AZ-Interview Schock-Diagnose Leukämie: Woher sie kommt, was man tun kann

Clemens Hagen.
Sie sehen schön aus, sind aber lebensgefährlich: Blick durch ein Mikroskop auf eine Gruppe von Leukämiezellen. Foto: imago

Seit dem Ausbruch der tückischen Krankheit bei Christine Kaufmann ist das Interesse der Menschen hoch. Die AZ hat mit einer Expertin gesprochen.

 

Katharina Götze arbeitet als Oberärztin im Universitätsklinikum rechts der Isar und ist zuständig für die Behandlung von akuten Leukämien und für die hämatologische Diagnostik.

AZ: Frau Professor Götze, die Erkrankung der Schauspielerin Christine Kaufmann war ein Schock für ihre Fans – aber vor allem für ihre Familie. Wie kann es zu einem so plötzlichen Ausbruch von Leukämie kommen?
KATHARINA GÖTZE: Eine akute Leukämie kann, wie der Name schon sagt, schnell entstehen, sogar innerhalb von wenigen Wochen. Dabei wird der Körper regelrecht überschwemmt mit Leukämiezellen, die ja nichts anderes sind als unfertige, funktionsuntüchtige weiße Blutkörperchen.

Im Fall von Christine Kaufmann lagen wohl außerdem eine virale Infektion und eine Sepsis, also eine Blutvergiftung vor.
Es ist nicht ungewöhnlich, dass die erste Manifestation einer akuten Leukämie eine Infektion ist, da durch den Mangel an funktionstüchtigen weißen Blutkörperchen die Abwehr massiv beeinträchtigt ist. Patienten fühlen sich schlapp...

...Frau Kaufmann klagte kurz vor ihrem Zusammenbruch und der anschließenden Krebsdiagnose über Schlappheit...
...die vermutlich auch durch eine zusätzliche Blutarmut, einen Mangel an roten Blutkörperchen in ihrem Körper hervorgerufen wurde.

Wie therapiert man in einem solchen Fall?
Um den Infekt zu bekämpfen, verabreicht man zuerst antivirale und antibakterielle Medikamente. Außerdem im Normalfall Blutkonserven. Erst, wenn man die Infektion in den Griff bekommen hat, kann man mit einer Chemotherapie beginnen. Manchmal ist es aber auch notwendig, bei einem aggressiven Verlauf der Leukämie die Chemotherapie trotz der Infektion schon zu beginnen.

Die eine gute körperliche Verfassung voraussetzt, oder?
Genau. Da beißt sich eben häufig leider die Katze in den Schwanz. Die Infektion bekommt man wegen der Leukämie nicht in den Griff, die sich wiederum nicht problemlos behandeln lässt, wenn die Infektion nicht kontrolliert ist.

Frau Kaufmann musste vor elf Tagen von ihren Ärzten in ein künstliches Koma versetzt werden. Angesichts der zuvor beschriebenen Diagnose – wie würden Sie ihre Heilungschancen einschätzen?
Zu ihrem konkreten Fall kann und möchte ich mich nicht äußern, die Leukämie ist eine heterogene Krankheit mit unterschiedlichsten Verläufen. Aber es ist sicher eine schwierige Situation, zumal man bei einer akuten Leukämie so schnell wie möglich mit der Chemotherapie beginnen möchte.

Als Hämatologin mit dem Fachgebiet Leukämie müssen Sie sich oft mit dem Tod auseinandersetzen. Was passiert, wenn die Patienten nicht mehr selbst entscheiden können, ob sie leben oder sterben wollen?
Auch das ist sehr unterschiedlich und hängt ganz von der familiären Situation sowie der Gesamtprognose des Patienten ab. Wenn keine Patientenverfügung vorliegt, entscheiden normalerweise der Partner oder die Kinder, nach intensiver Aufklärung durch die behandelnden Ärzte. Ist die Familie untereinander zerstritten und kann sich nicht einigen, muss in seltenen Fällen ein Vormund bestellt werden.

Zurück zur Krankheit selbst: Bei Christine Kaufmann starb bereits die Mutter an Leukämie. Gibt es eine Art genetische Vorbelastung?
Nein, eigentlich nicht. Es gibt gewisse Situationen, die mit einem höheren Risiko, an Leukämie zu erkranken, vergesellschaftet sind. Kinder mit Down-Syndrom sind stärker gefährdet für akute Leukämie und ältere Menschen stärker als junge, aber eine genetische Prädisposition ist sehr selten.

Wie bekommt man Leukämie?
Einfach erklärt: Das Blut wird von blutbildenden Stammzellen im Knochenmark gebildet. Da die meisten Blutzellen nur drei Wochen lebensfähig sind, muss das ganze Leben über ständig neues Blut produziert werden. Es kann aber passieren, dass die blutbildenden Stammzellen gewissermaßen einen Knacks bekommen und Mutationen entstehen, die nach einer Weile dazu führen, dass die kranken Stammzellen vermehrt funktionsuntüchtige weißen Blutkörperchen bilden, die das Knochenmark überschwemmen und die normale Blutbildung zurückdrängen.

Durch eine Stammzellentherapie nach einer Knochenmarkspende, kann man Leukämie aber heilen?
Im Prinzip ja. Die Heilungschancen je nach Alter bei rund 40 bis 60 Prozent. Es gibt aber auch sehr günstige Leukämieformen, bei denen die Heilung auch ohne Transplantation bei über 90 Prozent liegt.

 

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