AZ-Interview Münchner Architekt über barrierefreies Wohnen

Damit man mit dem Rollstuhl gut durch die Tür kommt und dabei bequem die Arme an den Seiten zum Anschieben haben kann, sollte die Durchgangsbreite 90 Zentimeter betragen. (Symbolbild) Foto: Mascha Brichta/dpa-tmn

Michael Klingseisen ist Berater für altersgerechtes Bauen und Sanieren. Er rät jungen Leuten schon früh barrierefrei zu planen. Die AZ hatte ihn im Interview.

 

München - Bis ins hohe Alter komfortabel in den eigenen vier Wänden wohnen – das wollen viele Menschen. Doch Treppenstufen, Schwellen und viel zu enge Bäder bringen diesen Traum oft zum Platzen. Am Dienstag informierte der Münchner Architekt Michael Klingseisen (68) im Bauzentrum München über geschickte Planung und finanzielle Förderung beim altersgerechten Bauen. Die AZ hat mit ihm gesprochen.

AZ: Herr Klingseisen, eine Leserin hat berichtet, dass sie seit über einem Jahr ihre Wohnung in Sendling nicht verlassen kann. Sie kommt vom dritten Stock nicht mehr die Treppen hinunter. Kennen Sie solche Fälle?
MICHAEL KLINGSEISEN: Natürlich kenne ich diese Probleme. Ich habe als junger Architekt begonnen, mich mit altersgerechtem Bauen zu beschäftigen, weil meine Mutter plötzlich nicht mehr gehen konnte und einen Rollstuhl brauchte.

Beim Bauen sollte man ans Älterwerden denken

Das war in den 80er Jahren. Damals waren Sie Ende 30. Waren Sie ein Vorreiter?
Ich habe mich tatsächlich gefragt, warum bauen wir unsere Wohnungen so blöde? Meine Auftraggeber habe ich immer angesprochen: "Denkt daran, dass ihr älter werdet." Die meisten haben meine Gedanken aber nicht aufgegriffen, sondern gemeint das brauchen sie nicht.

Ein Trugschluss?
Es kostet weniger, wenn man die Barrierefreiheit, breite Türen, große Bäder und großzügige Räume von Anfang an einplant. Ein Umbau ist später sehr viel teuer, als wenn man die Überlegungen zum Komfort im Alter in den Neubau einfließen lässt.

Wie zufrieden sind Sie denn mit der Lage für ältere Menschen in München?
In München ist die Situation so verrückt wie überall. 2020 werden 30 Prozent der Münchner älter als 65 Jahre sein. Aber es gibt nur ein Prozent barrierefreie Wohnungen. Da sehen Sie den Konflikt.

Die demografische Entwicklung ist doch bekannt.
Es gibt Hinweise, dass auf die Pflegekassen ein Tsunami zukommt. Wenn ein alter Mensch wegen der Barrieren in seiner Wohnung nicht mehr zurechtkommt, bleibt nur der Auszug – und der wird teuer. Das bedeutet Einzug in ein Alten- oder Pflegeheim. Das trifft die Pflegekasse.

Wie kann ich mich geschickt vorbereiten?
Ein Badumbau verschlingt viel Geld. Da reichen 20.000 Euro nicht, denn man braucht einen nackten Raum, um eine bodengleiche Dusche einzubauen. Ich empfehle auch jungen Leuten, gleich ein barrierefreies Bad zu bauen. Wenn man unbedingt eine Badewanne will, stellt man sie auf die Dusche. Wenn man älter ist, und nicht mehr in die Wanne klettern kann, montiert man sie ab.

Bis zu 10.000 Euro Förderung für Badsanierung

Gibt es Fördergelder?
Die Infos darüber gibt es beim Planungsreferat der Stadt (% 089/ 233-96 484). Für Badsanierer mit niedrigem Einkommen gibt es Förderung bis zu 10.000 Euro. Doch die Sanierung kostet ja 20.000 Euro. Das ist heftig. Mit über 75 Jahren bekommen Sie von der Bank auch keinen Kredit mehr.

Wer neu plant, dem empfehlen Sie nicht nur Barrierefreiheit, sondern auch besondere Grundrisse.
Wenn ein Mensch mit Krücken unterwegs ist, dann wächst er räumlich in die Breite. Wer sich auf einen Rollator stützt, wird über einen Meter lang. Vor dem Herd in der Küche, vor dem Kleiderschrank, vor seiner Bettseite braucht der Mensch mehr Platz, auch um sich um sich selbst zu drehen.

Wer nicht mithalten kann, den schmeißt die eigene Wohnung raus

Eine Türbreite von 90 Zentimetern ist ideal – und 15 bis 16 Quadratmeter Fläche pro Raum, propagieren Sie.
Ja, denn für Badezimmertüren aus den 50er Jahren mit nur 50 Zentimetern Breite muss man schlank und beweglich sein. Wenn man das nicht mehr ist, hat man Pech gehabt. Dann geht es um "Survival of the fittest", der Stärkere überlebt. Wer nicht mithalten kann, den schmeißt die eigene Wohnung raus.

Bloß wohin?
Das wird ausgeblendet. Die Gesellschaft kümmert sich viel zu wenig darum. Ich wünsche mir mehr Solidarität. Wir sind eine reiche Stadt. Die Frage ist, wofür geben wir Geld aus. Ich bin ein absoluter Verfechter der Barrierefreiheit.

Menschen mit Behinderung dürfen nicht benachteiligt werden, sagt die Verfassung.
Aber der S-Bahnhof Hallbergmoos bei Freising hat keinen Aufzug. Für viele Senioren ist das ein Problem.


So barrierefrei wohnt München

Barrierefreie Wohnungen sind in Bayern die Ausnahme. Nach Berechnungen der Wüstenrot Stiftung gab es in Bayern 214.000 barrierefreie Wohnungen (Bericht aus dem Jahr 2014), der Bedarf liege allerdings bei 362.000 Wohnungen bayernweit.

Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung schätzt, dass 93 Prozent der Deutschen über 65 Jahren in "normalen" Wohnungen leben, selbst mit mehr als 90 Jahren sind es noch zwei Drittel.

Wie viele barrierefreie Wohnungen es in München gibt, darüber gibt es keine genauen Zahlen. Experte Michael Klingseisen schätzt, dass es nur ein Prozent des Wohnungsbestands ist (siehe Interview). 2014 hat die Stadt allerdings Befragungen unter älteren Münchnern durchgeführt.

Demnach gehen 40 Prozent der Befragten, die älter als 65 Jahren sind, davon aus, dass sie eine barrierefreie Wohnung zumindest in den kommenden Jahren brauchen werden (siehe Grafik). In Neubausiedlungen wie dem Ackermannbogen wohnten immerhin 58 Prozent der Senioren in barrierefreien Wohnungen. Wo es weniger Neubau und mehr Bestand gibt, sind es deutlich weniger: in Ramersdorf 3 Prozent, in Sendling 12 Prozent.

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