AZ-Interview Richy Müller spielt den "Rain Man"

"Wir würden Sie sofort nehmen – als Patient", sagten die Ärzte zu Richy Müller als Raymond. Foto: Philipp Moenckert

Richy Müller spielt den Autisten Raymond aus dem Film "Rain Man" in der Komödie im Bayerischen Hof.

München - Vier Oscars, ein Golden Globe und ein Goldener Bär veredeln den "Rain Man". Barry Levinsons Kinohit aus dem Jahr 1988 brachte den damals noch jungen Tom Cruise als notorisch scheiternden Sportwagen-Importeur Charlie Bebbitt und den längst im Superstar-Status angekommenen Dustin Hoffman zusammen. Der spielte den autistischen großen Bruder Raymond, an den sich Charlie wegen des väterlichen Millionenerbes heran macht. In der Bühnenfassung, die die Kammerspiele Karlsruhe produzierten und ab Mittwoch in der Komödie im Bayerischen Hof zu sehen ist, spielt Richy Müller den tief in seine eigene Welt verstrickten Raymond, den "Rain Man".

Die AZ sprach mit Müller, der seit 2008 auch der Stuttgarter "Tatort"-Kommissar Lothar Lannert ist.

AZ: Herr Müller, "Rain Man" ist in großen Teilen ein amerikanisches Roadmovie. Wie bekommt man die 3.500 Kilometer zwischen Cincinnati und Los Angeles auf die Bühne?
RICHY MÜLLER: Durch eine gute Essenz aus dem Film. Es ist ein sehr eindringliches Stück und die Bewegung fehlt nicht. Alles kommt über den Text und die Stimmung. Es ist wirklich eine intensivere Sache als der Film. Bei den bisherigen 120 Vorstellungen in Karlsruhe herrschte eine besondere Stille. Das Publikum war mitgerissen und trotzdem kommen zwischendurch Lacher mit Niveau, denn Raymond trifft aus seiner Unwissenheit heraus oft den Nagel auf den Kopf.

Als Autist hat Raymond eine ganz spezielle Art der Wahrnehmung. Wie erarbeiteten Sie sich dieses Verhalten?
Ich suche die Figuren immer in mir und vermeide es, mir etwas überzustülpen – einmal abgesehen vom Kostüm, das immer sehr hilfreich ist. Ich versuche, "meinen" Polizisten, Feuerwehrmann oder Arzt zu finden um zu wissen, was sie antreibt. Jeder hat auch seinen eigenen Autisten in sich. Um von der Außenwelt nicht erreicht zu werden, habe ich erstmal alles für mich in den Boden gespielt. Regisseur Christian Nickel sagte zu mir: "Irgendwann will das Publikum dein Gesicht sehen." Dann habe ich in die Luft gespielt und es manifestierte sich ein körperlicher Zustand dafür, wie ich spreche und wie ich mich bewege. Das kann man nicht vorher festlegen.

Richy Müller: "Ich kannte den Film 'Rain Man' vorher gar nicht"

Gibt es professionelle Reaktionen auf Ihre Darstellung?
Einmal hatten mich 15 Therapeuten vom Autisten-Zentrum in Bruchsal zu einem Treffen eingeladen. Sie waren skeptisch gewesen, ob man das spielen kann. Nach der Vorstellung waren sie verblüfft. Der Schlusssatz hieß: "Wir würden Sie sofort nehmen - als Patient." Das war ein tolles Kompliment, denn es ist natürlich wichtig, dass man eine solche Figur nicht denunziert.

Konnten Sie bei Dustin Hoffman etwas abschauen?
Bis dahin kannte ich den Film gar nicht. Der große russische Schauspiellehrer Konstantin Stanislawski hat einen Aufsatz über die Unvoreingenommenheit des Schauspielers vor der Rolle geschrieben. Das heißt: Wenn ich den Romeo spiele, sollte ich mir vorher nicht "Romeo und Julia" in einer anderen Inszenierung ansehen, um mich nicht einzuschränken. Insofern war das gut. Am Abend nach der Premiere lief zufällig "Rain Man" im Fernsehen, aber Hoffman macht etwas völlig anderes. Das hätte mich wirklich behindert.

Richy Müller: "'Tatort'-Kommissar Lannert ist mir ans Herz gewachsen"

Sich um Benachteiligte zu kümmern, ist Ihnen nicht fremd. Sie sind Träger des Verdienstordens des Landes Baden-Württemberg für Ihr großes soziales Engagement. Womit haben Sie den Orden verdient?
Mein Hauptaugenmerk liegt auf der Arche Intensiv-Kinder. Das sind Kinder, die lebenslang künstlich beatmet werden müssen. Normalerweise liegen sie mit einem Schlauch im Hals in einer Klinik, der Chefarzt kommt einmal am Tag vorbei, aber es gibt keine Berührung. Der Besuch der Eltern lässt sich nicht immer bewerkstelligen. Zu Hause können die Kinder aber nicht betreut werden. Zwischen Tübingen und Reutlingen gibt es zwei Häuser und wir sammeln Geld. Es gibt keine staatliche Unterstützung, kostet aber 12.000 Euro, von denen die Kasse 4.000 zahlt. Wir müssen in jedem Monat 8.000 Euro an Spenden reinholen. Dafür bin ich unterwegs und verbinde das mit Lesungen oder anderen Auftritten.

Wie nahe ist Ihnen "Tatort"- Kommissar Lothar Lannert?
Insofern nahe, als ich ihn zwei Mal im Jahr spiele und ihn mit kreieren durfte. Lannert ist ein Mann, der seine Familie auf tragische Weise verloren hat, und somit kein Unwissender ist, wenn es um Familie geht. Ich wollte nicht dass er unter seinem Beruf leidet; er liebt ihn, ist unbestechlich und er ist in der Lage auch mal ein Auge zudrücken. Dass das vom ersten Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt so umgesetzt wurde, freute mich extrem. Nach mittlerweile 24 gedrehten Folgen ist es fast so, als würde ich Kriminalhauptkommissar Lannert mit dem Kostüm anziehen. Er ist mir ans Herz gewachsen. Anfang Mai darf ich mich erneut um ihn kümmern – und wenn ich dann wieder für ein paar Monate gehe, bleibt er mit seinem Porsche in der Garage zurück.


Komödie im Bayerischen Hof, Premiere am Mittwoch, 10. April 2019, 19.30 Uhr. Weitere Vorstellungen bis 28. April. Telefonische Reservierung unter 089 - 29 161 633.

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