein Schnitzel Wiener Art.

„Meine Konfliktbereitschaft ist typisch deutsch“

Und wo sind Sie noch der Piefke, der Deutsche in Österreich?
Meine Konfliktbereitschaft ist typisch deutsch. Ich sage auch mal: „Nein, so will ich das nicht, weil es Mist ist.“ Das ist nicht immer fruchtbar, aber ich bin ein Dickkopf, wenn mir etwas wichtig ist.

Sind Sie nachtragend?
Nein. Auch wenn ich meine kleine schwarze Liste habe. Da kommt man nicht leicht drauf, aber auch nicht so ganz leicht runter. Mit 53 Jahren darf man es sich auch erlauben, nicht mehr alle Menschen mögen zu müssen.

In der Soko geraten die sozialen Medien außer Kontrolle. Nutzen Sie welche?
Ja, um auf Termine aufmerksam zu machen, als Ankündigungsplattform. Ich misstraue den sozialen Medien zutiefst. Sie suggerieren eine falsche Offenheit. Man erfährt nichts wirklich Relevantes über den Menschen, und sie verleiten offenbar viele dazu, ihre sogennannte Meinung unreflektiert nach draußen zu schleudern.

Wie sprechen die Leute Sie auf der Straße an?
In Österreich sehr viel mit: „Da kommt der Major, jetzt kann uns nichts passieren.“ (lacht) Aber ich werde auch öfter auf meine Musik angesprochen, und es gibt ganz viele Menschen, die sagen: „Das gibt’s doch nicht, jahrelang waren Sie mein Samstagabend-Beginn!“

Stört das, nach so vielen Jahren immer noch auf RTL Samstagnacht angesprochen zu werden?
Nein, wir haben damals etwas geschaffen, das bis heute bleibt. Das ist doch toll, dass die Leute sich damit so lange identifizieren.

Und dann fragen Sie nach einem Foto?
Ja, und das gehört auch dazu. Wer bekannt werden will, darf später nicht die Sonnenbrille aufsetzen, um anonym zu bleiben. Das finde ich verlogen. Wenn mich jemand anspricht, ist das ja auch ein Kompliment. Aber ich muss nicht Everybody’s Darling sein. Wenn ich spätabends in einem Restaurant bei einer Flasche Wein sitze, dann ist das für mich privat. Diese Grenze muss man akzeptieren. Es geht letztlich immer um Respekt.

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