AZ-Interview Regina Halmich: "Habe schon als Mädchen Sexismus erlebt"

Regina Halmich spricht in der AZ über Erfolg, Anfeindungen und Emanzipation. Foto: BrauerPhotos / F.Seidel

Vor 25 Jahren gewann Regina Halmich als erste Deutsche den WM-Titel im Frauenboxen. In der AZ spricht sie über ihren Weg zum Erfolg, Anfeindungen, Emanzipation und viele "blöde, blöde Fragen".

 

München - AZ-Interview mit Regina Halmich: Die jetzt 43-Jährige holte sich am 10. Juni 1995 als erste Deutsche den WM-Titel im Frauenboxen. Bis zu ihrem Rücktritt im Jahr 2007 blieb sie in weiteren 49 Kämpfen ungeschlagen.

AZ: Frau Halmich, lassen Sie uns doch eine kleine Zeitreise machen – 25 Jahre zurück, zum 10. Juni 1995.
REGINA HALMICH: Wie sich das schon anhört, 25 Jahre, da fühlt man sich gleich richtig alt. Aber Spaß beiseite, natürlich erinnere ich mich sehr genau an dieses Datum, da habe ich in meiner Heimatstadt Karlsruhe gegen Kim Messer als erste Deutsche den Weltmeistertitel im Frauenboxen gewonnen. Der Druck damals war enorm, denn ich hatte gerade zwei Monate zuvor in Las Vegas meinen ersten Titelkampf verloren, ich hatte damals ein fürchterliches Veilchen davongetragen und die Kritik – wobei Kritik war es ja meistens nicht, es war Häme – die ich da erleben musste, das war extrem. Vor dem Kampf gegen Messer waren die Spötter alle wieder da.

Regina Halmich hat früher keine Anerkennung erfahren

Sie waren neben dem Yeti und Marsmenschen als Frauenboxerin die Dritte im Bunde derer, die es nach der öffentlichen Wahrnehmung nicht geben sollte...
(lacht) So kann man es sagen. Und sie haben nur darauf gewartet, dass sie mit diesem Kampf das Frauenboxen in Deutschland zu Grabe tragen konnten. Die Stimmung, die mir von Teilen der Medien, aber auch einigen männlichen Boxkollegen zu dieser Zeit entgegenschlug, war eine Mischung aus Sensationsgier und Verachtung. Ich habe das nie verstanden, ich war wütend, und diese Wut habe ich in positive Energie umgewandelt und gewonnen. Aber auch danach habe ich keine Anerkennung erfahren. Das war noch ein langer Weg. Man darf nicht vergessen, ich war damals ein 19-jähriges Mädchen. Ich war unbekümmert und sicher auch irgendwo unbedarft.

Wie heißt es im Boxen: Blut, Schweiß und Tränen.
Ja, ich habe so viele persönliche Angriffe und Beleidigungen erfahren, das tat wirklich weh. Es ist ja nicht so, dass man mit einem dicken Fell auf die Welt kommt und einen das alles nicht trifft. Es gab viele stille Tränen. Aber all das gehört zu meinem Leben. Und ich bin im Nachhinein auch dankbar und sogar froh, dass ich beide Seiten erfahren und erlebt habe. Ich weiß, was es heißt, keine Anerkennung zu haben, kein Geld zu haben. Für meine ersten Kämpfe musste ich sogar zahlen, damit man mich überhaupt antreten ließ.

Später habe ich sehr viel Respekt erhalten und auch gutes Geld verdient. Und auch viele der Boxkollegen, die am Anfang am Frauenboxen und teilweise auch an mir kein gutes Haar gelassen haben, sind später zu mir gekommen, haben sich entschuldigt. Ich will nicht sagen, dass ich von Stolz erfüllt bin, aber all das gibt mir eine gewisse Genugtuung. Ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe – und wie ich es erreicht habe.

"Es war eine harte Schule und eine harte Zeit"

Einer der Ersten, der zu Ihnen gestanden ist, war einer, der eher als Macho denn als Freund der Emanzipation gilt: Dariusz Michalczewski, der Tiger.
Das stimmt, er war zwar auch nicht der große Freund des Frauenboxens, aber wir haben zusammen in einem Gym trainiert und er hat gesehen, wie hart ich arbeite, dass ich alles für meinen Traum gebe, das hat ihn beeindruckt und er war einer der Ersten, die mich unterstützt hatten – auch öffentlich.

Wie sind Sie denn mit all diesen Anfeindungen am Anfang Ihrer Karriere umgegangen?
Zu Beginn versucht man, es allen recht zu machen. Aber man merkt sehr schnell, das geht gar nicht, weil manche mit so vorgefertigten, starren Meinungen an die Sache rangehen, dass es egal ist, was ich sage. Wenn ich mir überlege, was ich am Anfang meiner Karriere andauernd für blöde, blöde Fragen gefallen lassen musste. Andauernd! Ob ich Angst um meine Brüste hätte, wenn sie beim Boxen getroffen werden, wie man kämpft, wenn man seine Tage hat, ob ich mich überhaupt als Frau fühle. Es war eine harte Schule und eine harte Zeit, aber Boxen war immer meine Leidenschaft, von diesem Weg konnte mich niemand abbringen.

War Ihnen jemals bewusst, dass Sie mit Ihrem Kampf auch einen Beitrag zur Emanzipation geleistet haben?
Damals überhaupt nicht. Aus heutiger Sicht weiß ich, dass ich ganz sicher einige Türen auf- und eingetreten habe, dass ich einige Vorurteile, mit denen man Frauen kleinhalten will, vielleicht nicht zerstört habe, aber zumindest angegangen bin. Zum Glück haben es die Frauen heute etwas leichter, ohne dass sie es wirklich leicht haben.

Regina Halmich über Sexismus: "Ich musste mir derbe Sprüche anhören"

Sie mussten in der Macho-Welt des Kampfsportes auch viel Sexismus ertragen.
Klar, ich habe schon Sexismus erlebt, ehe ich überhaupt das Wort richtig kannte. Wenn man als Mädchen so mit 13, 14 Jahren in der Welt des Kickboxens und Boxens unterwegs war, dann ist es schon mal vorgekommen, dass man dir einfach auf den Po gelangt hat oder drauf geschlagen hat, dass man sich derbe, frauenverachtende Sprüche anhören musste. Zum Glück habe ich da recht schnell ein Selbstvertrauen entwickelt und Kontra gegeben. Ich habe blöde Sprüche dann mit blöden Sprüchen gekontert. Aber keine Frage, Sexismus tut weh.

Haben Sie eine Botschaft für all die Mädchen da draußen?
Botschaft hört sich so hochtrabend an. Aber was ich raten würde, ist: Folgt euren Träumen, habt den Mut, ihnen zu folgen. Auch wenn vielleicht alle eine andere Meinung haben, sie müssen und können nicht dein Leben leben. Habt den Mut, zu euch und euren Träumen zu stehen. Ich glaube, das ist etwas, was gerade für Frauen, die ja so schnell und so tief an sich zweifeln, wichtig ist. Ich habe für mich eines gelernt: Wenn man sich auf einem Weg befindet, der mit besonders viel – oft unsachlicher – Kritik begleitet wird, dann ist man vielleicht genau auf dem richtigen Weg.

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