AZ-Interview mit Tom Bartels Den WM-Sieg kommentieren: "Ein Moment, den man nie im Leben vergisst"

"Mach ihn! Mach ihn! Er macht ihn!", kommentiert Tom Bartels (Foto unten) den 1:0-Siegtreffer von Mario Götze in der Verlängerung beim Finale 2014 gegen Argentinien, der Deutschland den WM-Titel beschert. Foto: dpa

Tom Bartels kommentierte bei der WM 2014 den Finalsieg der deutschen Mannschaft. In der AZ spricht er über Götze, den Schlüssel zum Erfolg – aber auch die Angst nach dem Attentat in Paris.

 

Die AZ trifft Tom Bartels zum WM-Gespräch: Der 52-Jährige kommentierte für die ARD das WM-Finale 2014 Deutschland gegen Argentinien (1:0 n.V.).

AZ: Herr Bartels, lassen Sie uns eine Zeitreise zum 13. Juli 2014 machen. Welcher Moment dieses WM-Finales zwischen Deutschland und Argentinien hat sich denn am meisten in Ihre Seele eingebrannt?
TOM BARTELS: Es gibt viele tolle Momente, aber am Ende ist es doch dieser Moment, als Götze das Siegtor geschossen hat. Ich kann mich immer wieder reinversetzen, wie sich die Spannung aufgebaut hat, dass dieses Finale wahrscheinlich in die Verlängerung geht und doch noch einen ungünstigen Ausgang für Deutschland nehmen kann. Götzes Tor war dann eine absolute Befreiung und natürlich war es ein Moment, den man nicht oft im Leben hat.

Wie sehr verfolgen Sie die Worte "Mach ihn, mach ihn, er macht ihn!" im Alltag?
Sie werden mich wohl bis ins hohe Alter verfolgen. Ich kann nach wie vor nicht erklären, warum ich genau das gesagt habe. In der Tat werde ich sehr oft drauf angesprochen. Auf der Straße, überall. Ich habe die kuriosesten Dinge bekommen. Videos, in denen Kinder zwei Minuten am Stück meinen Kommentar nachsprechen. "Mach ihn!" kommt in der Mitte vor. Dann spricht er weiter: "Er ist gekommen, dieser eine Moment, in dem ist alles andere egal." Der kickt in der Küche, aber kann jedes Wort des Finales. Aber im Prinzip war ich ja früher genauso. Als Kind habe ich auch Fußball gespielt und das gleichzeitig kommentiert.

Ein bisschen wird man auch als Reporter unsterblich, wie Herbert Zimmermann, der 1954 beim WM-Finale gesagt hat: "Rahn schießt – Tooooor! Tooooor! Tooooor! Tooooor!"
Als Weltmeisterreporter kann man nicht verhindern, dass man mit in den Mittelpunkt rückt. Meinen relativen Erfolg habe ich nur der Tatsache zu verdanken, dass die Spieler so unglaubliche Leistungen gezeigt haben. Deutschland wäre ohne mich genauso Weltmeister geworden. Man kann nur versuchen, dem Moment gerecht zu werden, die richtigen Worte zu finden. Ich mag überhaupt nicht, wenn Reporter eitel werden und sich wichtiger nehmen, als sie sind. Sie sind Berichterstatter. Nicht mehr...

Sie sind durch das Finale besonders mit Götze verbunden. Haben Sie Mitleid, dass er bei der WM 2018 nicht dabei ist?
Mitleid ist relativ. Es ist schade für ihn. Aber letztlich kann ich verstehen, dass Bundestrainer Joachim Löw seine Entscheidungen nicht an einem Titel festmacht, der vor vier Jahren errungen worden ist. Aus Dankbarkeit für Verdienste zu nominieren, ist nie erfolgreich. Götze hat es nicht geschafft – was superschade ist –, über die Jahre konstant zu spielen. Ihn nicht zu nominieren, ist nur konsequent. Aber diesen Moment, den nimmt ihm keiner mehr, das ist ein Moment für die Ewigkeit.

Was war für Sie der Schlüssel zum Erfolg?
Ein Schlüssel ist die Art, wie sich Deutschland auf die Gegner vorbereitet hat. Urs Siegenthaler...

Der Spielbeobachter des DFB.
Genau, der hat mich vor dem Brasilien-Spiel gefragt: "Was ist die beste Chance, gegen Brasilien ein Tor zu schießen?" Ich konnte in dem Moment gar nicht antworten. Er sagte: "Wenn man gerade ein Tor geschossen hat, ist die Wahrscheinlichkeit am größten, dass man noch eines macht. Weil Brasilien so emotional reagiert und sofort versucht, das gutzumachen." Im Prinzip haben es die Deutschen so gespielt. Sie haben emotionslos ein Tor ans nächste gereiht. Kein Team war besser auf die Gegner vorbereitet. Dann war ein Schlüssel das Campo Bahia, weil da eine Mannschaft zusammengewachsen ist wie selten in der deutschen WM-Geschichte. Es gab keinen Lagerkoller. Und die Art, wie Löw das Team führt. Sehr demokratisch. Das als Summe, gepaart mit der Qualität der Spieler, war unschlagbar.

Trauen Sie Deutschland die Titelverteidigung zu?
Ich denke, dass die Konkurrenz stärker ist als 2014. Deutschland hat mit der Art, wie sich auf das Turnier vorbereitet wurde, Maßstäbe gesetzt. Brasilien hat sich einiges abgeschaut. Ich schätze auch Frankreich extrem stark ein, Spanien. Dann sind es schon drei, vier Teams, die auf jeden Fall nicht schlechter sind als Deutschland. Ich glaube, dass Deutschland ins Halbfinale kommt, bin aber nicht so optimistisch wie 2014.

Sie haben das WM-Finale kommentiert, aber auch das Spiel Frankreich gegen Deutschland 2015, bei dem vor dem Stadion Bomben hochgingen, in Paris 130 Menschen von Terroristen ermordet wurden. Wie sehr hängt das Ihnen nach?
Es hat mich lange beschäftigt, auch belastet. In der Halbzeit hatte ich zu meinem Redakteur gesagt: "Diese Doppelschläge vorher, waren das wirklich nur Feuerwerkskörper?" Mir wurde gesagt, es sei alles in Ordnung. Trotzdem: Ab dem Moment hatte ich im Prinzip weiche Knie. Als ich nach der Pause nach und nach erfahren habe, was passiert war, war das ein Schock. Es machte Sinn, weiterzuspielen, damit keine Panik entsteht und da man nicht wusste, ob Attentäter in Stadionnähe sind.
 

Furchterregend.
Es gab eine Situation nach Schlusspfiff, als Panik um mich herum herrschte, weil sich herumgesprochen hatte, dass auf den Gängen Männer mit Maschinengewehren wären, die auf die Menschen schießen. Es stimmte nicht! Aber die Leute sind fluchtartig über die Balustraden gesprungen, zwei Meter tief! Ich habe selber geschaut, wie ich wegkommen könnte, wenn was passiert. Diese Erlebnisse wirken bis heute nach. In jedem Stadion schaue ich mir die Sicherheitsvorkehrungen an. Leider ist diese Gefährdung für alle in gewissem Maß Alltag geworden. 

 
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