AZ-Interview Oliver Karbus: "Niederbayrisch kann ich nicht"

Der Regisseur, Schauspieler und Literat erzählt imAZ-Interview über sein Leben und seine Wahlheimat Landshut Foto: Peter Litvai

Zunächst ein gelernter Schauspieler, wechselte Oliver Karbus (62) ab 1987 ins Regiefach. In den letzten dreißig Jahren kam der gebürtige Österreicher viel an deutschen Staats-, Stadt- und Landestheatern herum. Aktuell ist seine Inszenierung der Antigone von Sophokles am Landestheater Niederbayern zu sehen. Im Interview mit der AZ erzählt er über seine Wurzeln, seine Kinder – und seine große Liebe.

 

AZ: Herr Karbus, das Wirtshaus "Zum Hofreiter" ist recht gemütlich. Trifft man Sie ganz privat hin und wieder dort?
OLIVER KARBUS: Ja, hier sitze ich oft, auch um berufliches zu besprechen, genau im hintersten Eck. Was ich hier besonders schätze, ist, dass man nicht von irgendwelcher Musik berieselt wird. Hier kann man tatsächlich miteinander reden.

Das hier wird eine Serie, in der uns Persönlichkeiten der Stadt etwas über "Ihr Landshut" erzählen...
...so ein ganz richtiger Landshuter bin ich ja gar nicht. Ich bin gebürtiger Bad Ischler. Seit 14 Jahren wohne ich in der schönen Landshuter Rosengasse. Aufgrund meiner achtjährigen Tochter wollen wir eventuell in die Natur, aber wohl nicht weiter als 30 Kilometer weg – Leberskirchen oder so.

Was hat Sie damals eigentlich nach Landshut geführt ?
Das war die Liebe. Ich habe meine Frau hier kennengelernt. 2001, nach einem Gespräch mit dem Intendanten vom Stadttheater, kam mir bei meinem ersten Spaziergang durch die herrliche Altstadt der Gedanke: ‘Hier könnte ich leben’. Zwei Jahre später bin ich meiner Frau begegnet, es hat sofort gefunkt und wir sind zusammengezogen.

Viele Künstler leben ja irgendwann in München. Wäre die große Stadt etwas für Sie?
Ich habe zu München keine besondere Beziehung. Ich mag zwar Großstädte, aber es ist doch so, dass man sich nicht aussuchen kann, welche Großstadt einem die Arme entgegenstreckt oder welche Stadt einem sympathisch ist. Dadurch, dass ich viel in Wien zu tun habe, meine Mutter eine Wienerin war, zwei weitere Kinder und meine Schwester in Wien wohnen, bin ich sehr oft in Wien. Ich nehme Münchens Kulturangebot gerne wahr, aber zum Leben ist mir München zu fremd und kalt. Aber das soll kein Werturteil sein, da geht es jedem Menschen anders. Viele Jahre habe ich gerne in Nürnberg gelebt. Landshut ist mir sehr sympathisch.

Warum?
Der Gang durch die Altstadt, das Skulpturenmuseum, das alte Theater, aber auch die ganze Atmosphäre in der Stadt mit ihren vielen netten Lokalen. Auch viele der Menschen, die ich kennengelernt habe, mag ich sehr. Ich hatte keinerlei Scheu herzuziehen und habe es bis heute nicht bereut.

Was konkret hat Sie am Landshuter Kulturangebot so fasziniert ?
Ich habe einige Werke des berühmten Bildhauers Fritz Koenig schon früher gekannt. Ich habe nur nicht gewusst, dass er hier tatsächlich sein Museum hat. Wie ich es dann besucht habe, dämmerte es mir: ‘Ach das ist ja der Fritz Koenig’. Einer der wichtigsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Dass er hier ein eigenes Museum hat, ist fantastisch. Jetzt soll ja eine große Koenig-Ausstellung in den Uffizien in Florenz stattfinden. Dazu wünsche ich bestes Gelingen.

Sie sprechen ja immer noch einen österreichischen Dialekt.
Lustigerweise konnte ich während meiner Nürnberger Zeit schon nach Kurzem mit den Franken fränkisch reden. Aber das Niederbairische bringe ich nicht zusammen. Ich falle immer wieder in meinen österreichischen Dialekt, wenn ich bairisch sprechen möchte. Liegt wohl an der Ähnlichkeit. Meine kleine Tochter spricht halb Niederbairisch und halb Salzkammergutdialekt. Ich lebe gewissermaßen unter einer süddeutsch-bajuwarischen Sprachglocke.

Was bedeutet Ihnen denn die Heimat ?
Meine Heimat wird immer das Salzkammergut sein. Heimat hat einen eigenen Geruch. Auch am Klang der Sprache hört man, dass man daheim ist. Das Zuhause ist dort, wo die Liebsten sind. Das kann auf der ganzen Welt sein, von mir aus auch in Australien. Mein Elternhaus steht bei Bad Ischl. Dort gibt es eine ganz besondere Tierwelt, alte Freunde und einen ganz eigenen Dialekt. Ich gehe natürlich zum benachbarten Bauern in den Stall, hole mir frische Milch, die Eier von der Nachbarin oder den selbstgebrannten Schnaps ihres Mannes. Die Jäger dort kann man nach ein bisschen Wildbret fragen – wir essen lauter tolle Sachen. Wo Touristen hingehen, gehe ich kaum hin. Es gibt dort sogar noch Badeplätze ohne Touristenhorden.

Wie halten Sie es denn mit alten Freunden ? Haben Sie zu denen regelmäßigen Kontakt?
Mit manchen Jugendfreunden habe ich mir heute nichts mehr zu sagen, aber es gibt auch Freundschaften, die gehalten haben und über die lernt man neue kennen. Nachdem es im Salzkammergut viele fantastische Musiker gibt und ich viel mit Musikern zusammenarbeite, kommt es immer wieder zu gemeinsamen Projekten. Auch hier in Landshut, zum Beispiel mit dem Komponisten Peter Wesenauer. Da fließt ein gemeinsamer Geist, der von vornherein da ist. Ein anderer wichtiger Aspekt von Heimat ist für mich der regionale Humor. Das hat nichts mit der Qualität des Humors zu tun. Es gibt eine gewisse Art, mit Humor umzugehen, die ist einfach typisch für das Salzkammergut.

Ihr letzter Dreh war der Vierteiler "Gestüt Hochstetten". Was muss eine Rolle haben, damit Sie daran interessiert sind ?
Fleisch. Etwas interessantes Darstellerisches, wo man was spürt. Je größer die Rolle, umso schöner. Ich habe auch schonmal Engagements abgesagt, weil mir die Rollen zu dünn waren. Auch zu Gruseliges, wie etwa einen Kinderschänder, würde ich eher ungern spielen. Aber im Grunde, je größer und tiefsinniger, umso besser.

Kennen Sie den Schauspieler Benedict Cumberbatch ? Der hat ja einen recht überzeugenden Hamlet in Londons West End Theater hingelegt und dreht jetzt unter anderem Hollywood-Filme mit Superhelden.
Der Name Cumberbatch sagt mir gar nichts. Ich erinnere mich an Hamlets wie Richard Burton oder Jude Law. Actionfilme sind auch nicht gerade mein Ding.

Also würden Sie auch den Haudrauf mit Umhang spielen, wenn sich für Sie die Gelegenheit ergäbe?
Wenn das Geld stimmt, hahaha...

Was geht in einem Künstler vor, wenn er seine Komfortzone verlassen muss?
Etwa einen Zuhälter spielen? Das macht großen Spaß. Man bleibt es ja nicht. Vier Drehtage ein schlimmer Finger zu sein ist interessant, vor allem die Suche danach in sich selbst. Und dann ist es wieder vorbei. Irgendwann sieht man es dann im Fernsehen und erkennt sich nicht wieder. Mein Agent liest viele Drehbücher und schlägt mir interessante Rollen vor. Das ist nur eine Seite meiner beruflichen Tätigkeit, die andere ist die Theaterregie. Immer wieder auch am Landestheater Niederbayern, das liebe ich. Auch, weil ich dann bei meiner Familie leben und in meinem eigenen Bett schlafen kann. Eine dritte Schiene, die ich in Landshut betreibe, ist meine Lesereihe in der Stadtbücherei im Salzstadel namens ‘Mitten ins Herz’. Das sind sieben Lesungen pro Jahr, immer an einem Sonntag.

Welcher rote Faden zieht sich durch Ihre Lesereihe, es ist ja schließlich eine Reihe?
Ich stelle einen Autor vor, Martin Kubetz spielt Klavier. Die Leute kommen gerne – ich kann lesen, was ich will. Sogar romantische Lyrik. In der nächsten Lesung am Sonntag, 15. April, 11 Uhr, wird es um den französischen Schriftsteller und Illustrator Tomi Ungerer gehen. Ich versuche beim Thema, die wichtigen Jubiläen zu berücksichtigen. Im Jahr 2019 wird es sicherlich eine Lesung zur verlorenen Autorengeneration der Nachkriegsjahre geben. Das ist etwas, was ich als Geschenk an diese tolle Stadt mit ihren wunderschönen Kirchen empfinde.

Gehen Sie eigentlich öfter in die Kirche ?
Ja. Wenn man sich mit Kunst beschäftigt, muss man sich auch mit Spiritualität beschäftigen. Man braucht das, um Kunst zu verstehen. Zudem hat Landshut auch beeindruckend schöne Kirchen. Aber bei einer Messe geht es ja nicht um das Gebäude, sondern um die Person, die vorne steht. Seit der Pfarrer Anneser von St. Jodok in der Freyung in Rente gegangen ist, fehlt mir leider etwas. Er war ein herzlicher Mensch, der nicht mit dem Zeigefinger gepredigt hat.

Sie sind ja durchaus ein Kulturprofi. Wie nehmen denn die Landshuter Ihre Lesungen oder das Kulturangebot an?
Lyrik-Lesungen sind ja eher ein Nischenprogramm. Ich war höchst positiv überrascht, wie viele Literaturfreunde ich hier ansprechen kann.

Wenn Sie ein junger Mensch heute fragt, ob es noch Sinn macht, den Schauspielberuf zu erlernen, was würden Sie ihm sagen?
Das hängt vom Talent und vor allem vom Fleiß ab. Die Besten haben immer eine Chance.

Wie drückt sich der Fleiß eines Schauspielers aus?
Man muss an seine Grenzen gehen. In jeder Hinsicht. Mein Neffe ist momentan am Mozarteum in Salzburg – eine der besten Schauspielschulen. Die arbeiten dort wie die Wahnsinnigen in allen Fächern. Nicht nur Rollenspiel, auch Tanzen, Singen, Fechten, Theatergeschichte. Die fangen morgens um acht an und kommen abends um acht heim. Das dauert vier Jahre, wenn du das hinter dir hast, weißt du, was anstrengend ist.

Wussten Sie schon, dass in Deutschland laut einer Studie 60 Prozent der Schauspieler unter 20 000 Euro im Jahr verdienen? Ist Schauspiel eine brotlose Kunst?
Ich weiß es nicht. Es ist ja auch die Frage, ob man glücklich ist. Ist man glücklich, wenn man in der eiskalten Stadt Hof engagiert ist? Mein letztes Engagement als Schauspieler war am Staatstheater Nürnberg. Dort war ich glücklich. So eine große Stadt, da spielst du ein Stück 60 bis 70 Mal. Da kann man Rollen ganz anders ausloten. Ich glaube, niemand wird Schauspieler, um seine Karriere in einem Stadttheater-Ensemble zu verbringen. Alle Schauspieler treten an, um Karriere zu machen. Ohne dieses Ziel braucht man gar nicht erst anfangen.

Können Sie unseren Lesern ein paar Werke empfehlen, die man einfach gelesen haben muss? Ab der Mittelstufe fängt man ja in der Schule langsam mit klassischer Literatur an.
Ein weites Feld. Eigentlich muss man sagen: Der Faust, der Hamlet, der König Ödipus, die musst du gelesen haben. Nur sind sie zum Lesen sehr mühsam. Als Theaterstück können sie schon spannender oder zumindest zugänglicher sein. Wenn es um Romane geht, würde ich für Einsteiger nicht allzu dicke Bücher empfehlen. Meine ältere Tochter hat beispielsweise ‘Der Fremde’ von Albertus Camus verschlungen. Das ist Weltliteratur. Ich würde auch Stefan Zweig und Josef Roth vorschlagen, zwei Österreicher.

Welches Stück muss demnächst nach Landshut kommen, wenn es nach Ihnen ginge ?
Ach, da gibt es so viele. Es sollte was mit Bezug zum aktuellen Geschehen sein. ‘Nathan der Weise’ würde mir da einfallen – Aufklärung pur. Christen, Juden und Moslems erkennen darin, dass sie alle zur selben Familie gehören.

Haben Sie schon einmal ein Theaterstück vorzeitig verlassen?
Sicher, aber man geht ja nicht hin, um mittendrin wieder aufzustehen. Bei Büchern ist es ähnlich. Meine Tochter geht damit so um: ‘Wenn mir ein Buch nicht gefällt, stelle ich es zurück ins Regal und tue kein Lesezeichen rein’.

Insgesamt haben Sie drei Kinder. Sind Künstler unter ihnen?
Der Sohn macht Musik, Hip-Hop. Er bringt gerade seine fünfte LP unter dem Künstlernamen MC Karäil raus. Kann man googeln. Ich finde es super. Hip-Hop ist schließlich Lyrik. Eine Musik mit Extremen zwar, aber immerhin unglaublich sprachfixiert. Landshut braucht übrigens ein Lyrikfestival. Ist aber leider eine Finanzierungsfrage. Ein Festival hat sofort einen ganz anderen Zug als eine Einzelveranstaltung. Daher auch meine Lesereihe ,Mitten ins Herz’. Manche kommen immer wieder, das ist einfach großartig.

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