AZ-Interview mit Verena Bentele Grundrente: "Ein Beitrag im Kampf gegen Altersarmut"

Die sehbehinderte ehemalige Spitzensportlerin (36) ist seit 2018 Präsidentin des Sozialverbands VdK. Foto: Soeren Stache

VdK-Chefin Bentele lobt das Konzept zur Grundrente – sie will aber mehr Flexibilität.

AZ: Frau Bentele, mit seinem Konzept zur Grundrente hat Hubertus Heil einen Nerv getroffen. Vor allem die Union und Arbeitgeberverbände kritisieren das Programm. Wie stehen Sie zum Vorschlag des SPD-Politikers?
VERENA BENTELE: Ich begrüße den Vorschlag von Minister Heil ausdrücklich. Als größter Sozialverband Deutschlands fordern wir seit vielen Jahren, dass die Lebensleistung aller Menschen anerkannt wird. Nach einem Leben voller Arbeit hat jede und jeder eine Rente verdient, die oberhalb der Grundsicherung liegt.

Die Höhe der Rente soll sich nicht mehr an den gezahlten Beiträgen bemessen. Wird dadurch nicht das Leistungsprinzip außer Kraft gesetzt?
Nein. Bisher wird dieses Leistungsprinzip eben nicht sichergestellt. Aktuell müssen Geringverdiener im Alter zum Sozialamt gehen und erhalten am Ende genauso viel wie diejenigen, die nie gearbeitet haben. Das entspricht nun wirklich nicht dem Leistungsprinzip. Es ist auch eine Leistung, Kinder zu erziehen oder Angehörige zu pflegen.

Beim Thema Altersarmut braucht es eine flexible Lösung

Reicht das Konzept, um Millionen Geringverdiener zukünftig vor Altersarmut zu schützen?
Das Konzept hilft all den Geringverdienern, die 35 Beitragsjahre inklusive Zeiten der Kindererziehung oder Pflege aufweisen können. Dies ist auf jeden Fall ein Beitrag im Kampf gegen Altersarmut. Unsere Kritik setzt an den starren Zugangsvoraussetzungen an. Was ist mit denen, die nur 34 Beitragsjahre aufweisen können? Was ist mit denen, die Zeiten von Arbeitslosigkeit überbrücken mussten? Hier braucht es flexiblere Lösungen. Zudem muss es natürlich das Ziel der Politik sein, dass langfristig eine solche Grundrente überflüssig wird.

Was braucht es dafür?
Mehr Tarifbindung mit guten Löhnen sowie einen Mindestlohn, der über zwölf Euro liegt.

Die Grundrente muss aus Steuermitteln finanziert werden

Der Minister will auf Bedürftigkeitsprüfungen verzichten. Dann kann ein Empfänger trotzdem andere Einnahmen besitzen. Ist das nicht ungerecht?
Nein, ganz im Gegenteil. Jemand, der ein Leben lang gearbeitet hat, darf im Alter nicht vom Sozialamt abhängig sein. Das ist nicht gerecht.

Eine Grundrente würde wohl einen mittleren einstelligen Milliardenbetrag pro Jahr kosten. Wie soll das finanziert werden, um die jüngere Generation nicht zu belasten?
Die Grundrente muss aus Steuermitteln finanziert werden. Es ist eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft, Personen mit sehr geringen Renten zu unterstützen. In diesem Zusammenhang braucht es eine Reform der aktuellen Steuerpolitik. Wir brauchen mehr Umverteilung von oben nach unten, indem der Spitzensteuersatz erhöht wird. Zudem müssen große Vermögen und reiche Erben stärker besteuert werden. Aber auch große Konzerne, die von der Digitalisierung profitieren und aktuell keine Steuern bezahlen, müssen endlich ihren Beitrag leisten.

 

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