AZ-Interview mit Rudolf Huber Dieser Münchner lebt seit 40 Jahren mit einer Spenderniere

Rudolf Huber verarbeitete seine Erkrankung auch mit Bildern. In seinem Arbeitszimmer im Keller wird er immer kreativ. Foto: Wackerbauer

Der Münchner Rudolf Huber überlebt seit 40 Jahren mit einer Spenderniere. Mit der AZ spricht er über Leben, Tod und die mögliche Reform der Organspenden-Regel.

 

München - Eigentlich hatte er Kopfschmerzen. Doch von heute auf morgen wurde Rudolf Huber vor über 40 Jahren zum nierenkranken Dialysepatienten. Er hatte viel Glück und bekam eine Spenderniere. Die AZ traf ihn zu Hause in Lochhausen.

AZ: Herr Huber, haben Sie nach all der Zeit erfahren, von wem Sie vor 40 Jahren eine Niere bekommen haben?
RUDOLF HUBER: Nein. Gesetzlich muss der Spender anonym bleiben.

Ihr Spender ist damals nach einem Verkehrsunfall gestorben. Wenn Sie die Gelegenheit hätten, die Angehörigen zu treffen, was würden Sie sagen?
Danke. Einfach nur danke.

Ist die Dankesanzeige in der Zeitung, die Sie schon mehrmals geschaltet haben, ein Ersatz für diese Begegnung?
Vielleicht. Aber sie hat eigentlich einen ganz anderen Zweck.

Nämlich?
Ich möchte auf die Organspendesituation in Deutschland aufmerksam machen. Tausende Menschen warten tagtäglich auf ein Spenderorgan und auf die Chance, weiterleben zu können. Nur einige hundert haben heute so viel Glück wie ich damals. Die Danksagung, die ich zum 20., 25., 30., und jetzt zum 40. Jahrestag meiner Transplantation veröffentlicht habe, soll an alle erinnern, die stündlich auf ein neues Organ hoffen.

In Ihrer Wohnung hängen viele Kreuze. Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Völlig richtig, ich bin gläubig und glaube daran.

Wenn Sie irgendwann dem Spender Ihrer Niere begegnen sollten?
Da sag’ ich Servus!

Was passierte eigentlich vor über 40 Jahren, warum brauchten Sie eine neue Niere?
Das weiß ich bis heute nicht genau. Es war Frühjahr 1977. Als junger Mann war ich immer eine Rennsau und dachte, dass ich pumperlgsund bin. Ich ging zum Arzt mit schrecklichen Kopfschmerzen und einem Blutdruck von 300 zu 180. Maximaler Ausschlag auf dem Messgerät. Ich hatte das Gefühl, dass meine Schädeldecke hochfliegt. Nächtelang konnte ich nicht schlafen.

Welche Art Schmerzen waren das?
Hat Ihnen schon mal jemand aus Spaß eine scharfe Peperoni ins Essen gelegt? So ähnlich muss man sich das vorstellen.

Was stellte der Arzt fest?
Nierenversagen, beidseitig. Das konnte man an den Werten ablesen, wie am Kreatinin. Der extreme Blutdruck hatte die Nieren zerstört. Ich musste sofort in die Dialyse nach Großhadern, also zur maschinellen Blutreinigung. Und da hatte ich Glück!

Warum?
Etwa ein Jahr vor meiner Krankheit waren vier von fünf Patienten, deren Nieren versagt hatten, dem Tode geweiht. Urinvergiftung hieß es damals. Und die Dialysegeräte wurden zugelost. Also nur einer von fünf bekam eines. Zu meiner Zeit waren es die ersten Jahre, als jeder ein Anrecht auf Dialyse hatte.

Huber: "Das kalte Blut floss wieder in meine Adern, ich bekam Krämpfe"

Welchen Beruf hatten Sie damals?
Ich war gelernter Bau- und Möbelschreiner sowie Zimmerer, arbeitete aber als Bautechniker. Man sagte mir, mein Chef im Ingenieurbüro habe geweint, als er hörte, dass ich nierenkrank bin. Er schätzte mich als Mitarbeiter sehr und dachte, dass ich nie wieder arbeiten kann.

Wie oft mussten Sie zur Dialyse gehen?
Montag, Mittwoch, Freitag. Das war in einem Fabrikgebäude in Martinsried. Einmal wurde es richtig gefährlich.

Was ist passiert?
Stromausfall, während ich am Dialysegerät angeschlossen war. Notaggregate gab es keine. Das Gerät fiel aus. Abenteuerlich und lebensgefährlich.

Wie haben Sie das überlebt?
Da muss ich kurz erklären, wie das in etwa funktioniert. Die Maschine pumpte mein Blut durch die Leitungen, reinigte und filterte es, statt meiner kaputten Nieren. Dann floss das Blut zurück in meine Adern. Zwischendurch wurde es gewärmt, damit es nicht abkühlt. Das Gerät hatte ein Kurbelrad, mit dem man es manuell bedienen konnte, für Notfälle. Also saß ich an meinem Bett und drehte dieses Rad. Nur erwärmt wurde mein Blut nicht mehr. Ich merkte das, als das kalte Blut in meine Adern floss. Am Ende hatte ich Krämpfe.

Was dachten Sie sich während der Monate der Dialyse?
Jetzt geht es um die Existenz.

Hätten Sie Ihr 82. Lebensjahr auch mit regelmäßiger Dialyse erreicht, ohne Spenderniere?
Nein, auf keinen Fall. Da können über die Jahre viele Komplikationen auftreten. Bei mir waren die Adern ziemlich schnell überlastet, dort, wo die Dialyse angeschlossen wurde. Das ist alles keine einfache Sache. Nachts blutete die Wunde am Arm manchmal nach. Meine Frau legte sich dann auf den Arm, bis sich die Wunde schloss. Ich denke, ich wäre mit Dialyse etwa 55 oder 60 Jahre alt geworden.

Huber: "Die Stimme am Telefon sagte: Wir haben eine Niere für Sie"

Wie hat Ihre Frau Hannelore die Situation verkraftet?
Sie litt mehr als ich. Immer, wenn ich zur Dialyse ging, dachte sie sich: Was könnte heute wieder passieren? Die Technik war ja in den Kinderschuhen. Im Vergleich zu heute wirken die Geräte von damals wie uralte Dieselaggregate. Meine Kinder litten auch sehr. Aber langfristig sind sie gestärkt herausgegangen. Beide sind heute Führungspersonal.

Wann haben Sie davon erfahren, dass Sie eine Spenderniere bekommen?
Es war der 26. März 1979, ein Montag, Anruf um zwei Uhr nachts, vier Stunden vor meiner Stationierung in Großhadern, 16 Monate nach Dialysestart. Die Stimme am Telefon sagte: "Wir haben eine Niere für Sie."

Huber: "Nach der Transplantation habe ich 22 Bäume im Garten gefällt"

Warum musste alles so schnell gehen?
Weil mein Nierenspender in dieser Nacht verstorben war.

Wie ging es Ihnen nach der OP?
Ich wachte gegen 19 Uhr auf und fragte, wie spät es ist. Plötzlich spürte ich Wärme an meinen Ohren. Das Gefühl hatte ich schon lange nicht mehr. Ich war nicht mehr der Alte, nicht mehr der Kranke.

Direkt nach der Transplantation ging es Ihnen gleich so viel besser?
Auch die Blutwerte zeigten: Die neue Niere arbeitete sofort ohne Komplikationen. Auch da oben (zeigt auf seinen Kopf) funktionierte wieder alles.

Eine Hochleistungsniere.
Sie passte perfekt. Durch die Schmerzmittel spürte ich meine Operationswunden nicht. Mir war langweilig. Ich ging noch in der gleichen Nacht mit den angeschlossenen Schläuchen die ganze Station ab und malte eine Raum-Skizze. Ich erinnere mich an jeden Millimeter, auch ohne Zeichnung. Ich fühlte mich gedopt.

Ging es Ihnen auch so gut, nachdem Sie wieder zu Hause waren?
Ich spürte immer noch unendliche Energie. Endlich konnte ich den Garten aufräumen. Ich habe 22 Bäume gefällt.

Das heißt, Sie leben seither mit einer Niere?
Nein mit drei.

Wie bitte?
Ich habe drei Nieren. Meine eigenen sind bis zur Unkenntlichkeit geschrumpft. Es ist üblich, die alten Nieren nicht zu entfernen, soweit ich weiß.

Bald wird vielleicht die Organspende in Deutschland reformiert. Jeder soll ab dem 16. Lebensjahr ein potenzieller Spender sein, so lange er oder sie nicht widerspricht. Was halten Sie davon?
Das wäre ein großer Fortschritt. Jeden Tag könnten so viele Leben gerettet werden, wenn mehr Organe zur Verfügung wären. Ich habe gehört, dass sogar überschüssige Organe aus Österreich importiert werden. Das kann es ja nicht sein.

Lesen Sie hier: AZ-Kommentar "Organspenden - Wo ist das Problem?"

Lesen Sie hier: Vorstoß - Alle Volljährigen bis auf Widerruf Organspender

 

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