AZ-Interview Simon Verhoeven: Flirten statt wischen!

Simon Verhoeven am Set von „Nightlife“: Das spielt nicht nur in wilden Diskos, sondern auch in einem honorigen Tanzlokal. Foto: Warner Bros., Paul Ripke

Simon Verhoeven hat mit „Nightlife“ eine Komödie über das wilde Berlin bei Nacht gedreht. Im AZ-Interview spricht er über das späte Erwachsenwerden, Politische Korrektheit und Bürgerlichkeit. 

 

Zwei Barkeeper, gespielt von Elyas M’Barek und Frederick Lau, wollen dem wilden Nachtleben entkommen. Und genau an dem Abend, an dem der eine (M’Barek) die Frau seines Lebens (Palina Rojinski) zum Date bittet, bringt der andere (Lau) sie in die Schusslinie von gleich zwei mafiösen Banden. Simon Verhoevens Film „Nighlife“ bittet seit Donnerstag zum wilden Ritt durch die Berliner Nacht.

AZ: Herr Verhoeven, „Nightlife“ ist eine Geschichte über spätes Erwachsenwerden.
SIMON VERHOEVEN: Das scheint bei mir der Fall zu sein. Und das ist auch eine Frage meiner Generation, denn wir haben Dinge ab Mitte, Ende 30 entschieden, die früher mit 25 Jahren klar waren. Andererseits wollte ich diesen Film schon in meiner Studentenzeit drehen: ein Date, das eskaliert und zu einer echten Feuerprobe wird. Nach so vielen Jahren habe ich gedacht: Jetzt, nach meinen Erfolgen, schaff ich’s, den bei Produzenten und Förderungen durchzubekommen.

Der Film hat aber nicht die gesellschaftliche Relevanz wie „Willkommen bei den Hartmanns“.
Ja, und ist auch gar nicht so gedacht, sondern jünger! Ich bin alt geworden, um einen jungen Film zu machen.

Aber das, was da angepeilt wird beim Erwachsenwerden, klingt wiederum konservativ: Milo, gespielt von Elyas M‘Barek, hat nach seinem zigsten One-Night-Stand den Wunsch nach einem Leben mit Fahrradausflug und Kinder zur Schule bringen.
Es ist nicht konservativ gemeint, da kann ja jeder seine eigenen Ideen einbauen. Ich selbst habe ja einen kleinen Sohn und habe eine ganze Zeit gebraucht, um im Familienleben anzukommen. Aber ich habe das dann als eine Bereicherung angesehen und als einen Punkt, der alles, was man sonst immer zu wichtig genommen hat, relativieren kann. Und als ich ein Bild dafür gesucht habe, habe ich den „Fahrradausflug“ gewählt, weil man da aufstehen muss und planen: ein kleines Glück, das eben nur funktioniert, wenn man nicht im Nachtleben festhängt, sondern auch mal aufstehen muss. Aber der Weg zum „Fahrradausflug“ muss ja nicht immer bürgerlich und geradlinig verlaufen.

Wenn man den Absprung aus einem ständigen Nachtleben nicht schafft, hat das ja oft auch etwas Tragisches.
Andererseits sehnt man sich auch später noch nach der Entgrenzung im Nachtleben, die man früher gelebt hat. Aber mein Film erzählt von zwei Jungs, die aus dem Nachtleben kommen. Und mit Augenzwinkern erzählen wir vom Wunsch, da rauszukommen. Vielleicht müsste der nächste Film über die wildere Wünsche sein, wenn die dann nett Schülerlotsen machen und Fahrradausflüge mit der Familie. Das fühle ich natürlich auch!

Man hat den Eindruck, dass es die Generation unserer Eltern fast besser hinbekommen hat, ein gelungeneres Beziehungsleben zu haben als die heutige Tinder-Generation.
Ja, am Anfang erleben wir ja einen notorischen Tinder-Serientäter, dem Sunny, gespielt von Palina Rojinski, kurz auf den Leim geht. Und das ist eine Szene, auf die männliche, aber ganz besonders weibliche Zuschauer besonders reagieren, weil da eben doch eine Verschiebung stattgefunden hat: Ein Kennenlernen hat gar keinen Wert mehr, wird eigentlich belanglos in der Inflation. Sogar für das Miteinander-ins-Bett-gehen herrscht dann oft eine unheimliche Geringschätzung, selbst wenn‘s einem gefallen hat. In der Generation unserer Eltern, die ja nicht prüde war, empfinden wir da eine größere Beständigkeit und Verlässlichkeit, auch wenn sich meine Eltern oft gefetzt haben. Aber da hat man sich eben in der Beziehung gestritten und nicht um die Beziehung.

Deshalb haben Sie dem Date im Film gegen jede Chance eine Chance gegeben.
Mir war es wichtig, dass es im „analogen“ Nachtleben beginnt, an der Bar – Auge in Auge, gegenüber, ohne jemanden wegwischen zu können.

Sind Ihre Filme gute Zeitgeistspiegel?
In dem Sinne, dass ich sie mir als Kind meiner Zeit ausdenke.

Da merkt man plötzlich: Der Plattenstudio-Chef und die Besitzer der Bar und der Disko sind Frauen.
Stimmt. Das war eine bewusste Entscheidung. Denn meine Sicht wird ja ganz natürlich immer aus der Jungsperspektive sein. Ich schreibe oft erstmal ganz instinktiv eine Männerfigur hin, wie „Der Chef kommt rein“, und merke jetzt, dass es, wenn ich den Namen zu einem Frauennamen ändere, plötzlich spannender wird.

Spielt die Political Correctness beim Filmemachen eine große Rolle?
Ja. Ich verzichte zum Beispiel auf eine gewisse Wortwahl. In meinem ersten Film „100 Pro“ haben meine Hauptfiguren öfters „schwul“ gesagt, wenn sie etwas als zu weich oder falsch empfunden haben. Das habe ich so ins Drehbuch geschrieben, weil diese Typen in Wirklichkeit so geredet haben. Ich habe mir den Film neulich wieder angeschaut und bin erschrocken. Sowas wäre heute bei einem Mainstreamfilm undenkbar, aber auch für mich, weil ich das heute nicht mehr schreiben würde. Aber es ist eine Gratwanderung, weil ein Film ja auch authentisch, glaubwürdig sein soll. Die Mafia-Typen in „Nightlife“ müssen halt doch hart daherreden, dürfen nicht geglättet werden, sonst wird‘s lächerlich. Und ich finde die Empörungskultur gerade in der Kunst gefährlich, dass sie nicht zu einem neuen Puritanismus wird.

Komischerweise kommt die „Political Correctness“ überwiegend von links. Dabei haben doch die Linken früher für die Kunstfreiheit und gegen die Zensur gekämpft.
Klar, das waren früher die Freigeister. Ich erinnere mich an das Plakat des Szenerestaurants „Noodles“ in der Maximilianstraße, auf dem ein Mann einer Frau eine Nudel aus dem vollbusigen Ausschnitt zieht. Das war zwar ein kleiner Skandal in München, aber gerade von linker Seite hat man gesagt: Seid halt nicht so lustfeindlich! Wenn man eine Frau im Bikini zeigt, ist das nicht von vorneherein gleich ein männlich-sexistischer Blick.

Eine Leugnung von Sinnlichkeit ist ja auch sinnlos.
Und eine Frau wird dadurch ja auch nicht gleich zum „Opfer“. Aber alle sind in diesen Fragen viel nervöser als früher – zu recht und zu unrecht zugleich. Der Geduldsfaden ist kürzer, ist jetzt eher eine Lunte. Und wirklich: Ich hätte Lust, einen Film oder eine Serie zu machen über einen Shitstorm. Jeder hat ja Gedanken, die einen Shitstorm hervorrufen könnten. Und wir leben da in schizophrenen Zeiten, weil ja gerade die Jungen heute eben nicht auf „Political Correctness“ abfahren, sondern eine Gangster-Rap-Kultur geil finden, die sich ja gezielt nicht daran hält. Das züchtet die „Political Correctness“ ja selbst herbei.

Haben Sie sich nach dem Erfolg von „Willkommen bei den Hartmanns“ unter stärkerem Erfolgsdruck gefühlt?
Es war ein schicksalhaftes Timing. Denn ich habe an dem Stoff geschrieben, während das Thema immer mehr in den gesellschaftlichen Fokus geriet. Ich konnte das selbst gar nicht fassen. Und dann hatte der Film plötzlich in dieser zugespitzten Zeit so eine befreiende Ventilfunktion. Das ist eine Konstellation, die man nicht wiederholen kann. Aber natürlich ist auch „Nightlife“ als großer Publikumsfilm gedacht. Ich bin ein ernster, nachdenklicher Mensch, was man bei einem, der Komödien macht, vielleicht nicht so glaubt. Aber daher kommt bei mir ja die Lust an der Pointe, an der Komödie. Das kann ich. Wenn ich versuche, ein Drama zu schreiben, merke ich nach fünf Seiten, dass ich unbewusst ständig nach Witz in den Dialogen gesucht habe.

„Nightlife“ spielt im Berliner Nachtleben, das ja ein Mythos ist.
Es ist vielleicht nicht mehr so wild und authentisch wie in den 90ern, bevor vieles gentrifiziert und kommerzialisiert wurde. Aber es gibt immer noch mehr Freiraum, um Sachen zu machen, bei denen in München sofort die Polizei auf der Matte wäre. Aber ich hatte nicht den Anspruch, einen Film für Berliner-Szenekenner zu machen, auch wenn ich die Clubs kenne, in denen der Film spielt. Und übrigens: In Berlin gibt es auch Bars und Restaurants, die sind mehr Schickeria als manche in Starnberg.

„Nightlife“ in München im Arri, Astor im Bayerischen Hof, Cadillac & Veranda, Cinncinatti, Cinemaxx, Gloria, Leopold, Mathäser und Royal

 

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