AZ-Interview Schwarzer über DHB-Team: "Schlechter geht es nicht"

Der Ex-Handball-Nationalspieler (50) wurde 2004 mit dem deutschen Team Europameister und 2007 Weltmeister. Foto: imago/Eibner

Kommen die deutschen Handballer bei der EM jetzt endlich in Schwung? 2007er-Weltmeister Christian Schwarzer spricht im AZ-Interview über die vielen Baustellen im Team und was ihm Hoffnung macht.

 

AZ-Interview mit Christian Schwarzer: Der Ex-Handball-Nationalspieler (50) wurde 2004 mit dem deutschen Team Europameister und 2007 Weltmeister. Heute arbeitet er als Jugendkoordinator beim saarländischen Verband.

AZ: Herr Schwarzer, wie viel Spaß macht Ihnen die EM bislang?
CHRISTIAN SCHWARZER: Generell macht es mir sehr viel Spaß, die EM-Spiele anzuschauen, gerade die Österreicher und die Norweger haben mir zuletzt viel Freude bereitet.

Die Spiele der deutschen Mannschaft haben Sie jetzt bewusst ausgeklammert, oder?
Im Moment sollte man die deutschen Spiele unter der Überschrift "es ist noch nichts passiert" betrachten. Das Wichtigste ist, dass wir in der Hauptrunde sind. Aber klar ist auch, dass wir eine deutliche Leistungssteigerung brauchen, um ins Halbfinale einzuziehen. Manchmal ist es ja im Sport gar nicht so schlecht, mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Die Vergangenheit hat aus deutscher Sicht gezeigt, dass es schon Mannschaften gab, die ähnlich zäh ins Turnier gestartet sind und am Ende sogar den Titel geholt haben. Außerdem: Schlechter geht es ja eigentlich nicht mehr, es kann also nur noch nach vorne gehen.

Gibt es mittlerweile auch im Handball keine kleinen Gegner mehr?
Ja, das zeigt das Turnier. Du musst jeden Gegner ernst nehmen, auch Lettland oder die Niederlande. In solchen Spielen ein bisschen herumzuprobieren funktioniert nicht. Du musst immer 100 Prozent geben.

Wurde das deutsche Team im Vorfeld überschätzt?
Das kann ich noch nicht beurteilen. Vielleicht brauchen die Jungs einfach etwas länger, um ins Turnier reinzukommen. Jetzt sind sie in Wien, hier scheint auch mal die Sonne, sie haben jetzt wahrscheinlich mehr deutsche Fans in der Halle. Vielleicht war Trondheim einfach auch nicht die richtige Umgebung, um die beste Leistung zu zeigen. Die Jungs beweisen ja Woche für Woche in der Bundesliga, was sie zu leisten im Stande sind. Und sie haben es ja auch schon teilweise im Turnier gezeigt. Das Problem ist, dass die Leistungen im Moment einfach viel zu schwankend sind. Diese Schwankungen muss man aber so gering wie möglich halten, um mit den Top-Nationen, die jetzt in der Hauptrunde auf uns zukommen, mithalten zu können. Wenn das nicht klappt, wird es mühsam.

Die Gruppenphase hat für ein Novum im deutschen Handball gesorgt. Eine Torhüterkrise beim DHB gab es so noch nie.
Ich möchte auch noch nicht von einer Krise sprechen. Im ersten Spiel gegen die Niederlande war Andy Wolff eine echte Stütze seiner Mannschaft. Natürlich kann man sagen, im Topspiel gegen Spanien brauchst du auch eine top Torhüterleistung und da war uns der gegnerische Torhüter De Vargas aus Barcelona deutlich überlegen. Jetzt gegen Lettland fand ich auch Jogi Bitter eigentlich nicht so schlecht. Da muss man sich schon fragen, ob man wechseln muss. Andy Wolff hat ja auch keine Hand an den Ball bekommen. Ich verstehe den Hintergedanken von Christian Prokop, Wolff so noch ins Turnier bringen zu wollen. Aber das hat nicht funktioniert.

Viel wird auch über fehlende Emotionalität gesprochen.
Wenn Dinge auf dem Spielfeld nicht funktionieren, sich dann künstlich hochzupushen, ist nicht so einfach. Aber ich hoffe, dass die hoffentlich zahlreichen Zuschauer in Wien – vielleicht macht ja der ein oder andere von seinem Skiurlaub aus noch einen Schlenker über Wien – die Mannschaft von Außen pushen und so noch mehr Emotionalität ins Spiel bringen.

Fehlt ein Typ, der die Mannschaft mitreißt? Kapitän Uwe Gensheimer scheint mit dieser Aufgabe überfordert.
Er ist mit seiner eigenen Leistung nicht zufrieden und deshalb kann er auch nicht die Energie in die Mannschaft bringen. Diese Emotion, als Jogi Bitter den Siebenmeter gegen Lettland gehalten hat – das sind die Dinge, die man sehen will. Jetzt sind die erfahrenen Spieler wie Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek, Andy Wolff oder eben Bitter gefordert, von einem Timo Kastening oder Patrick Zieker kann ich das nicht erwarten. Wenn ich mir die Österreicher, Norweger oder auch die Portugiesen anschaue, welche Power die in so einem Spiel entfalten, da haben wir sicher noch viel Luft nach oben.

Welche Schuld trifft Christian Prokop?
Normalerweise sucht sich ein Trainer ein paar Spieler aus, die seine Philosophie in die Mannschaft und auf das Spielfeld transportieren. Das scheint im Moment noch nicht zu funktionieren. Als Außenstehender stellt man sich auch manchmal die Frage: Versteht die Mannschaft ihn? Gegen Spanien habe ich es nicht geglaubt, da war relativ wenig Konzept bzw. von dessen Umsetzung zu sehen.

Wenn Christian Prokop wie bei Timo Kastening die Namen seiner eigenen Spieler nicht kennt, macht es die Sache auch nicht einfacher…
Das fand ich auch etwas sportlich. Vor allem sich danach hinzustellen und zu sagen, er wollte damit etwas auflockern. Wir sind alles nur Menschen, es wäre doch kein Problem gewesen, wenn er zugegeben hätte, dass er da einen Blackout hatte. Es hat doch jeder gesehen, dass ihm da ein Fauxpas passiert ist. Da brauche ich nicht irgendwelche Entschuldigungen zu suchen. Es ist passiert und fertig. Da reißt dir doch keiner den Kopf ab.

Hat der deutsche Handball vielleicht auch ein Strukturproblem, hat man sich von der stärksten Liga der Welt blenden lassen?
Das mit der stärksten Liga der Welt ist ja nicht falsch. Nur darf man nicht vergessen, wer denn in den Topteams die Akzente setzt. Zum Beispiel bei den Rhein-Neckar-Löwen spielt ein Andy Schmid (Schweizer Nationalspieler, Anm. d. Red.), so einen Spielmacher müssten wir in Deutschland auch einmal ausbilden. Wir schauen uns immer viel bei anderen Nationen ab, anstatt auf unsere eigenen Stärken zu setzen. Wir versuchen das Förderkonzept der Franzosen zu kopieren. Und jetzt sind die Franzosen in der Gruppenphase aus dem Turnier geflogen.

Wer oder was macht Ihnen Hoffnung?
Hoffnung macht mir, was wir theoretisch zu leisten im Stande sind. Zusammen mit dem Torhütergespann können wir eine hervorragende Abwehr stellen. Das war ja die Idee, dass man durch schnelle Ballgewinne leichte Tore macht. Und wir haben mit Gensheimer, Zieker, Kastening und Reichmann auch wirklich schnelle Jungs. Das findet aber im Moment aber so gut wie gar nicht statt. Trotzdem weiß ich, dass die Jungs das können. Wenn sie heute gegen Weißrussland ein Erfolgserlebnis einfahren, wird auch ihr Selbstbewusstsein steigen. Julius Kühn mit seinen acht Toren gegen Lettland war ja schon mal ein guter Anfang. So müsste es jetzt weiter gehen!

 

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