AZ-Interview Münchens Mister 900 Yannic Seidenberg über seine Karriere

Mann mit drei Meisterpokalen und Zwillingen: Münchens Nationalverteidiger Yannic Seidenberg, der sein 900. DEL-Spiel bestreitet. Foto: GEPA pictures/ho

Yannic Seidenberg, Verteidiger des EHC Red Bull München, bestreitet ausgerechnet gegen seinen Heimatverein Schwenningen sein Jubiläumsspiel. In der AZ schaut er auf seine Karriere zurück.

 

Yannic Seidenberg spielt seit 2013 beim EHC Red Bull München, mit dem er seine ersten Meisterschaften holte. Der 34-jährige Nationalverteidiger und Silbermedaillengewinner bei Olympia 2018 bestreitet am Donnerstag gegen seinen Heimatverein Schwennningen sein 900. Spiel in der DEL. In der AZ schaut er auf seine Karriere zurück.

AZ: Herr Seidenberg, wen haben Sie das Drehbuch schreiben lassen, dass Ihre Aufnahme in den illustren DEL-Klub der 900 am Donnerstag ausgerechnet gegen Ihren Heimatverein Schwenningen erfolgt?
YANNIC SEIDENBERG: Das ist schon witzig, dass es jetzt so kommt, das stimmt. Ich freue mich richtig drauf, dass ich diese Marke knacke und es macht mich schon stolz, dass ich so eine lange und gerade jetzt am Ende auch so erfolgreiche Karriere habe. Schwenningen als Gegner ist auch cool, aber es wäre wahrscheinlich noch emotionaler, wenn das Spiel dort in der Eishalle wäre, wo ich fast aufgewachsen bin. Mein Vater war ja damals auch als Physiotherapeut bei den Profis der Wild Wings tätig.

Können Sie sich noch an Ihr allererstes Spiel in der DEL erinnern?
An den Gegner nicht mehr, aber an das Gefühl. Wie eingeschüchtert ich war, wie nervös ich vor jedem Wechsel war. Ich habe mich ja am Anfang auch kaum getraut, in der Kabine ein einziges Wort zu sagen. All das ist zum Glück jetzt nicht mehr so. (lacht)

"Da kommt in einer Karriere schon einiges an Erinnerungen zusammen"

Welche Spiele sind Ihnen denn überhaupt besonders im Gedächtnis geblieben?
Das sind viele. Natürlich das erste Spiel eben, das erste dann mit Halbvisier, als ich nicht mehr mit Gesichtsgitter gespielt habe. Dann die Finalserie, als ich bei Mannheim war und wir schon dachten, dass wir gegen Berlin den Titel hätten, und dann in zwölf Minuten noch alles verspielt haben. Mein Kreuzbandriss. Und natürlich auch das Spiel in Wolfsburg, als ich mit München meine erste Meisterschaft holen konnte. Ich weiß noch genau, wie ich mit Florian Kettemer im Hotelzimmer im Bett lag, wir beide zu aufgeregt waren, um unseren Mittagsschlaf abzuhalten. Da kommt in einer Karriere schon einiges an Erinnerungen zusammen.

Wie viel Trikots haben Sie denn schon mit Ehrenzahlen auf dem Rücken? Zum 400., 500., 600., 700, 800. Spiel?
Das weiß ich gar nicht. Aber es sind einige. Ich habe ja auch alle Trikots, in denen ich jemals gespielt habe, aufbewahrt. Bei 18 Profijahren kommt da schon einiges zusammen. Ich denke, das werden schon so 40, 50 sein. Wenn ich mal ein eigenes Haus habe, werde ich die schönsten rahmen und aufhängen.

Seidenberg spielte in der Kindheit auch Tennis und Fußball

Schauen wir mal ganz weit zurück, auf Ihre Anfänge in Schwenningen.
Ich war sechs Jahre, als ich mit dem Eishockey angefangen habe. Mein älterer Bruder Dennis....

Der 2011 als zweiter Deutscher überhaupt mit den Boston Bruins den Stanley Cup in der NHL gewinnen konnte.
Genau. Meine Mutter hatte ihn immer zum Eishockey gefahren, ich war mit im Auto und habe es dann halt auch mal versucht. Es hat mir erst nicht gefallen, ich wollte wieder aufhören, aber als es dann besser ging, war mir auch relativ schnell klar, dass ich gerne Profi werden würde. Ich habe zwar auch Tennis und Fußball gespielt, aber ich wollte dann doch lieber den Eishockeyschläger schwingen. Dennis hat ja noch einige Zeit überlegt, ob er Tennisprofi werden sollte, da er da auch wirklich sehr, sehr gut war, aber er hat dann auch Eishockey gewählt. Richtige Entscheidung.

Seidenberg über Olympia 2018: "Ein unfassbares Erlebniss"

Sie beide sind physisch sehr unterschiedlich. Sie sind 1,72 Meter groß, Dennis 1,85 m.
Keine Ahnung, wo er das her hat, mein Vater ist ja auch nicht sehr groß. Aber ich glaube, wenn ich so groß wäre, wie er, dann wäre ich eine noch größere Kante. Er ist immer neidisch, wenn wir Krafttraining machen, wie schnell das bei mir anschlägt und zu Muskeln führt – und dass ich auch mit den gleichen Gewichten trainiere wie er.

Auch, wenn es nicht zu Ihrer DEL-Karriere gehört, der Gewinn der olympischen Silbermedaille Anfang des Jahres in Pyeongchang darf bei einer Rückschau nicht fehlen.
Nein, das ist ein Teil meiner Karriere, auf den ich auch ganz besonders stolz bin. Ich war ja schon so froh, dass ich es überhaupt einmal zu Olympia geschafft habe, was ja vorher aus diversen Gründen nie geklappt hat. Dass ich dann auch noch mit den Jungs eine Silbermedaille gewinne, das hätte ich mir nicht einmal zu träumen gewagt. Es war so ein unfassbares Erlebnis. Es ist auch immer noch so, dass ich ein riesiges Lächeln im Gesicht habe, wann immer ich sie mir anschaue. Eigentlich muss ich, wenn ich schlecht drauf sein sollte, nur die Medaille auspacken und anschauen und schon bin ich unglaublich glücklich.

Sie sind der 14. Spieler in der DEL-Historie, der die 900 Spiele schafft. Träumen Sie auch von der 1.000?
Natürlich hat man das im Kopf. Wenn alles gut läuft, würde ich das schon sehr gerne hier in München erreichen. Es ist schon komisch, wenn man zurückblickt. Ich bin zwar mit 17 sehr jung Profi geworden, aber zu dem Schritt, mich im Jahr 2000 den Jungadlern anzuschließen, mussten mich meine Eltern und mein Bruder richtiggehend überreden. Ich wollte es lieber etwas gemütlicher angehen lassen und bei der damaligen Freundin bleiben. Ich muss meinem Vater definitiv sehr dankbar sein, dass er mich damals überredet hat, dass die Freundin nicht alles im Leben ist. Jetzt habe ich olympisches Silber, war drei Mal Meister mit München. Der Wechsel war meine beste Entscheidung. Wobei ich zugeben muss, im ersten Jahr, als ich aus Mannheim kam und die dann den Titel holten, fragt man sich schon, war das richtig? Ja, es war absolut richtig.

 

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