AZ-Interview Seelische Gesundheit: Experten-Tipps gegen Stress

Autorenprofil Ruth Schormann
Wer unregelmäßig auch nachts arbeitet, stresst seinen Organismus. Foto: Imago

Der heutige Tag der seelischen Gesundheit steht unter dem Motto gestresste Gesellschaft. Facharzt Oliver Schwarz erklärt im AZ-Interview, wie man entspannter durchs Leben geht.

 

In der heutigen Gesellschaft muss alles schneller und effizienter gehen. Da ist Stress vorprogrammiert.Dr. Oliver Schwarz ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chef der Privatstation für Psychosomatische Akutbehandlung in der Klinik im Alpenpark Bad Wiessee. Am Tag der seelischen Gesundheit gibt er Tipps gegen ein stressiges Leben.

AZ: Herr Schwarz, warum sind wir alle so fürchterlich gestresst?
OLIVER SCHWARZ: Dafür sind mehrere Gründe maßgeblich. Stress hat unterschiedliche Bezeichnungen: Distress oder Eustress (negativer und positiver Stress; Anm. d. Red.). Jeder hat zu entscheiden, was belastend ist und mit welchen Belastungen er umgehen kann.

Sind Großstädter besonders Stress-gefährdet?
Generell ist das Leben in der Großstadt schneller, aufwändiger, zeitintensiver – etwa durch das Pendeln – und hat damit insgesamt einen hohen Stressfaktor. Maßgeblich ist hier die Abwechslung von Belastung und Pause. Geben Sie auf Ihre innere Uhr acht: Der Rhythmus tagsüber ist ein anderer als nachts. Daher ist es wichtig, nachts nicht zu arbeiten, sondern den Schlaf zur Erholung zu suchen und dem Körper die Möglichkeit zur Regeneration zu geben.

Viel zu arbeiten gilt als erfolgreich und ist positiv assoziiert

Was bedeutet Stress für den Körper?
Stress für den Organismus ist zum Beispiel ständiger Wechsel des Tag-Nacht-Rhythmus’, Schichtarbeit, kein Schlaf oder zu viel Schlaf, zu wenig Bewegung oder ungesunde Ernährung. All das belastet den Körper in besonderem Maße. Dinge nach und nach wegzuarbeiten empfinden wir oft als Stress. Andererseits gibt uns das ein Gefühl, etwas bewerkstelligt oder erledigt zu haben und ist häufig positiv assoziiert. Eustress und Distress verschwimmen miteinander.

Das klingt ja, als wäre es erstrebenswert, besonders viel zu arbeiten.
Viel zu arbeiten gilt als erfolgreich und ist positiv assoziiert: Burnout-positiv assoziierte Erkrankung heißt, ich mache mich kaputt für mein Unternehmen und bin dabei gut angesehen. Viele Betriebe suchen nach Alternativen, um hohe Personalkosten einzusparen. Wir sind ständig im Wettbewerb, ersetzt zu werden. Nicht neu besetzte Stellen führen zur Arbeitsverdichtung und bedeuten mehr Arbeit für weniger Menschen. Die Schnelllebigkeit erwartet von uns, ständig auf dem neuesten Stand zu sein.

Heute werden Entscheidungen in Sekunden erwartet

Welche Rolle spielen beim Gestresstsein digitale Technik und Politik?
Eine große. Früher wartete man Briefe ab, bevor man ins Handeln kam und besprach sich mit Kollegen. Heute wird erwartet, dass im Sekundentakt Entscheidungen getroffen werden. Es wird erwartet, dass wir ständig und zu jeder Zeit erreichbar und verfügbar sind. Es wird erwartet, flexibel und belastbar zu sein.

Liegt unser Stress also am stetig wachsenden Druck, alles unter einen Hut zu bringen?
Nicht ausschließlich, aber der Wettbewerb wird stärker. Das beginnt ja schon in der Schule: Nachhilfeunterricht an Volksschulen, Wettbewerb von Kindern beim Sport, Wettbewerb der Eltern untereinander, was Kinder alles erleben sollen.

Aus Freizeit kann schnell Freizeitstress werden

Auf der anderen Seite florieren Yoga-Schulen und Ratgeber zur Achtsamkeit dem Ich gegenüber. Können wir auch in Entspannungs-Stress geraten?
Wie definiert man Entspannung? Woran erkennt man Entspannung? Wie fühlt sich Entspannung an? Fragen, die die meisten Menschen nicht beantworten können. Entspannung ist individuell und unterschiedlich erlebbar. Zudem ist es auch schick und ein Trend, etwas für sich zu tun. Unabhängig, ob dabei wirklich Entspannung entsteht. So kann aus Freizeit auch schnell Freizeitstress werden.

Welche konkreten Tipps haben Sie, damit gar nicht erst das Gefühl von Stress aufkommt?
Wichtig ist dabei die eigene innere Stärke anzuzapfen und eigene Fähigkeiten und Fertigkeiten gut einzusetzen. Einen Vergleich bietet die Spielplatzwippe: Belastungen, Sorgen, Konflikte, Probleme auf der einen Seite, Ressourcen nutzen auf der anderen Seite. Die Wippe sollte ins Gleichgewicht finden. Das bedeutet, einerseits konstruktive Lösungsstrategien für Probleme zu schaffen, andererseits konsequent aktiv seine Ressourcen und Fähigkeiten einzusetzen.

Was heißt das konkret?
Regelmäßig ‚sein Ding’ zu machen, sei es aus den Bereichen Sport, Kunst, Kultur, Familie oder Freizeit. Sehr wichtig ist vor allem die Selbstfürsorge: Was brauche ich, um am Tag gewappnet zu sein? Achten Sie auf regelmäßige Pausen sowie eine gesunde und ausgewogene Ernährung. Mahlzeiten sollten in Ruhe eingenommen werden. Die Raucher machen es uns vor: bewusste Rauchpausen. Wobei ich als Mediziner keinem zum Rauchen raten möchte!

In einer akuten Stresssituation, wenn ich mich beeilen muss, die Bahn zu erwischen oder eine Extra-Schicht in der Arbeit nötig ist – was kann ich tun, um cool zu bleiben?
Jeder Mensch hat 24 Stunden zur Verfügung und sollte sich vorab fragen, was will oder was kann ich heute leisten. Teilen Sie sich die Arbeit ein. Machen Sie auf sich aufmerksam, wenn die Belastung zu hoch wird. Nutzen Sie Mitarbeitergespräche, Überlastungsanzeigen oder eine Familienzusammenkunft. Reden Sie miteinander!

 

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