AZ-Interview Neue Kammerspiele-Intendantin Mundel: "Ein Theater für alle"

Intendantin Barbara Mundel bei der Spielzeitvorstellung vor wenigen Tagen in den Kammerspielen Foto: Judith Buss

Im kommenden September beginnt Barbara Mundel ihre Intendanz an den Münchner Kammerspielen als Nachfolgerin von Matthias Lilienthal – und hat einiges vor.

 

München - Eine kleine Party, natürlich unter Einhaltung des Sicherheitsabstandes, haben sich Barbara Mundel und ihr Team am Abend nach der Pressekonferenz zur Spielzeit-Präsentation schon gegönnt. Am nächsten Morgen wirkt die designierte Intendantin der Kammerspiele bereits wieder recht fit. Im Gespräch soll es um die Zukunft ihres Hauses gehen – und zunächst um die eigene Vergangenheit.

AZ: Frau Mundel, Sie waren von 2005 bis 2006 Chefdramaturgin an den Kammerspielen unter Frank Baumbauer. Was ist Ihnen aus dieser Zeit im Gedächtnis geblieben?
BARBARA MUNDEL: Viel! Ich kannte ja Baumbauer schon länger, war bei ihm Regieassistentin gewesen, als er Mitte der Achtziger das Bayerische Staatsschauspiel leitete. Es gab verschiedene Konflikte und Diskussionen um die Münchner Kammerspiele, die mich in ihrer Heftigkeit durchaus an die ersten Jahre der Intendanz Lilienthal erinnern. Als Baumbauer mich fragte, ob ich an die Kammerspiele kommen möchte, war das ein toller Moment für mich. Ich hatte ja bereits in den Achtzigern in München studiert und viel Theater gesehen, gerade in den Kammerspielen.

Mundel: "Beglückend, wieder im Schauspielhaus zu sitzen"

Bereits nach einem Jahr verließen Sie das Haus wieder, weil Sie Intendantin am Theater Freiburg wurden. Wie empfinden Sie jetzt Ihre Rückkehr an die Kammerspiele, als Intendantin?
Ich empfinde es allein schon beglückend, wieder im Schauspielhaus zu sitzen und diese Bühne zu betrachten: Wie groß dieser Raum ist und dabei gleichzeitig intim! Das Haus hat insgesamt eine unglaubliche Kompaktheit: Die Wege sind kurz, die Werkstätten, die Bühnen stehen in direktem Kontakt. Die unterschiedlichsten Gewerken signalisieren hier deutlich, dass sie bereit sind, mit voller Kraft am Erfolg des Hauses mitzuarbeiten, was ich sehr bemerkenswert finde. Dabei gibt es schon ein paar bürokratische Klippen und strukturelle Schwerfälligkeiten, was aber viele Stadttheater umtreibt.

Welche Klippen meinen Sie?
Matthias Lilienthal hat für Gastspiele und Ko-Produktionen ein eigenes Produktionsbüro neben dem künstlerischen Betriebsbüro geschaffen, was sicherlich zum Teil auch sinnvoll war. Dadurch entstanden aber auch zwei unterschiedliche Welten im Haus. Wir wollen diese wieder zusammenbringen, so dass es keinen Unterschied mehr macht, ob etwas ein Gastspiel, eine Koproduktion oder eine Eigenproduktion ist. Wir versuchen auch, Hierarchien flacher zu gestalten, indem die künstlerischen und technischen Produktionsleiter zusammen mit den Dramaturgen eine Inszenierung begleiten und dadurch von Anfang an bei den künstlerischen Fragen involviert sind.

Sie versuchen sich also allein dadurch schon von Ihrem Vorgänger abzusetzen.
Nein, da ich solche Themen bereits in Freiburg verstärkt angegangen habe. Dort haben wir über ein Jahr mit dem Kollektiv "Turbo Pascal" erörtert, wie sich Veränderungen in einer Institution denken lassen. Welche Ideen haben die Mitarbeiter? Was können wir von der freien Szene in die Institutionen übertragen, wie kommen wir zu den berühmten "kollektiven Arbeitsprozessen"?

Matthias Lilienthal hat versucht, Ensemblemitglieder mit freien Kollektiven gemeinsam an Produktionen arbeiten zu lassen, was am Anfang wenig glatt lief. Haben Sie so etwas auch vor?
Bis auf die Ensemblemitglieder sind doch im Prinzip alle Künstler und Künstlerinnen, die bei uns arbeiten, freie, oder? Ich halte diese Diskussion für schwierig. Wir haben zum Beispiel für die erste Spielzeithälfte das Projekt "The Assembly" mit Porte Parole vorgesehen, einem Kollektiv, dessen Mitglieder selbst Performer sind. Aber die haben auch großes Interesse bekundet, dieses Format gemeinsam mit unseren Spielerinnen auszuprobieren. Oder wir übernehmen mit "The Second Woman" ein Projekt, das zwei australische Künstlerinnen, Nat Randall und Anna Breckon, entwickelt haben und inszenieren es mit Wiebke Puls. Es handelt sich um eine 24-Stunden-Performance, bei der auch 100 Männer auf die Bühne kommen sollen. Wie das derzeit gehen soll, besprechen wir gerade.

Mundel: "Scheitern ist inklusive"

Im Programm Ihrer ersten Spielzeit stehen auch einige Projekte mit Bürgerbeteiligung. Ist das eine Strategie, um sich gleich mal den Münchnern freundlich anzunähern?
Wenn Sie unter Strategie Marketing verstehen, dann weise ich das entschieden zurück. Wir haben in Freiburg viel Erfahrung mit partizipativen Projekten gesammelt und haben immer gesagt, dass diese Projekte für uns Bestandteil unseres Nachdenkens über Theater sind. Ich halte den Gedanken der Partizipation für essentiell wichtig. Und finde, dass, wenn sie gelingen, es einfach tolle künstlerische Projekte sind.

Wie geht man aber damit um, wenn sie nicht funktionieren? Wie soll man darüber urteilen?
Wenn man sich auf ein Stadtraum-Projekt wie "What is the city but the people?", das wir auf dem Odeonsplatz mit 150 Münchnern und Münchnerinnen verwirklichen wollen, von Anfang an einlässt, kann das ein niederschwelliges, hochemotionales Erlebnis werden, das zum Nachdenken über unsere Gesellschaft anregt. Oder von mir aus gerne auch über die Frage, ob das kitschig ist. Für mich ist wichtig, dass wir solche Produktionen mit dem höchstmöglichen professionellen Anspruch verwirklichen. Und ich will den Münchnern eine Bühne geben. Das ermöglicht für sie eine Form von Selbstermächtigung, von Gehört-Werden und kann, je nachdem wie das Projekt angelegt ist, auch einfach Spaß machen.

Matthias Lilienthal meinte damals bei seinem Antritt in einem AZ-Interview, es werde auch vorkommen, "dass wir uns gnadenlos auf die Fresse legen". Wie würden Sie das ausdrücken?
Das ist Matthias‘ Sprache, die ist ja auch okay. Ich würde allerdings sagen: Scheitern ist inklusive.

Weil Lilienthal sich programmatisch vor allem auf aktuelle politische Themen konzentrierte, wurde sehr schnell der Ruf nach sogenannter "Schauspielkunst" laut. Wie stehen Sie zu diesem Wort?
Als ich damals diese Diskussion aus der Ferne mitbekommen habe, dachte ich mir immer: In was für seltsame Polarisierungen lässt sich denn die Öffentlichkeit, das Feuilleton, das Theater hier treiben? Da ging es plötzlich um "Schauspiel" versus "Performance". Wenn mir jemand erklären kann, wo genau die Grenze zwischen performativem und schauspielerischem Spiel verläuft, dann wäre ich ganz bestimmt glücklich. Ich glaube auch nicht, dass die Polarisierung zwischen Schauspielkunst und politischen Themen aufgemacht werden muss. Ich halte unseren Spielplan für ausgesprochen politisch und finde, dass die Kammerspiele ein hervorragendes Ensemble haben.

Was Corona angeht, scheinen Sie ziemlich optimistisch zu sein: In der Besetzungsliste für die Eröffnung mit "Touch" von Falk Richter stehen Leute aus dem Libanon, aus Ghana und der Türkei.
Die sind zumindest mittlerweile allesamt in Europa. Und wir arbeiten natürlich am Einreise-Thema.

Vor wieviel Zuschauern könnte man denn unter Corona-Bedingungen im Schauspielhaus spielen?
Ich glaube, es sind um die 100 Zuschauer. Ich habe diese Zahl nicht genau im Kopf, weil ich das auch nicht genau im Kopf haben will und hoffe, dass sich die Situation noch verbessern wird. Man muss auch sagen: Das eigentliche Problem liegt vor allem hinter der Bühne! Wie können sich die Kostümbildner und die Maske den Spielern nähern, wie soll man die ganzen technischen Abteilungen untereinander koordinieren: Bühnenbild, Licht, Ton... Das kann nur mit Solidarität und gegenseitiger Rücksichtnahme funktionieren. Was wiederum Tugenden sind, die eigentlich jedem Theater gut tun.

Mundel: "Ein hoher Frauenanteil im Team ist eine Selbstverständlichkeit"

Sie haben einen hohen Frauenanteil im Team, was Sie aber gar nicht besonders betonen. Weil es…
…eine Selbstverständlichkeit ist. In der Dramaturgie ist die Geschlechterverteilung glaube ich fifty-fifty, und wir beschäftigen viele Autorinnen und Regisseurinnen. Ich habe das aber gar nicht genau gezählt. Wir haben schon auch viele Projekte, die sich mit Genderthematiken auseinandersetzen, aber auf der Ebene der Führung, des Teilens von Verantwortung hat sich das sehr organisch ergeben.

Sie haben das Ensemble vergrößert, von 17 auf 30 Mitglieder. Das bedeutet, Sie werden weniger in Gastspielen und Kooperationen und mehr in Eigenproduktionen investieren?
Ja. Wobei eine Ko-Produktion letztlich bedeutet, dass verschiedene Häuser ein bisschen Geld dazu geben und die Schauspieler und Schauspielerinnen für zwei, drei Probentage an einem Ort sind. Dann gibt es zwei, drei Aufführungen. Das Publikum empfindet das sowieso als Gastspiel. Eine solche Produktion tourt dann in der Regel von Haus zu Haus, das bedeutet, dass unsere Schauspieler eigentlich mittouren müssten. Wir können aber auf einzelne Ensemblemitglieder nicht so lange verzichten. Uns geht es jetzt vor allem um das Ensemble, und wir wollen unsere Projekte vor allem selbst produzieren.

Laut Ihrer Webseite, die übrigens sehr professionell wirkt, haben Sie in der Zeit zwischen Ihrer Intendanz in Freiburg und jetzt in München eine Ausbildung zum Personal Coach gemacht.
Ich sollte ja eigentlich nach meiner Intendanz das Stadtjubiläum von Freiburg kuratieren, was aber aus verschiedenen Gründen nicht zustande kam. Plötzlich war ich arbeitslos. Und dachte mir, dass ich die Zeit nutzen sollte, um vielleicht noch mal bestimmte Dinge systematischer anzugehen. Ich war ja vor meiner ersten Intendanz Regie-Assistentin, dann Dramaturgin, dann Regisseurin, aber wie das eigentlich funktioniert, in einer Führungsposition zu arbeiten, war ein ständiges Learning by Doing. Darum ließ ich die Webseite einrichten und entschloss mich für die Ausbildung zum Personal-Coach.

Ein Personal Coach und eine Intendantin haben sicherlich einiges gemeinsam.
Ja, es gibt so ein paar Tools, die ich gerne noch vertieft hätte – in einer Ausbildung von eineinhalb Jahren kann nicht alles intensiv besprochen werden. Aber ich möchte hier in Zukunft auch bestimmte Themen in Form von Workshops behandeln, zum Beispiel Weiterbildungsprojekte anbieten zum Thema Führungsverantwortung oder wie man diskriminierungsfreie Sprache am Theater pflegt.

Eine klassische Coaching-Frage an Sie: Wo sehen Sie sich und die Kammerspiele in fünf Jahren?
Mir ist wichtig, dass Theater ein physischer und geistiger Raum ist, der möglichst vielen Menschen zugänglich ist. In der Schule werden früh schon Pfade gelegt, die dazu führen, dass die Gesellschaft in verschiedene Schichten unterteilt wird und Bildungsungleichheit entsteht – was sich im Theater spiegelt. Das finde ich total schade. Unser Motto lautet: "Die Wirklichkeit nicht in Ruhe lassen", aber wir wollen auch andere Wirklichkeiten schaffen, die uns nicht jeden Tag begegnen – und zwar für alle. Ich weiß nicht, ob wir in fünf Jahren dahin kommen. Aber das ist mir eine Herzensangelegenheit.

 

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