AZ-Interview Ochsengarten-Wirt hört auf - und sucht einen Nachfolger

"Das hier ist keine Liebhaberei": Friedl Steinhauser hinter seinem Tresen. Foto: Annette Baronikians

"Friedl" Steinhauser betreibt seit Jahrzehnten den Ochsengarten, Deutschlands älteste Lederbar. Jetzt soll Schluss sein. Ein Gespräch zum Abschied.

 

München - Fridolin Friedl Steinhauser ist eine Legende im schwulen Nachtleben. Seit 1978 betreibt er den Ochsengarten in der Müllerstraße. Der 72-jährige gelernte Metzger betrieb einst auch die Teddy-Bar. Die AZ hat ihn nochmal besucht. 

AZ: Grüß Gott, Herr Steinhauser. Einen Kneipenwirt traut man sich derzeit kaum zu fragen, wie’s geht.
FRIEDL STEINHAUSER: Danke, da haben Sie recht. Corona-bedingt sind Kneipen und Bars nach wie vor zu. Nix kommt rein, doch die Kosten laufen weiter.

Deshalb hören Sie aber nicht auf, oder?
Stimmt. Vor zwei Jahren ging es mir gesundheitlich sehr schlecht. Jetzt geht’s wieder, aber irgendwann muss mal Schluss sein.

Ochsengarten: Nachfolger gesucht!

Und jetzt suchen Sie also einen Nachfolger.
Einen gscheidn! Zum einen ist das hier ja keine Liebhaberei. Das macht Arbeit, sieben Tage die Woche. Zum anderen muss der Neue reinpassen. Es soll ja so bleiben, wie’s ist.

Damit meinen Sie nicht nur die Einrichtung mit massig dunklem Holz, was ein bisserl an einen alten Partykeller erinnert, nehmen wir mal an.
(lacht) Richtig. Das sah hier im Grunde schon immer so aus, schon bei der Ochsengarten-Gründerin, der Gusti, die 1967 aus einem Animierschuppen ein Lokal für Lederkerle gemacht hat. Die Einrichtung hat immer gepasst, deshalb blieb’s so. Eine Leder- und Fetischkneipe soll der Ochsengarten natürlich eh bleiben.

In den 80er Jahren gab’s in der Isarvorstadt noch an die 50 schwule Szenekneipen, heute nur noch etwas mehr als eine Hand voll. Machen Sie sich da keine Sorgen um den Erhalt Ihres Lokals?
Ein Grund für diesen Wandel ist sicher das Internet, das es möglich macht, sich einfach zusammenzubestellen. Doch es geht ja nicht nur um Sex, sondern auch um soziale Kontakte. Außerdem haben wir, wenn man so will, auch eine Nische gefüllt. Lack- und Lederfreunde gab’s und gibt’s immer. Wir waren die Ersten, die auf Fetisch gesetzt haben – und sind inzwischen die Ältesten.

Wie sieht es mit jungen Gästen aus?
Bei uns treffen sich Alt und Jung, Dick und Dünn, Leder und Gummi, ganz egal! Viele wurden zusammen mit mir alt, doch es kommen auch junge Gäste.

Auch Heteros?
Ja, öfter wird mal ein Junggesellenabschied gefeiert. Nach einigen Gläsern gibt es da keine Kontaktschwierigkeiten mehr mit den Lederkerlen. Bei uns gibt’s eigentlich nichts, was es nicht gibt, auch bi, Familienvater, Professor, Priester, Promi oder was und wer auch immer.

Promis im Ochsengarten

Welche Promis waren hier?
Der nette Freddie Mercury, Dirk Bach, der Fassbinder und zig andere. Darüber reden wir nicht. In erster Linie kommen nach wie vor Männer, die auf Leder und Gummi stehen. Die würden in einer anderen Kneipe komisch angeschaut werden.

Also braucht’s auch heute noch solche Rückzugsorte?
Ja, weil man hier im wahrsten Sinne des Wortes frei sein kann und unter sich ist. Doch die Gesellschaft hat sich glücklicherweise geöffnet. Ich stamme ja aus einer Zeit, als Homosexualität sogar noch strafbar war, als keiner vom Schwulsein wissen durfte und viele eine Alibi-Freundin hatten.

Wie war das bei Ihnen?
Ich wuchs im Allgäu auf einem Bauernhof auf, da kann man sich vorstellen, dass das nicht lustig war. Doch mit meinen Eltern hatte ich Glück. Mein Schwulsein war zwar ein Tabu-Thema, doch sie besuchten mich regelmäßig selbst in meiner damaligen schwulen Teddy-Bar. Dass ich mal glücklich verheiratet sein würde – wie jetzt mit meinem Rainer –, hätte ich mir damals aber selbst nicht träumen lassen.

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