AZ-Interview mit Timm Kruse Von einem, der 3.000 Kilometer über die Donau paddelte

Ein Bild vom Anfang des Abenteuers: Timm Kruse unweit des Donauursprungs. Der Fluss ist für 50 Tage sein Zuhause geworden. Foto: Timm Kruse

3.000 Kilometer die Donau hinab, von der Quelle bis zur Mündung ins Schwarze Meer. Auf einem Paddleboard hat Timm Kruse dieses Abenteuer gewagt. Was er dabei über sich, Europa, den Fluss und dessen Anwohner gelernt hat.

 

München - Timm Kruse (49) bricht durch Selbstversuche aus dem Alltag aus: Er hat ein Jahr lang auf Alkohol verzichtet (und tut es seitdem weiterhin), er hat 40 Tage gefastet und als Chauffeur eines Gurus die Welt bereist.

Im Sommer 2017 steigt er im baden-württembergischen Donaueschingen auf ein aufblasbares Brett (SUP) und paddelt auf der Donau los – sein Ziel ist ihre Mündung ins Schwarze Meer. Über sein Abenteuer hat er nun ein Buch geschrieben. Er durchquert zehn Länder, ist 50 Tage unterwegs, schläft im Zelt, schreit vor Wut und heult vor Glück. Und er erlebt Menschen, die entlang des Flusses ihre Heimat haben. Als er zurückkehrt, ist er nicht mehr derselbe.

Im Interview mit der AZ spricht der Journalist und Schriftsteller Timm Kruse über Bayern, Europa und seine Idee, mit einem Paddleboard über die Donau zu fahren.

AZ: Herr Kruse, wie kamen Sie auf die Idee, auf einem Board stehend die ganze Donau zu erpaddeln?
TIMM KRUSE: Das ist die Frage, die immer gestellt wird und die ich nie beantworten kann. Ich weiß nicht, woher meine Ideen kommen, sie kommen einfach hoch. Ich liebe es, auf dem Board stehend zu paddeln, ich liebe die Donau und Internationalität und so habe ich das zusammengebracht.

Sie kommen aus Norddeutschland, leben in Kiel. Warum dann die Donau?
Weil sie der internationalste Fluss der Welt ist. In den zehn Ländern, durch die sie fließt, gibt es viele verschiedene Sprachen, Kulturen und Lebensgewohnheiten zu entdecken. Das fand ich spannend.

Haben Sie ein Lieblingsland entlang der Donau für sich ausmachen können?
Auf jeden Fall Ungarn. Ich bin ungefähr zehn Tage durch Ungarn geSUPt und musste nicht ein einziges Mal in ein Restaurant gehen oder in einen Supermarkt, weil ich permanent von den Leuten eingeladen und wirklich reich beschenkt wurde. Das war ganz toll.

Kruse: "Ich kam nach Bayern und plötzlich änderte sich alles"

Sie schreiben, die Bayern seien viel neugieriger und freundlicher gewesen als die Baden-Württemberger.
Die sind auf jeden Fall kritischer oder nicht so offen. Ich kam nach Bayern und plötzlich änderte sich alles: Die Menschen haben mir mehr zugewunken und waren unvoreingenommener. Das hat mich schon überrascht.

Gab es weitere überraschende Begegnungen?
Je ärmer die Leute wurden, desto aufgeschlossener, hilfsbereiter und gastfreundlicher wurden sie. Das war wirklich ganz erstaunlich.

Sie schreiben, Sie wollten auf dieser Reise auch herausfinden, wie Europa tickt, was Europa ausmacht. Was ist Ihre Antwort?
Ich habe eher das Gefühl, dass Europa gar nicht existiert. Das mag komisch klingen, aber wir Deutschen haben ja keine Ahnung, wie Menschen in Bulgarien oder in Rumänien leben. Es scheint keinen Austausch zu geben, sie wissen auch nichts über uns. Und es gibt weiterhin Grenzen. Ich musste ja trotzdem in Behörden verschiedene Zettel ausfüllen – idiotischerweise.

Was ist Europa dann für Sie?
Im Grunde ist das nur ein Warenabkommen, damit Waren fließen können. Aber für uns Menschen gibt es diese Freiheit nicht so wie etwa in den USA. Ich habe auch Jungs in Ungarn getroffen, die sind an die slowakische Küste geschwommen und dann erstmal festgenommen worden, weil sie keine Pässe dabei hatten. Das gibt’s doch nicht.

Gibt es denn wenigstens Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen, die alle an der Donau leben?
Nö, würde ich nicht sagen. Also, diesem Fluss, der ja schon sehr viel länger fließt, als es uns Menschen gibt, ist es natürlich völlig egal, ob wir uns Europa nennen oder nicht. Ich habe aber zum Beispiel bei Serben und Kroaten das Gefühl, dass sie sich schon bemühen, über den Krieg hinwegzukommen und Frieden zu stiften. Es gibt auf kroatischer Seite Straßenschilder in serbischer Schrift, aber dieses wirklich Vereintsein durch einen Fluss, das gibt es nicht.

Kruse: "Ich wollte ein Abenteuer erleben und merkte, wie ich mich verändere"

Sie beschreiben ja auch, dass es nicht der e i n e Fluss ist, sondern die Donau sich stetig verändert.
Ja, alles wächst. Die Donau wächst von einem Bach zu einem Fluss zu einem Strom und verändert sich ganz erheblich, etwa in Serbien, wo er durch enge Schluchten fließt. Und dann am Ende diese Weite im Delta, da sieht es ja fast aus wie ein Meer, so breit ist es. Das ist großartig.

Wenn man auf dem Wasser so alleine vor sich hinpaddelt, denkt man bestimmt auch viel über sich selbst und nicht nur die Umgebung nach.
Ja, tatsächlich wollte ich nur ein kleines Abenteuer erleben und plötzlich merke ich, dass ich mich verändere.

Inwiefern?
Ich habe festgestellt, dass ich mich unterwegs absolut zuhause fühlen kann. Auf diesem Fluss, mit meinem Brett in der Natur. Die größte Veränderung war, dass ich in dieser Zeit zu einem Urmensch wurde, jemand, der in der Natur zuhause ist und da hingehört. Das war ein ganz tolles, fast berührendes Gefühl. Das war irre.

Was hat Ihnen diese Erkenntnis für Ihr alltägliches Leben gezeigt?
Dass dieser Minimalismus, dieses bescheidene Leben, mir wirklich entspricht und meiner Wunschvorstellung vom Leben sehr nahe kommt.

Auf Reisen oder im Urlaub schmiedet man gern Pläne, sein Leben umzukrempeln – und dann schleicht sich doch wieder der Alltag ein. Hand aufs Herz, wie viel davon haben Sie umgesetzt?
Manch private Veränderung hat sich damals schon angedeutet. Aber ansonsten habe ich meine Wohnsituation verändert und Büro und Wohnung quasi zusammengelegt, wodurch ich Miete spare. Ich bin noch mehr unterwegs, habe auch ein Wohnmobil und versuche mein Leben wirklich so kostengering wie irgend möglich zu halten. Ich lebe auf schmalem Fuß und das ist schön.

Kruse: "Ein paar Tage auf dem Jakobswege, in der Natur, das heilt schon"

Das klingt, als würde so ein Selbsterfahrungstrip ganz guttun.
Man muss das ja nicht so komplett durchziehen, man kann ja einfach mal einen Rucksack packen und losgehen. Ein paar Tage Jakobsweg oder so. Einfach mal in die Natur, das alleine heilt schon. Aber ich habe leicht reden, ich bin ein eher hyperaktiver Typ, mir fällt es leicht, aufzubrechen. Menschen, die sich in einem Loch befinden, die bringen die Kraft dafür gar nicht auf. Aber wenn sie es schaffen, dann wäre es toll, einfach in die Natur zu gehen und ganz simpel zu leben. Und sei es nur für ein paar Tage, um rauszukommen.

Es wird also sicher nicht Ihr letztes Abenteuer gewesen sein, oder?
Nein, in diesem Sommer plane ich, das Mittelmeer zu durchSUPen, die Küste entlang, von Barcelona nach Athen. Das Motto wird wohl "Zwischen Milliardären und Migranten" sein, um den Irrsinn unserer Zeit aufzuzeigen. Dass auf der einen Seite Menschen auf Booten sind, die Hunderte Millionen Euro kosten, und daneben sterben Menschen im Mittelmeer, weil wir in so einer perversen Welt leben, der wir nicht mehr gerecht werden können.

Das klingt aber schon so, als würde einem nach dieser Flucht in die Natur und Einfachheit das "richtige" Leben und der Alltag voller Sorgen noch hoffnungsloser vorkommen.
Nein, mein Leben ist nicht schlecht, aber ich fühle mich überzivilisiert. Zurück zur Natur, das macht mich glücklich, aber das muss nicht für alle gelten. Ich kenne schon Leute, die in ihrer Arbeitssucht glücklich scheinen. Das muss jeder für sich finden, aber Natur heilt schon. Wenn jemand unglücklich und unzufrieden ist, sollte er mal in die Natur gehen – und sei es nur eine Stunde durch den Wald spazieren. Ich glaube, dass man dadurch schon einen Tick gesünder wird.

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