AZ-Interview Solbergs "Herakles": Helden der Arbeit

Herakles (Max Wagner, 2. v.l.) steht als Wesen zwischen Gott und Mensch auch zwischen den Frauen Iole (Luise Deborah Daberkow, links) und Megara (Carolin Hartmann). Foto: Arno Declair

Regisseur Simon Solberg kehrt mit "Herakles" zurück ans Volkstheater. Eine seiner grundlegenden Fragen dabei: Warum eigentlich ist unser ganzes Leben auf Arbeit ausgerichtet?

 

Er lebt mit Frau und einer kleinen Tochter in Köln, aber wenn er wieder einmal am Münchner Volkstheater inszeniert, ist auch das, schwärmt Simon Solberg, "wie nach Hause zu kommen". Er wünsche sich, dass das Haus sich seine familiäre Atmosphäre auch im künftigen neuen Volkstheater bewahren könne. Der 39-jährige Regisseur fiel an der Brienner Straße vor allem mit zwei ganz großen Figuren der abendländischen Zivilisation auf: Moses (2012) und Odysseus (2016). In diesem Jahr verdichtet Solberg die zwölf Aufgaben des sagenhaften Helden Herakles zu einer Bühnenfassung für sechs Personen.

AZ: Herr Solberg, Chefdramaturg Kilian Engels ließ Anfang dieser Spielzeit offen, ob die Vorlage Ihrer Inszenierung die Tragödie "Herakles" von Euripides aus dem Jahr 416 vor Christus oder der Actionfilm "Herkules in New York" mit Arnold Schwarzenegger aus dem Jahr 1970 nach Christus sein werde. Wie haben Sie entschieden?
SIMON SOLBERG: Das war natürlich ein Scherz in dem Sinne, dass es nicht darum geht, von der Oberfläche eines Hollywood-Films die spektakulären Szenen abzufischen. Wir arbeiten uns eher am Begriff der Arbeit ab. Wie geht jemand damit um, von Kindesbeinen an gesagt zu bekommen: Du bist besonders stark, du bist besonders begabt? Die sich daraus ergebende Misere nehmen wir nicht mit der klassischen Tragödiendramaturgie auf, sondern mehr mit der von Frank Wedekind.


Regisseur Simon Solberg. Foto: Gabriel Neeb

Wie kommt Wedekind in dieses Spiel?
Er hat ein Stück mit dem Titel "Herakles" geschrieben, das kaum jemand kennt. Es geht darin um einen Kriegsheimkehrer, und ich finde, das trifft es sehr gut. Viele Szenen spielen zu Hause mit seiner Frau, in denen reflektiert wird, was da stattgefunden hat. Bei Wedekind spielen die Abenteuer selbst überhaupt keine Rolle, sondern es wird nur von den Zeiten dazwischen erzählt.

Wie lautet die Botschaft eines antiken Superhelden an den heutigen Werktätigen?
Es geht darum, den Mut aufzubringen, nicht alles erfüllen zu müssen, was von außen an einen herangetragen wird. Wir müssen aus dieser Falle herauskommen, in der uns gesagt wird, wir sind sowieso austauschbar und müssen deshalb für noch weniger Geld noch mehr arbeiten. Deshalb sollen wir auch Angst davor haben, wenn Andere auf den Arbeitsmarkt kommen, statt die grundlegende Frage zu stellen: Warum eigentlich ist unser ganzes Leben auf Arbeit ausgerichtet? Warum wirken sich diese in vielen anderen Bereichen übernommenen Arbeiten wie von Maschinen oder in den Billiglohnländern nicht zu unserem Vorteil aus, sondern zum Nachteil?

Simon Solberg: "Ich versuche, mehr in die Tiefe zu gehen"

Was heißt das konkret?
Ich sehe das gerade bei meiner zweijährigen Tochter. Im ganzen Umfeld gehen beide Eltern wieder schnell zurück in ihre Jobs, um das Geld dafür zu haben, das Kind in eine Kita zu stecken. Meine Frau, die das Kind nicht zur Kita bringen will, sieht sich dem Druck von außen ausgesetzt: Wann arbeitest du denn wieder? Erst mal eben nicht, weil wir uns für das Kind entschieden haben und es wichtig finden, dass es von uns sozialisiert wird und nicht von außen dafür gesorgt wird, dass es funktioniert. Das Hauptziel der heutigen Bildungspolitik ist nicht, die Menschen zu eigenständigen Leuten auszubilden, sondern ganz früh in den Arbeitsmarkt einzugliedern - ganz schnell den Bachelor zu machen und Fachidiot sein.

In Ihren Inszenierungen spielt die Popkultur eine große Rolle. Zuschauer des Volkstheaters erinnern sich beispielsweise an einen rappenden Moses. Welche Bedeutung hat Pop für Ihren Herakles?
Gar keine. Es gibt fast keine Zitate musikalischer Art mehr. Es gibt natürlich Slapstick, der es dem Publikum erleichtert, in die Geschichte einzusteigen und die Figuren lieb zu gewinnen. Ich bin davon überzeugt, dass das über das Lachen läuft. Das Sampeln, das ich früher gemacht haben, ist für mich ein bisschen überholt. Ich versuche, mehr in die Tiefe zu gehen und in den einzelnen Abenteuern des Herakles nicht eindeutig zu sagen: Beim Raub des Gürtels der Amazonenkönigin Hyppolite machen wir ein Video über das Abholzen des Regenwaldes für Palmöl-Plantagen und das Aussterben der Orang Utans, zu dem Herakles einen griechischen Text sprechen muss. Inzwischen glaube ich, dass sich das auch so überträgt und es mehr gedankliche Freiräume gibt.

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Münchner Volkstheater, Premiere am Donnerstag, nächste Vorstellungen 11., 13., 17. Februar, 19.30 Uhr, Telefon 5235555

 

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