AZ-Interview Schauburg-Intendant: "Theater braucht Vorstellungskraft"

Dagmar Schmidt und George Podt vor ihrem Spielplan. Foto: Schauburg

Die Intendanz von George Podt an der Schauburg endet mit einer Bearbeitung des "Fliegenden Holländers".

 

München - Unter Münchens Theaterchefs ist George Podt einer mit besonders langer Haltbarkeit. Nach 27 Jahren endet seine Intendanz an der Schauburg. Der Niederländer verabschiedet sich mit "Willem Vanderdecken oder Das Märchen vom Fliegenden Holländer" in einer Inszenierung von Peer Boysen, der seit 1990 zum Stammpersonal des städtischen Kinder- und Jugendtheaters gehört. Vor der letzten Premiere sprach die AZ mit George Podt sowie seiner Ehefrau und Chefdramaturgin Dagmar Schmidt.

AZ: Frau Schmidt, Herr Podt, hat sich das Kinder- und Jugendtheater in den letzten drei Jahrzehnten stark verändert?
DAGMAR SCHMIDT
: Ja und nein. Natürlich wird uns immer wieder die Frage gestellt, ob das Theater noch interessant ist gemessen an den elektronischen Medien. Aber diese Konkurrenz haben wir nicht, weil sich nicht das verändert hat, was noch immer das Interessanteste im Leben ist: der Mensch.
GEORGE PODT: Wir haben immer versucht, ein Theater zu machen, das auch für Kinder und Jugendliche geeignet ist. Was wir nicht gemacht haben, ist Kinder- und Jugendtheater.
SCHMIDT: Was sich aber extrem geändert hat, ist die Geschwindigkeit, mit der der Mensch seine Neugier verliert. Die kann man erst entwickeln, wenn es einen Moment von Ruhe gibt, um Fragen zu stellen. Alles muss schnell gehen und einfach sein. Der Unterricht ist völlig funktionalisiert – was nutzt es mir zu wissen, wie man "Shakespeare" schreibt?
PODT: Was im Theater vor allem gilt, ist die eigene Vorstellungskraft. Ich weiß nicht, ob das mit der Digitalisierung zusammenhängt, aber diese Vorstellungskraft hat sich verringert.

Das ficht Sie aber offenbar nicht an. In Ihrer Fassung von "Entdeckung der Langsamkeit" wird die malerische Welt eines Seefahrers im frühen 18. Jahrhundert buchstäblich skelettiert zu wenigen Schiffsplanken.
SCHMIDT: Das ficht uns deshalb nicht an, weil wir überzeugt davon sind, dass der Mensch diese Vorstellungskraft weiterhin braucht. Das ist unsere Definition von politischem Theater: Gerade weil es immer schwerer gemacht wird, das zu entdecken, ist es wichtig, den eigenen Film im Kopf zu entwickeln. Menschen, die viel Lesen, kennen das: Wer den Film gesehen hat, ist immer enttäuscht, denn die eigenen Bilder waren viel toller.

Gibt es Produktionen, von denen Sie im Rückblick sagen: Das würden wir heute nicht mehr oder nicht mehr so machen?
PODT: Da gibt es einige. Zum Beispiel "Weißt du, wo mein kleiner Junge ist?", eine ganz frühe Produktion mit Heio von Stetten und René Dumont als Clowns.
SCHMIDT: Eine wunderbare, komplett spielerische Inszenierung von Peer Boysen. Theater pur! George, warum würden wir das heute nicht mehr machen?
PODT: Vor allem wegen der Lehrer. Die würden gar nicht mehr hingehen, weil es nicht mehr in das Beuteschema ihres Unterrichts passt. Man darf nicht am Publikum vorbei produzieren. Man muss wissen, wo man ist. Das ist kein Widerspruch zu dem, was wir vorher sagten. Aber Theater macht man in der Stadt, in der man lebt. 1989 hatten wir ein Angebot aus Dortmund. Wir sind hingefahren, hielten uns ein paar Stunden in der Innenstadt auf und fragten uns: Wir leben jetzt in Amsterdam. Könnten wir hier Theater machen? Die Antwort war: Nein, das können wir nicht.

Was wird jetzt aus Ihnen?
PODT: Wir bleiben in München. Ich werde mich etwas mehr um unseren behinderten Sohn kümmern. Und ich werde herausfinden, wie es ist, keine weiteren Aufgaben mehr zu haben. Danach wird sich irgend etwas tun. Ob das im Theater sein wird, bin ich nicht sicher. Schmidt: Ich werde ehrenamtlich Grundschulkindern helfen, die aus weniger privilegierten Elternhäusern kommen, den Einstieg in die abstrakte Welt der Zahlen und Buchstaben zu finden.

Sie beenden Ihre derzeitige Tätigkeit mit dem "Fliegenden Holländer". Ist das ein typischer Schauburg-Stoff?
PODT: Vor fünf oder sechs Jahren hatten wir Peer den Auftrag gegeben, zu prüfen, ob er mit diesem Thema umgehen kann. Dann hat er es uns nicht vorgelesen, sondern vorgespielt. Das war ganz wunderbar, aber wir stellten uns die Frage: Ist das auch für den Vormittag geeignet? Wir drückten uns eine Weile darum herum. Aber jetzt zum Schluss machen wir vier Vorstellungen abends, denn wir wissen, dass es unbedingt gemacht werden muss.
SCHMIDT: Mit seiner Boysenschen Ästhetik und mit der Boysenschen Musikalität ist es ein klassisches Schauburg-Stück.


Schauburg, Premiere am 15. Juni, 19.30 Uhr, weitere Vorstellungen nur noch bis 19. Juni, Karten unter Telefon 23337155.

 

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