AZ-Interview Münchner fährt 7.500 Kilometer durch Deutschland - ein Gespräch

Die Natur in Deutschland habe ihn überrascht und fasziniert, so Semsch. Foto: Maximilian Semsch

Maximilian Semsch (35) tourt beruflich Zehntausende Kilometer mit dem E-Bike. Über seine Deutschland-Tour 2016 hat er nun ein Buch geschrieben. Ein Abenteurer im Gespräch mit der AZ.

 

Wer träumt nicht davon, der halbwegs gerne radelt und ein bisschen überarbeitet ist: ein paar kleine Taschen gepackt, Nahrung, Getränke, aufgesattelt und los geht’s – ohne ein bestimmtes Ziel. Der Filmemacher und Reisefotograf Maximilian Semsch hat genau das getan und ist monatelang durch Deutschland geradelt. Nach 7.500 Kilometern kam er wieder in München an. Ein Gespräch über Deutsche, geistige Befreiung und wie wenig man eigentlich wirklich braucht, um zu leben.

AZ: Herr Semsch, was macht das mit einem, monatelang mit dem E-Bike zu reisen?
MAXIMILIAN SEMSCH: Bei mir hat es das Bild des Deutschen an sich komplett verändert.

Inwiefern?
Man denkt ja, der Durchschnitts-Deutsche ist zwar pünktlich, aber miesepetrig und schlecht gelaunt. Aber das bestätigte sich überhaupt nicht. Die Leute waren so gastfreundlich. Auch wenn ich nur fünf Sekunden irgendwo stand, kam jemand und fragte mich, ob er mir helfen kann, ob ich mich denn verfahren hätte. So etwas kannte ich eigentlich nur aus dem Ausland. Und außerdem hat mich die Landschaft fasziniert.

Was hat Sie beeindruckt?
Alles. Bei 7.500 Kilometern mit dem Fahrrad erlebt man deutlich mehr als bei 250.000 Kilometern mit dem Auto. Die Landschaft ist so abwechslungsreich und wunderschön. Und das alles vor der eigenen Haustüre sozusagen.

Abenteuer und Wohnungssuche

Sie sind gebürtiger Münchner. Stimmt es, dass sie sich während ihrer Deutschland-Tour einen neuen Wohnort gesucht haben?
Ich hatte den Hintergedanken, ja. Meine Frau und ich hatten genug von München. Wir wollten etwas Neues probieren. Der Verkehr, der Lärm und vor allem der Mietwahnsinn! Auf eine freie Wohnung fallen 300 Bewerber an. Ich bin Freiberufler, meine Frau arbeitet in der Gastronomie und wir haben einen Hund. Gegen das Ärzte- und Architektenpaar hatten wir so keine Chance. Wenn ich Maklern am Telefon von unserem Hund erzählte, legten die teilweise auf.

War das Wohnen in München für Sie beide schwierig?
Wir haben in Haidhausen gelebt. Erst wurden die Fenster ausgetauscht, dazu ein bisschen Isolierung, schon gingen die Mieten hoch. Wir hatten zwei Jahre Baugerüst als Ausblick am Fenster, mit Plane, ohne dass viel gearbeitet wurde. Und wir wussten, dass es dem neuen Eigentümer am liebsten war, dass seine alten Mieter ausziehen, damit er zum aktuellen Mietzins vermieten kann. Einen Umzug hätten wir uns nicht leisten können. Ihre Kollegin hat ja letztens einen Text darüber geschrieben, dass sie sich Wohnungen für 31 Euro pro Quadratmeter angeschaut hat. Uns wurde vor zwei Jahren eine Wohnung für 26 Euro je Quadratmeter angeboten.

Sind die Mieten in Brandenburg an der Havel so viel günstiger?
5,50 Euro pro Quadratmeter kalt. Aber entscheidend war auch die dortige Landschaft, die ich auf meiner Radtour für uns entdeckt habe.

Was fasziniert Sie daran?
300 Seen, 3.000 Kilometer schiffbare Wasserwege, Grün wohin das Auge blickt. Wir fühlen uns da sehr wohl.

70 Kilometer pro Tag - das ist gemütlich

Wie lange braucht man von Brandenburg an der Havel nach München?
Das sind ungefähr 700 Kilometer mit dem Rad. Bei meiner langsamen Fahrweise würde ich etwa zehn Tage brauchen. Ich will ja was von der Landschaft sehen. 70 Kilometer pro Tag – das ist gemütlich.

Der Weg ist also das Ziel?
Wie es Goethe schon sagte.

War die Deutschlandreise Ihre längste Tour?
Nein, sie war die kürzeste. Ich war insgesamt schon vier Jahre auf Rad-Tour, bin bereits sieben Monate durch Australien und auch schon von München nach Singapur geradelt.

Was verändert sich, wenn man so lange auf Tour ist?
Es befreit einen geistig. Normalerweise lebt ja jeder in seiner Blase, zwischen Menschen mit ähnlichen Herausforderungen. Ich habe so unglaublich viele Leute getroffen, zum Beispiel den Mann, der eine Strandbar in Thailand eröffnet hat oder Menschen wie Jan aus Brandenburg, der es nicht mehr ertragen hat, Polizist zu sein und jetzt Wandertouren mit Eseln anbietet. Es eröffnet einem so viele Lebenswege und zeigt: Es muss nicht Null-Acht-Fünfzehn verlaufen.

Reichen vier Taschen für monatelange Touren?

Auf einem der Bilder sieht man vier Taschen, die Sie an Ihrem Fahrrad befestigt haben. Reicht das für monatelange Touren?
Absolut. Das ganze Leben passt in diese vier Taschen. Dazu ein Schlafplatz, etwas zu Essen und zu trinken. Mehr braucht man einfach nicht. Alles darüber hinaus ist Spielzeug für Erwachsene. Das war für mich eine wichtige Erkenntnis. Es hat mich auch glücklich gemacht, so minimalistisch in den Tag hineinzuleben, keine Ahnung zu haben, wo der nächste Tag endet, ganz bewusst im Jetzt zu leben. Ob ich vier Monate reise oder vier Jahre, ist da völlig egal. Die vier Taschen reichen.

Ich stelle mir gerade Ihre Wohnung vor und denke: Sie müsste komplett leer stehen.
Leider nicht. Wir haben vier Zimmer und sie sind alle viel zu voll. Was wäre der erste Gegenstand, der rausfliegen müsste? Ich habe einen Fuhrpark an Fahrrädern, weil mit jeder Reise ein neues E-Bike von meinem Sponsor dazukommt. Aber es würde mir nicht leicht fallen, sie zu verkaufen.

Warum?
Sie sind zu Sammelobjekten geworden. Andere sammeln Autos, ich sammle berufsbedingt E-Bikes. Ich habe aber auch eine emotionale Bindung zu den Rädern, weil ich schon so viel mit ihnen erlebt habe.

Die Sitzfleisch-Frage: Die erste Woche ist hart

Eine Sitzfleisch-Frage: Wie hält man es so viele tausend Kilometer auf einem Sattel aus?
Die Frage höre ich interessanterweise oft.

Und die Antwort?
Die erste Woche ist hart. Da hat man Schmerzen nach dem Tagestrip. Aber nach einer Woche gewöhnt sich die Muskulatur und die Schmerzen hören auf. Das kann man mit Joggen vergleichen. Wer von heute auf morgen längere Strecken läuft, wird das am nächsten Tag deutlich spüren. Aber wenn man regelmäßig läuft, gewöhnt sich der Körper daran. Entscheidend ist auch die Ausrüstung.

Was verwenden Sie?
Ohne gepolsterte Radlerhosen mache ich solche Touren nicht. Aber Vorsicht, es gibt da einen Anfängerfehler: Man darf keine Unterhose oder Boxershort unter der Radlerhose anziehen. Das ist wie Schmirgelpapier und führt zu starken Reibungen. Da wird man richtig wund.

Ist das Ihnen schon einmal passiert?
Ja, auf meinem Trip nach Singapur, aber nicht wegen einer zusätzlichen Unterhose. Ich glaube es lag an der Luftfeuchtigkeit. Plötzlich hatte ich Bläschen am Hintern, das war wie auf einem Nadelkissen. Sehr unangenehm. Da konnte ich erst einmal nicht mehr weiterfahren und musste abwarten, bis die Bläschen verheilten.

Zurück zur Deutschlandtour: 200 Einheimische begleiteten Sie etappenweise, um Ihnen ihre Heimat zu zeigen. Welcher Mensch hat Sie am meisten beeindruckt?
Schwierig, da jemanden herauszupicken. Ich war eher beeindruckt davon, dass sich so viele Leute extra Zeit genommen haben. Ich habe sehr viel Lokalpatriotismus erlebt. Sie lieben ihre Heimat und wollten mir unbedingt die allerschönsten Ecken zeigen.

Jedes Bundesland hat seine eigenen Schönheiten

Gab es eine Region, die Sie stark beeindruckt hat?
Nein, jedes Bundesland hat seine eigenen Schönheiten. Beeindruckend war eher, dass ich einen Blick dafür bekommen habe, wie einmalig eigentlich meine eigene Heimat ist, also die Region München. Ich habe plötzlich verstanden, warum so viele Menschen im Voralpenland Urlaub machen wollen. Das war mir früher nicht so klar. Ich kann seither nur empfehlen: Erkunden Sie die Landschaft vor Ihrer Haustüre! Sie werden überrascht sein. Und mit dem Fahrrad funktioniert das wunderbar. In Deutschland gibt es 75.000 Kilometer Radweg. Das ist luxuriös, im Vergleich zu Australien zum Beispiel. Dort fährt man mit dem Rad häufig auf der Hauptstraße. Gemeinsam mit Autos und Lkw.

Sie sind mit E-Bike unterwegs gewesen. Wären die 7.500 Kilometer auch mit einem normalen Fahrrad möglich gewesen?
Selbstverständlich. Aber da muss man natürlich das eigene Konditionslevel gut einschätzen können. Ein beliebter Fehler ist übrigens, gleich am ersten Tag einer längeren Tour gleich 100 Kilometer zu bewältigen. Meine Empfehlung ist: Lieber langsam angehen. Denn irgendwann kommen die Steigungen in der Schwäbischen Alb oder im Erzgebirge. Die sind schon sehr sportlich.

Wie anstrengend ist E-Bikefahren eigentlich?
Man kann ja die Unterstützung einstellen. Und bei längeren Touren fährt man sparsam, also auf einer niedrigen Unterstützungsstufe, trotz der 40 Kilogramm Gepäck, die ich dabei hatte. Mein Kamera-Equipment ist nun mal etwas schwerer. Bei meinem Fahrradcomputer konnte ich jedenfalls gut sehen, wie viele Kilokalorien ich beim Radeln verbraucht habe. Im Erzgebirge waren es auf 120 Kilometer etwa 3.500. Zum Vergleich: Erwachsene brauchen etwa 2.000 Kilokalorien täglich. Also man bewegt sich schon ordentlich. Bei meiner Australien-Tour habe ich sechs Kilogramm abgenommen.

"Junge, nimm noch einen Nachschlag", hieß es immer

Und in Deutschland?
Da habe ich nach 7.500 Kilometern zwei Kilogramm zugenommen. Ich wurde permanent zum Essen eingeladen und konnte auch oft Bier oder Wein nicht ablehnen. "Junge, nimm noch einen Nachschlag", hieß es immer.

Wie gut hält es eigentlich Ihre Ehe aus, dass Sie monatelang unterwegs sind?
Das funktioniert super, weil meine Frau auch eine begeisterte E-Bike-Fahrerin ist und mich etappenweise begleitet. Sie fragt schon, wann die nächste Tour beginnt. Sie fährt auch im tiefsten Winter mit dem E-Bike zur Arbeit und will nie wieder eine U-Bahn betreten.

Als Sie Ihre Deutschland-Tour Mitte September am Marienplatz beendet haben, wären Sie am liebsten weitergefahren oder waren Sie froh wieder einen Wohnsitz zu haben?
Eher Zweiteres. Trotz allem zeltet man ja häufig wild. Es fühlt sich ein bisschen an, als ob man obdachlos wäre. Zur Abwechslung wieder eine Zeit lang ein eigenes Bett. Das war eine schöne Vorstellung.

An welchen Moment werden Sie sich immer erinnern?
An den Sonnenuntergang mit einem Fuchs in Darß. Das ist auf einer Halbinsel im Nordosten. Ein Naturschutzgebiet. Meine Frau war auch dabei. Plötzlich war ein Fuchs da, der offenbar Menschen gewohnt ist. Erst waren wir angespannt, bis wir merkten, dass er wahrscheinlich um Essen bettelt. Er schlich die ganze Nacht um unser Zelt.

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