AZ-Interview Regenbogenfamilien-Beraterin: "Es sind immer Kinder der Liebe"

Die Sozialpädagogin Stephanie Gerlach betreut Regebogen-Paare mit Kinderwunsch. Foto: dpa/Jens Kalaene/ho

Gleichgeschlechtliche Elternpaare haben in Deutschland immer noch nicht in allen Belangen die gleichen Rechte. Wo sie gestärkt werden müssen – und wo sie schon stark sind.

 

München - An diesem Samstag ist der Empowerment-Tag für Regenbogenfamilien. Veranstaltet wird er von der Beratungsstelle für Regenbogenfamilien an der Saarstraße in Kooperation mit der Kita Domus, in deren Räumen er auch stattfindet. Sozialpädagogin Stephanie Gerlach betreut seit Jahren schwule, lesbische und transsexuelle Paare mit Kinderwunsch. Im AZ-Interview erklärt sie, warum die Bestärkung so wichtig ist.

AZ: Frau Gerlach, entwickeln sich Kinder in Regenbogenfamilien anders?
STEPHANIE GERLACH: Eigentlich nicht. Der einzige Unterschied, den man in Studien feststellen konnte, ist vielleicht ein höheres Selbstwertgefühl.

Woher kommt das?
In diesen Familien wird die Elternschaft sehr bewusst gelebt, Kommunikation und Arbeitsteilung sind große Themen. Das heißt natürlich nicht, dass das alle machen, oder dass Hetero-Paare das nicht so leben. Aber gleichgeschlechtliche Paare laufen weniger Gefahr, in traditionelle Rollenbilder zu verfallen, weil es eben keine Vorbilder dafür gibt.

Sie entsprechen nicht den Konventionen. Manche meinen, Kinder bräuchten aber grundsätzlich eine Mutter und einen Vater.
Es gibt zahlreiche Studien, dass das Geschlecht der Eltern für das Wohlergehen der Kinder keine Rolle spielt. Viel wichtiger ist die Atmosphäre in der Familie, ein hohes Konfliktpotenzial ist sehr schädlich. Es ist wichtig festzuhalten, dass den Regenbogenfamilien wirklich nichts fehlt.

Wie reagieren die Kinder, wenn sie merken, dass ihre Familie "anders" ist?
Zuerst einmal nehmen Kinder die Familie, in die sie hineingeboren werden als selbstverständlich wahr. Die Eltern müssen sie aber darauf vorbereiten, dass aus dem Umfeld Fragen kommen werden. Die Kinder fragen selbst – wie alle Kinder – nach ihrer Vergangenheit, wo sie hergekommen sind. Und hören, dass ihre Mamas sie sich eben sehr gewünscht haben und, dass es einen netten Mann gab, der geholfen hat. Das ist ein sehr wichtiger Punkt: Diese Kinder sind immer gewünscht, immer Kinder der Liebe.

In Verbindung mit dieser eben homosexuellen Liebe ist leider auch Diskriminierung Thema. Gibt es auch mit der "Ehe für alle" noch rechtliche Ungleichheiten?
Ja, denn hier kommt das Abstammungsrecht zum Tragen. Rechtlich ist automatisch die Frau die Mutter, die das Kind austrägt. Der Vater ist automatisch der Ehemann. Bei unverheirateten Paaren kann der Mann die Vaterschaft anerkennen. Die Ehefrau einer lesbischen Frau ist aber nicht automatisch Mutter, sie muss also ihr eigenes Kind per Stiefkindadoption adoptieren. Zweitens gibt es keine Möglichkeit zur anerkannten Mutterschaft – nicht verheiratete Paare haben hier nicht die gleichen Rechte wie Hetero-Paare.

Was bedeutet der langwierige Adoptionsprozess für die Familien?
Erstens kostet er viel Kraft und bringt Unsicherheit. Was ist, wenn meiner Frau etwas passiert – verliere ich dann mein Kind? Das Kind hat für das erste Lebensjahr nur einen rechtlichen Elternteil – das ist sicher nicht im Sinne des Kindeswohls.

Wie sieht es bei männlichen Paaren aus?
Da spielt die Schwierigkeit aus dem Abstammungsrecht nicht hinein. Weil Leihmutterschaften in Deutschland illegal sind, ist diese Schwierigkeit selten. Männliche Paare adoptieren meist fremde Kinder.

"Das ist wirklich der allergrößte Humbug"

Als Argument gegen die gleichgeschlechtliche Elternschaft werden oft die noch immer verbreiteten Vorbehalte angeführt. Man müsse die Kinder vor Anfeindungen schützen.
Das ist wirklich der allergrößte Humbug. Kinder leben in unendlich vielen Familienkonstellationen – Alleinerziehende, Patchwork oder bei den Großeltern. Die Kitas und Schulen haben die Aufgabe, ein Umfeld herzustellen, in dem alle Kinder sicher sind. Die letzte große Studie gab es 2009, da haben etwa 50 Prozent von Hänseleien berichtet. Die Hälfte ist, andersherum betrachtet, also nicht betroffen. Und es ist doch so: Kinder ärgern andere Kinder, die Gründe werden nur konstruiert. Wichtig ist, dass dann Eltern da sind, die ihnen den Rücken stärken.

Stichwort "stärken": Was passiert beim Empowerment-Tag?
Wir bieten ein Programm mit verschiedenen Workshops für Familien mit Kindern von fünf bis zehn Jahren. In dem spannenden Grundschulalter geht es natürlich auch viel um gegenseitigen Austausch. Viele Eltern kommen dafür regelmäßig zu uns, weil sie hier mal nicht die einzige Regenbogenfamilie sind. Es ist schön, sich mal nicht erklären zu müssen.

Wie arbeiten Sie mit anderen Institutionen zusammen?
Wir sind vor allem mit den anderen Einrichtungen der Community gut vernetzt aber auch mit anderen Familienberatungsstellen und Kitas. Für die bieten wir auch besondere Fachberatung. Wir hatten schon ein ganzes Kita-Team hier, das das Basis-Wissen über Regenbogenfamilien gelernt hat. Eine wichtige Sache ist das Signal nach außen. Damit zwei Väter oder zwei Mütter wissen, dass auch ihre Kinder in der Kita willkommen sind.

Lesen Sie hier: Ein Papa und ein Papi erzählen - "Wir haben ein Baby adoptiert – und möchten ein zweites"


Zum Abschluss gibt es am Samstag um 17 Uhr ein offenes Konzert von Suli Puschbarn. Eintritt 5 Euro, Therese-Studer-Str. 30

 

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