AZ-Interview Ottke über Wegner: "Ich mache mir Sorgen um Ulli"

Sven Ottke (links), der neue und alte Box-Weltmeiser im Supermittgewicht nach Version der IBF und WBA, lässt sich im März 2004 mit seinem Trainer Ulli Wegner feiern. Foto: Jens Wolf/dpa

Der frühere Weltmeister Sven Ottke ist sich sicher, dass die Entlassung dem Kult-Trainer schwer zusetzt. In der AZ spricht er über Respekt, den Umgang mit dem Sauerland-Boxstall und den "1A-Menschen Wegner".

 

Sven Ottke (52) war von 1998 bis 2004 Box-Weltmeister im Supermittelgewicht, dann trat er ungeschlagen ab. Ulli Wegner war sein Trainer während der Profikarriere.

AZ: Herr Ottke, ein Mann war in Ihrer großen Box-Karriere, die Sie 2004 ungeschlagen beendet haben, immer an Ihrer Seite: Kult-Trainer Ulli Wegner. Den hat nun der Boxstall Sauerland nach 23 Jahren wenig pietätvoll entlassen. Haben Sie ihn schon angerufen?
SVEN OTTKE: Noch nicht, aber ich werde es die nächsten Tage machen. Denn eines ist klar: Ich mache mir Sorgen um Ulli. Ich kann mir Ulli ohne Boxen eigentlich nicht vorstellen. Aber was viel entscheidender ist: Er kann sich ein Leben ohne Boxen nicht vorstellen. Ist Ulli wirklich in der Lage zu sagen: ‘Das war’s, ich lehne mich zurück, ich finde jetzt was anderes, was mir Spaß macht, ich reise in der Welt umher und genieße die Jahre, die ich noch habe?’ Ich habe meine großen Zweifel, dass er das kann. Wenn man so von hundert auf null plötzlich ohne Aufgabe dasteht, plötzlich gesagt bekommt, dass man nicht mehr gebraucht wird, nicht mehr relevant ist: Das trifft hart. Da kann es schon mal passieren, dass der große Hammer kommt, und dann war es das.

Ottke über Wegner: "Das Boxen ist einfach sein Leben"

Wegner ist immerhin auch schon 77 Jahre alt.
Ja, Wahnsinn! Wenn man überlegt und bedenkt, was der Ulli für ein Leben geführt hat, ist es ein Wunder, dass er es bis hierher geschafft hat. Und vor allem ist er im Kopf ja noch voll fit. Er hat ja nie groß Rücksicht auf sich und seine Gesundheit genommen. Und es ist auch sicher so, dass er jetzt einfach ein bisschen zu wenig für seine Gesundheit tut. Wenn man ihn zuletzt mit hochrotem Kopf in der Ecke gesehen hat, hatte man natürlich schon seine Sorgen. Aber das Boxen ist einfach sein Leben. Ich habe immer gesagt: Den Tod, den ich mir für Ulli wünsche, weil ich weiß, dass er ihn sich selber wünscht, ist, dass er endlich einen Boxer zum WM-Titel im Schwergewicht führen kann. Den Titel will er unbedingt noch holen. Und, dass er dann in dem Moment tot umfallen kann. Er würde am liebsten im Ring sterben, denn das ist Ulli.

Ottke: "Das Boxen ist in einer schweren Krise"

Sie kennen Wegner ja sehr gut: Wie sehr wird es ihn schmerzen, dass er jetzt von Sauerland so aussortiert wurde?
Sehr. Es ist ja so, dass die ihn, wenn man ehrlich ist, nicht mehr brauchen. Die schließen das Gym in Berlin, wollen zwar noch ein bisschen im Fernsehen präsent sein, weil man dann ja noch relevant ist. Aber die Boxer sollen sich am besten selbst finanzieren und trainieren. Das kann aber nicht funktionieren. Ich sage: Macht es ganz – oder gar nicht. So bringt es nichts. Aber das Boxen ist in einer schweren Krise, ich sehe da auch kein Licht am Ende des Tunnels. Das gab es aber immer wieder in unserem Sport. Vor Graciano Rocchigiani gab es den Sport in der Öffentlichkeit ja kaum. Dann kam Henry Maske, Markus Beyer, Ottke, Dariusz Michalczewski, Arthur Abraham, Regina Halmich, die Klitschko-Brüder. Das gibt es alles nicht mehr. Es gab viel zu viel Boxen im Fernsehen – und viel zu schlechtes. Das war für die Zuschauer einfach irgendwann ausgelutscht, das wollte dann keiner mehr sehen. Vielleicht ändert sich das in fünf, sechs Jahren wieder, wenn es mal wieder zwei, drei Gute gibt, die die Massen auch bewegen. Aber ich habe meine Zweifel. Ulli hat zu mir immer gesagt: "Wir beide, wir hatten die beste Zeit zusammen. Seitdem geht es bergab." Wenn das ein Mann wie Ulli sagt, wird auch was dran sein.

Sie kennen Wegner wie fast kein Zweiter. Beschreiben Sie ihn doch mal.
Er ist einfach ein 1A-Mensch. Für mich war er eine Vaterfigur und ist es auch immer noch. Wenn Ulli was sagt, dann denke ich immer drüber nach, ob er recht hat. Das hat einfach was mit Respekt zu tun. Und Ulli verdient allen Respekt der Welt. Er lebt für den Sport und seine Boxer. Wenn die verloren haben, hat er ja mehr gelitten als die. So ein Mensch ist Ulli.

Sie sprachen Respekt an. Der respektlose Umgang mit Wegner durch den Sauerland-Boxstall überrascht die Öffentlichkeit.
Ich will hier nicht nachtreten, das gehört sich nicht. Ich sage nur so viel: Mich überrascht es nicht. Ich habe viel erlebt in den Jahren mit Sauerland, aber mehr sage ich nicht.


Tiefschlag für Kulttrainer Wegner

Ulli Wegner ist hart im Austeilen, wie der schier unerschöpfliche Fundus seiner Motivationssprüche gegenüber seinen Boxern mehr als eindrucksvoll beweist. Und der Kult-Trainer, der etwa Sven Ottke, Marco Huck, Arthur Abraham zu Weltklasseboxern und Weltmeistern formte, ist auch hart im Nehmen.

Doch, dass Wegner jetzt – nach 23 Jahren Zugehörigkeit zum Sauerland-Boxstall – mal schnell und auf unrühmliche Weise aufs Abstellgleis befördert wurde, hat den 77-Jährigen dann doch schwer getroffen. "Wenn man mich nicht mehr will, bitte schön. Es ist so traurig", erklärte Wegner.

Sauerland-Boxstall kündigt Wegner - durch eine Angestellte

Am vergangenen Sonntag war Wegner noch in Hamburg mit dem "Herqul", dem Box-Oscar für sein Lebenswerk geehrt worden. Stehende Ovationen hatte er erhalten. "Er ist eine der herausragendsten Persönlichkeiten, die wir im Boxsport haben", erklärte Hamburgs Innensenator Andy Grote da.

Im Publikum saß bereits eine Angestellte des Sauerland-Boxstalls, die – so berichtet das Internet-Portal "boxen1.com", das ebenfalls ausgezeichnet wurde – den Auftrag hatte, Wegner am nächsten Tag die Kündigung zu überreichen und den Vorgang gegenzuzeichnen zu lassen.

Nicht Stallboss Wilfried Sauerland oder seine Söhne Kalle und Nisse, die beide leitende Funktionen haben, machten dies, sondern eine Angestellte.

Wegner: "Bleibe dem, Boxen auf jeden Fall erhalten"

Fakt ist: Zum 31. Dezember endet die so lange, so erfolgreiche Kooperation. "Wir können es uns einfach nicht mehr leisten, für so wenige Boxer so viel Geld für den Trainer auszugeben. Wir haben Wegner angeboten, dass er seine Boxer weiter trainieren kann und wir einen Zuschuss geben", sagte Wilfried Sauerland, dessen Boxstall auch für Ende des Jahres das Gym im Berliner Olympiastadion gekündigt hat, der "Bild".

Und wie geht es bei Wegner weiter? Ein Ulli-Leben ohne Boxen – und Boxen ohne Wegner sind kaum vorstellbar. Er sagt: "Ich werde mich bis zum letzten Tag um meine Jungs kümmern. Danach müssen wir sehen. Ich habe mehrere tolle Angebote, bleibe dem Boxen auf jeden Fall erhalten."

 

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