AZ-Interview mit Rod Stewart "Durchs Leben gebumst, gefeiert und gesoffen"

Der britische Sänger Rod Stewart, fotografiert von seiner dritten Frau. Foto: Penny Lancaster

Feiern, Frauen, Krebs: Der britische Rockstar Rod Stewart über Exzesse und seine lange Suche nach dem Glück.

 

Alles ist golden im Leben von Rod Stewart. Nicht nur die Plattenverkaufs-Awards, die in seinem Haus in Beverly Hills längst zur Meterware geworden sind, sondern auch das Interieur seiner Garderobe. Von feindrapierten, edel glänzenden Vorhängen flankiert, hält der 71-Jährige Hof. Seine markante Stachelfrisur sitzt perfekt, seine Weste im Schottenmuster ist aus edlem Tweet, und seine Stimme ist frisch trainiert, wie der Lebemann erzählt. Morgen, Freitag, um 20 Uhr tritt er in der Olympiahalle auf.

AZ: Mr. Stewart, haben Sie schon mal an einem Boxkampf teilgenommen?

ROD STEWART: Nein, ich bevorzuge Fußball, das ist ein richtiger Sport.

Obwohl Sie sich oft durchs Leben geboxt haben?

Irrtum, ich habe mich durchs Leben gebumst, gefeiert und gesoffen.

Dabei wirken Sie geradezu unverschämt frisch und aufgeräumt.

Ich war nie glücklicher als heute, weil mir das Leben die beste Position zugesteht, die man einnehmen kann. Ich bin ein ewiger Stürmer und spiele ausgezeichnet.

Was ist in Ihrem Leben unverzichtbar?

Abgesehen von meiner Frau und meinen Kindern, möchte ich nicht auf Musik verzichten. Ich erlebe gerade meinen zweiten Frühling als Songwriter, und zum ersten Mal in meinem Leben gefällt es mir richtig gut.

Warum war das früher anders?

Mir waren die Wonnen des Geschlechtsverkehrs wichtiger. Ermutigten mich meine Manager zum Schreiben von Songs, jagte ich sie weg.

Dumm gelaufen, früher war Musik lukrativer.

Ja, verflucht! Heute freut man sich, wenn man eine halbe Million Platten verkauft.

Dabei sind Sie doch sehr vermögend.

Verstehen Sie mich nicht falsch, es geht mir finanziell ausgezeichnet. Ich bin auch dankbar für die späte Gnade der Muse, aber es ärgert mich, früher nicht tüchtiger gewesen zu sein.

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Was ist Ihre größte Tugend?

Humor. Ich konnte immer viel an mir abprallen lassen, indem ich einfach über mich selbst lachte. Ernst nehme ich hingegen das Wohlergehen meiner Kinder. Meine beiden jüngsten Söhne sind 5 und 10 Jahre alt.

Sind Sie ein strenger Daddy?

Vielleicht haben Sie Recht, als Vater boxe ich mich wirklich durchs Leben. Erziehung ist für mich ein regelrechtes Ringen mit mir selbst. Ich habe alles, um meine Kinder nach Strich und Faden verwöhnen zu können. Aber man kann Kids schnell ihrem Drang nach Selbstständigkeit berauben, wenn man ihnen alles gibt.

In Ihrer Wahlheimat Beverly Hills lauern die Verlockungen zur Dekadenz ja auch an allen Ecken.

Meine älteren Kinder lasen alle mein Buch, sie kennen den exzessiven Rock’n’Roll-Lifestyle also aus berufenem Munde. Auch sie hatten ihre ausschweifenden Momente. Was hätte ich tun sollen? Ausflippen? Das hätten sie mir nicht abgekauft.

Wie haben Sie denn reagiert?

Ich ermutigte sie zur Eigenverantwortung. Mit dem Resultat, dass sie ihre Finger weitestgehend von Drogen ließen.

Lebten Sie selbst der Kreativität entgegen?

Jahrzehnte lang. Es ist paradox, aber je sesshafter ich wurde, desto mehr juckte es mir in den Fingern, Songs zu schreiben.

Waren Sie in Ihrem Leben je zufrieden mit dem, was Sie hatten?

Ich bin es jetzt. Zwar war ich nie der Kokain- und Zigaretten-Typ, aber meine Stimme hätte trotzdem längst ruiniert sein können. Ich soff wie ein Loch und schlief wenig, als ich bei den Faces sang. Heute trainiere ich meine Stimme täglich eine Stunde lang, bevor ich auf die Bühne gehe.

Beendete der bei Ihnen diagnostizierte Schilddrüsenkrebs Ihre wilden Jahre?

Die waren längst vorbei, als ich die Diagnose bekam. Zum Glück handelte es sich um eine gutartige Geschwulst, aber meine Stimme verlor ich trotzdem kurzzeitig, was sehr beängstigend war. Intensives Training brachte sie zurück, eine Oktave tiefer. Mich kriegte keine Moral rum, mit den Exzessen aufzuhören, sondern die Aids-Gefahr. Heute kann man kein ausschweifendes Leben mehr führen, weil ständig und überall die Kameras von Smartphones lauern.

Was ist mit Ihrer Frau Penny Lancaster?

Wir lernten uns kennen, als die verrückten Jahre hinter mir lagen. Ich kenne sie jetzt seit 15 Jahren und bin seit 9 Jahren mit ihr verheiratet. Länger hielt es keine mit mir aus.

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Die nächste Scheidung ist also nicht in Sicht?

Ach, wissen Sie, ich suchte bei den ganzen Mädels nach einer Bestätigung, die ich mir selbst nicht geben konnte. Irgendwann wurde das viele Bumsen aber schal. Ich hatte Girls an meiner Seite, die mir dazu dienten, mich selbst nicht erkennen zu müssen.

Fanden Sie sich selbst so schrecklich?

Heute weiß ich, dass jegliche Form von Glück erst möglich ist, wenn man seinen Lebenslügen und Selbstverleugnungen ein Ende setzt. Ich war nie ohne Girlfriend, und ich betrog eine nach der anderen. Als zutiefst unsicherer Mensch schaffte ich es nicht mal, meinen Frauen in die Augen zu schauen, wenn ich bereits andere im Visier hatte.

Gab es einen Wendepunkt?

Ende der 80er-Jahre drehte ich in Cannes einen Werbefilm für eine Softdrink-Marke an der Seite von Tina Turner. Ich hatte zusammen mit einem Kumpel die halbe obere Etage eines Luxushotels gemietet. Wir ließen Mädels aus England und Deutschland einfliegen, mit denen wir uns nach einem exakt gesetzten Plan vergnügten. Sogar die Flüge der Girls buchten wir so, dass mein Kumpel eine zum Abflug fuhr, um die nächste, die gerade ankam, abzuholen.

Wie traurig!

Genau das wurde ich an der Seite dieser ganzen fantastisch aussehenden Models. Ich fühlte eine entsetzliche Leere, weil keine Frau da war, mit der ich abends ein Glas Wein trinken und das Leben teilen konnte. Meine gefühlte Erbärmlichkeit änderte viel.

Haben Sie darüber mal mit Ihren Rockstar-Kollegen gesprochen?

Was glauben Sie wohl, warum wir Rockstars wurden? Viele von uns suchten nach einer Bestätigung, die wir uns selbst nicht geben konnten. Das Publikum oder ständig wechselnde Partnerinnen wurden meine Substitute für Selbstrespekt.

Wie ist das, wenn Sie heute auf die Bühne gehen?

Ich kann es kaum erwarten, die Songs meines aktuellen Albums „Another Country“ endlich live singen zu können.

Und was ist mit den Frauen in der ersten Reihe?

Ich wäre ja verrückt zu behaupten, dass Sex heute keine Rolle mehr spielt, wenn ich auf der Bühne stehe. Als ich 16 war, standen die Girls auf mich, weil ich Gitarre spielen und singen konnte. Ich war nie ein ausgesprochen gut aussehender Typ, aber ich habe immer noch eine gute Stimme, einen ziemlich ansehnlichen Hintern und Humor. Ich glaube, diese Kombination finden viele Frauen charmant. Aber die Zeiten der Abenteuer nach Konzerten sind vorbei, weil ich weiß, wer ich bin.

Was halten Sie als Prototyp des 70er-Jahre-Rockstars vom Rockmusik-Nachwuchs?

Kennen Sie die Band Prefab Sprout? Ich bin ein Riesenfan und liebe deren Song „Cars & Girls“. Natürlich gibt es mehr im Leben als Ferraris und Frauen. Aber ich fand Rock’n’Roll immer interessant, weil Mütter ihren Töchtern verboten, Rockkonzerte zu besuchen. Heute schicken die Mütter ihre Töchter vermutlich zum sozialpolitischen Diskurs mit Rockmusikern, die mir zunehmend verdächtig zahm vorkommen.

Sind Sie mit zunehmendem Alter ruhiger geworden?

Nein, ich glaube, dass die Welt um mich herum lauter geworden ist.

Schockiert Sie noch ein Bühnenakteur?

Miley Cyrus mit Sexspielzeug auf der Bühne finde ich weder aufregend noch schockierend, sondern schlicht durchsichtig. Deswegen liebe ich Adele, sie ist ein erwachsenes Mädchen, die mit großer Ehrlichkeit singt.

Stimmt es, dass Wladimir Putin ein Haus neben der Villa in Marbella kaufte, die Sie besaßen?

Ich habe keine Ahnung, weil ich seit 30 Jahren dort keine Villa mehr besitze. Aber es wäre interessant gewesen, ihn bei einem Fußball-Match herauszufordern. Der Mann inszeniert sich ja so gerne als Athlet.

Was verbindet Rockstars und Profifußballer?

Auch Rock- und Popstars sind Konkurrenten. Als mein Album „Another Country“ erschien, schickte Elton John mir eine Orchidee mit einem Briefchen. Auf dem stand: „Danke, dass dein Album in England nicht auf die Nummer 1 ging.“ Ich liebe ihn trotzdem.

Wer wird der kommende Fußball-Europameister?

Die üblichen Verdächtigen haben gute Chancen, Deutschland, Italien, Spanien, Frankreich. Die spanischen Spieler besitzen phänomenale Balance zwischen beinahe tänzelnd-leichter Lässigkeit und resolutem Angriff. Die bringen den Ball mit einer einzigen Berührung unter ihre Kontrolle. Spanien oder Deutschland wird den Titel holen, und ich bin froh, während der EM auf Europatour zu sein. Es gibt nichts Traurigeres, als europäische Fußballspiele daheim in Kalifornien zum Frühstück sehen zu müssen.


Olympiahalle, Freitag, 20 Uhr, Restkarten von 26 bis 130 Euro an der Abendkasse

 

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