AZ-Interview Nowitzki-Biograph: "Er ist als Legende etabliert"

Dirk Nowitzki zeigt sich bei seiner Rücktrittsankündigung sichtlich gerührt. Foto: Vernon Bryant/The Dallas Morning News/AP/dpa/dpa

AZ-Interview mit Jürgen Kalwa. Der freie Journalist berichtet aus den USA über den amerikanischen Sport. Dirk Nowitzkis NBA Karriere begleitet er seit über 20 Jahren.

 

München - Nach dem Rücktritt von Dirk Nowitzki: In der AZ spricht sein Biograph über seine schweren Anfänge, den Durchbruch zum Star und seine Persönlichkeit: "Er hat immer Rücksicht auf andere genommen."

AZ: Herr Kalwa, Sie verfolgen Dirk Nowitzki, seit er 1999 in die NBA gewechselt ist. Wie erinnern Sie sich an die erste Begegnung mit ihm?
JÜRGEN KALWA: Ich hatte damals den Auftrag, ihn für den "Stern" zu porträtieren. Das Schwierige an dieser Geschichte war: Man konnte einen solchen jungen Sportler, der noch nichts erreicht hatte, weder mit Ecken und Kanten zeichnen, noch hochjubeln. Und das Dritte war: Er selber war immer ein sehr realistischer, selbstkritischer Mensch, das heißt, er ließ sich weder auf den Hype um seine Person ein, noch wollte er sich allzu kritisch auf die Schlachtbank legen lassen. Denn in seinem ersten NBA-Jahr lief es ja alles andere als gut für ihn.

Wie haben Sie ihn damals als jungen Menschen, der gerade in eine für ihn völlig neue Welt eintauchte, wahrgenommen?
Wie gesagt: relativ selbstkritisch, nachdenklich, als jemanden, der bei Fragen auch zuhörte und nicht einfach drauflos plauderte. Er war keiner, der große Sätze raushaute. Ich glaube, er hat damals auch versucht, sich selbst zu orientieren, und jedes Gespräch mit einem Journalisten war ein Stück dieser Selbstfindung. Und er war ein Mensch, der immer rücksichtsvoll gegenüber anderen war – das spiegelt sich auch darin wieder, wie er sich später verhalten hat. Dass er sich nie selbst gefeiert hat, sondern sich eher selbst veräppelt und sehr viel Humor über sich selbst entwickelt hat. Das war ja später fast eine komödiantische Rolle, die er eingenommen hat.

Dirk Nowitzkis schwerer Anfang 

Das erste Jahr in den USA war schwer für ihn, sportlich wie privat.
Das war alles sehr kompliziert. Erstens war Dallas, als er geholt wurde, eine unglaublich schlechte Mannschaft. Zweitens wurde er von seinem damaligen Trainer Don Nelson hochgelobt und spürte wohl auch, dass er diese Art von Erwartungen nicht würde erfüllen können. Das Dritte war, dass die Leistungen nicht gut waren und er überlegt hat, ob er nicht, wenn sein erster Vertrag ausläuft, das Abenteuer Amerika einfach sein lässt. Und das Vierte, dass seine private Situation zwar total strukturiert war, aber es fehlte eben das Übliche, was man so braucht: Freundschaften, soziale Kontakte. Er hat damals viel Glück gehabt, als er mit seinem Mannschaftskameraden Steve Nash...

...dem kanadischen Spielmacher.
Genau, mit ihm hat er in Dallas im selben Komplex zusammengelebt und die beiden haben sich enorm angefreundet. Das hat Nowitzki wahnsinnig geholfen, sich zurechtzufinden. Er brauchte jemanden, der ihn ein bisschen an die Hand nimmt.

Und nach dem schwierigen ersten Jahr, als er bereits als Fehleinkauf kritisiert wurde, ging es für Nowitzki dann auch bald aufwärts.
Die Erlebnisse und die Erfolge, die sich eingestellt haben, haben ihn immer mehr abgestützt und haben Selbstvertrauen in ihm entwickelt. 2002 zierte er schon das Titelbild der "Sports Illustrated", das heißt, in Amerika hat man ihn bald ernst genommen.

Nowitzkis Durchbruch in der NBA

Zu welchem Zeitpunkt hatte er den Durchbruch geschafft?
Das war erst, als die Mavericks eine Mannschaft hatten, die in die Finalserie kommen konnte. 2006 war das gegen Miami der Fall, als Dallas bereits mit 2:0 Siegen führte und eigentlich hätte gewinnen müssen (Endstand: 4:2 für Miami, d.Red.). Aber in der Saison war klar: Hier hat sich etwas entwickelt, man muss diese Mannschaft ernstnehmen, und man muss auch Dirk Nowitzki als ihren wichtigsten Spieler und Korbschützen ernstnehmen.

Welche Rolle hat sein Mentor Holger Geschwindner für Nowitzkis Karriere gespielt?
Die Besonderheit ist ja: Es gibt hier in der NBA niemanden, der einen persönlichen Trainer hat wie Nowitzki mit Geschwindner. Das ist ein absoluter Pluspunkt für ihn gewesen. Sie haben immer wieder an der Technik gefeilt, aber auch an der Einstellung. Und Geschwindner hat ihn ja noch viel weitgehender beeinflusst, ihn als Persönlichkeit geformt. Er hat gesagt: "Du kannst nicht nur Basketball spielen, du musst dich auch für musische Dinge interessieren oder dich mit anderen Sportarten beschäftigen."

Wenn Sie drei Phasen nennen müssten, die für Nowitzkis Karriere prägend waren, welche wären das?
Zum einen die schon angesprochene erste Phase, als es nicht gelaufen ist. Die zweite Erfahrung mit der Niederlage in der Finalserie 2006 gegen Miami, die man ihm ein bisschen in die Schuhe geschoben hat. Und dann kommt eben mit dem Meistertitel von 2011, wieder gegen Miami, die Bestätigung, dass es eine zusammenhängende Entwicklungslinie gegeben hat, die zeigt: Nein, wenn man dranbleibt, wenn man weiterarbeitet, kann man es schaffen – sogar gegen eine Mannschaft, die theoretisch viel besser ist als die eigene. Das hat jeden Basketballfan überzeugt, dass Nowitzki ein Typ ist, den man in den USA mögen muss, vor dem man Respekt haben muss. Nowitzki ist als Legende etabliert.

Nowitzki - ein sympathischer Basketball-Weltstar

Nowitzki ist im Lauf der Jahre zum Sympathieträger geworden, in Deutschland wie den USA. Was zeichnet den Menschen Dirk Nowitzki aus?
Das Stichwort Empathie spielt eine wichtige Rolle. Nowitzki ist ein Mensch, der Gefühl für andere hat, Gefühl für das Spiel, Gefühl für das Leben. Er fällt auf durch seine Leistung, weniger durch sein Privatleben, wo er wie ein ganz normaler Bürger lebt. Wir haben hier einen Weltstar ohne Allüren und ohne Hang zur Selbstdarstellung, der immer auch die Rolle anderer anerkannt hat.

Sein Privatleben hat Nowitzki immer aus der Öffentlichkeit rausgehalten. Umso mehr muss es ihn erschüttert haben, als er im Jahr 2009 erkennen musste, dass er sich in eine vom FBI gesuchte Betrügerin, Cristal Taylor, verliebt hatte.
Das konnte man damals mitkriegen, dass ihn das komplett von der Rolle gebracht hat. Wenn sich zeigt, dass die eigenen Instinkte nicht gestimmt haben, dass man zu vertrauensselig war, das gibt einem schon einen erheblichen Schlag. Und auf der anderen Seite haben wir die Tatsache, dass er kurz darauf jemand anderen kennenlernt und heute schon lange mit dieser interessanten, angenehmen Frau verheiratet ist und drei Kinder mit ihr hat. Das ist wieder typisch Nowitzki: Er kriegt was auf die Nase und dann steht er auf, macht weiter, und es wird alles noch besser als vorher.

Sie meinen Jessica Olsson, die er 2012 geheiratet hat. Ruht er seither noch mehr in sich selbst?
Ich habe den Eindruck, dass sie ein Stabilisationselement in seinem Leben ist. Nowitzki hat immer davon gesprochen, dass er gerne heiraten und Kinder haben würde. Dass er das nun so elegant hinbekommen hat, mit einer Frau, die ihm so behagt, ist ein wirkliches Glück für ihn. Ich glaube, sie hat ein gutes Gespür für das, was er denkt – dadurch kommt so viel Stabilität in diese Beziehung.

Was wird Nowitzki nach seiner Karriere machen?
Ich tippe, dass er bei den Dallas Mavericks angedockt bleibt und in eine Rolle hineinwächst, von der er früher nichts wissen wollte: die als Trainer. Ich könnte mir vorstellen, dass er sich zunächst um den neuen Spieler der Mavericks, Kristaps Porzingis, kümmert. Der kommt aus Lettland, ist ein ähnlicher Spielertyp wie er – für ihn wäre er ein guter Mentor.


In seiner Biographie "Dirk Nowitzki – So weit, so gut" (Arete Verlag) zeichnet Jürgen Kalwa die Entwicklung Nowitzkis zu einem der besten Spieler der NBA und einer echten Persönlichkeit nach. Das Buch kostet 18 Euro und ist im Buchhandel erhältlich.

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