AZ-Interview mit Roberto Saviano Diesen Mann möchte die Mafia tot sehen

Der italienische Journalist und Autor Roberto Saviano schrieb am Drehbuch zum Film "Der Clan der Kinder" mit. Seit 2006 steht Saviano auf der Todesliste der Mafia. Foto: Prokino, Carlo Cozzoli/dpa, AZ-Montage

Roberto Saviano spricht zum Filmstart seiner Romanverfilmung "Paranza – Der Clan der Kinder" über sein Leben im Untergrund, die Attraktion der Mafia für Kids und das Versagen – nicht nur – Italiens.

 

Berlin - Das Interview mit Roberto Saviano findet im Souterrain eines Berliner Hotels statt. Dort stehen vor der Tür zwei unauffällig auffällige Typen, die alles mit den Augen scannen: Bodyguards. Seit seinem Weltbestseller "Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra" 2006 und der Nennung von Namen großer Camorristi steht der Italiener auf deren Todesliste, lebt unter Polizeischutz an unbekannten Orten und soll sich nur in gepanzerten Autos fortbewegen.

Saviano steht seit 2006 auf der Mafia-Todesliste

Gemeinsam mit Regisseur Claudio Giovannesi und Maurizio Braucci verfasste er das Drehbuch zur Verfilmung seines Romans "Der Clan der Kinder" und wirkte auch als Produzent mit. Offen spricht er über die Mafia, ein Italien ohne Gemeinsinn und sein Leben im Untergrund. Innenminister Matteo Salvini von der Lega droht ihm nicht nur mit Entzug der Leibwache, sondern erstattete Strafanzeige gegen ihn wegen Verleumdung, weil Saviano auf Verstrickungen zwischen der "Lega Nord" und der Mafia hingewiesen und ihn einen "Minister der Unterwelt" genannt hat.

AZ: Signor Saviano, ist unser "schönes" Italien wirklich so verrottet?
ROBERTO SAVIANO: Italien ist ein Staat, der versagt, in dem nichts mehr funktioniert. Wirtschaft, Politik und Verbrechen sind verknüpft: eine Bankrotterklärung der Zivilgesellschaft. Die Menschen trauen ihrem Staat nicht mehr. Früher fanden die Leute aus dem Süden noch Arbeit im Norden. Auch das ist vorbei. Es fehlt an Schulen, an Bildung, an Gemeinsinn.

Was fasziniert Jugendliche an der Mafia?
Wo Bildung fehlt, entsteht Gewalt. Die jungen Leute schmeißen die Schule, einige suchen einen Job, andere arbeiten mangels Alternativen für die Mafia. Warnungen verhallen. Auf der Strecke bleiben Kinder ohne Kindheit, Jugendliche ohne Jugend. Viele der Kids, die ich bei meinen Recherchen getroffen habe, sind schon tot.

Saviano: "Viele Kids, die ich getroffen habe, sind schon tot"

Gibt es eine Möglichkeit, je wieder aus dem Teufelskreis herauskommen?
Gute Jobs und legale Jobs kriegt man nur durch Beziehungen. Auf der Mafiaspur geht es einfacher. Wer mit Drogen dealt, verdient doch viel mehr. Da machen 15-Jährige Riesenumsätze mit Marihuana oder Kokain. Und einmal im System, ist ein Ausstieg kaum noch möglich. Wir dürfen diese Kids deshalb nicht verdammen. Sie sind Täter und Opfer zugleich.

Wie geraten junge Menschen in den Sumpf?
Wir erzählen im Film die Geschichte von Teenagern, nicht von Kriminellen. Keiner von ihnen hat eine kriminelle Karriere angestrebt.

Trotzdem passiert genau das.
Ja, die Welt außerhalb des Gesetzes bietet ihnen die Möglichkeit, schnell Geld zu machen und Anerkennung zu finden. Sie wollen das, was in diesem Alter alle wollen, und zwar sofort: Statussymbole. Das heißt Designerklamotten, teure Schuhe, teure Uhren, Champagner in den angesagten Discos usw... Nicht nur typisch für Neapel, sondern für Jugendliche in Problemvierteln großer Städte wie Berlin, Paris, London oder New York. Die Gesellschaft und Werbung suggeriert ihnen, diese Dinge dringend zu benötigen, um etwas zu gelten.

Saviano: "Die Mafia hat ihr Netz in der ganzen Welt"

Die 15-jährige Hauptfigur Nicola ist in sich widersprüchlich, ist von einer kriminellen Karriere angetan, träumt aber auch von einer Familie.
Er glaubt an eine bestimmte Gerechtigkeit und will Gutes durch Böses erreichen. Ein Paradox. Aber das nährt die Illusion von Unschuld, die Illusion einer Moral, die nicht existiert. Wir wollten mit dieser falschen Glorifizierung aufräumen. Die ganze Verherrlichung der Verbrechen fällt doch bei genauer Analyse in sich zusammen. Was anfänglich ein Spiel scheint, endet für einige tödlich, andere landen im Gefängnis. Ihr Leben ist zerstört.

Seit Jahrzehnten spricht man von der Mafia, von der Camorra, vom organisierten Verbrechen. Aber nichts ändert sich.
Die Mafia ist älter als der jetzige italienische Staat und hat ihr Netz in der ganzen Welt. Sie ist kein italienisches Phänomen, wir haben nur die älteste Tradition. Es gibt sie in Frankreich, Deutschland oder Spanien. Jedes Land hat seinen Satellitenstaat für die Geldwäsche. Frankreich hat Luxemburg, Deutschland Liechtenstein und Spanien Andorra. Und nicht zu vergessen London als internationales Zentrum der Geldwäsche. Und die Politik schweigt eisern. So wurde auch das Duisburger Mafia-Massaker von 2007 schnell unter den Teppich gekehrt. Dabei sind die mafiösen Strukturen in der deutschen Gesellschaft bei den Verantwortlichen bekannt. Auch die Ausbeutung von Flüchtlingen gehört inzwischen mit zur organisierten Kriminalität. Kein Wunder, dass die AFD mit dieser Problematik auf Wählerfang geht.

Im Film sind es die Jungen, die die Szene beherrschen. Können auch Mädchen in der Camorra aufsteigen?
Mädchen stehen nicht mit der Knarre auf dem Dach. Aber Frauen, vor allem die Mütter, spielen eine große Rolle, sie sind Komplizinnen, sie wissen, was läuft, beschützen und schweigen. Oft fungieren sie als Unternehmerinnen, managen die Geldflüsse. Frauen, Töchter oder Schwestern von Camorra-Größen bekleiden auch schon mal höhere Posten.

Saviano: "Ich schlafe in Hotels unter falschem Namen"

Sie stehen unter Polizeischutz, bekommen Morddrohungen, leben seit Jahren im Untergrund. Wie schaffen Sie das?
Ich weiß es nicht. Wir reden hier scheinbar unbeobachtet, aber vor der Tür warten zwei Bodyguards. Einige Airlines nehmen mich nicht, ich schlafe in Hotels unter falschem Namen, oft in fremden Wohnungen. Ein stetiger Wechsel. Das letzte Mal in Neapel war ich von sieben Autos eskortiert, normalerweise sind es zwei. Ich versuche, nicht zu viel über diese permanente Beobachtung nachzudenken. Nicht dass Sie glauben, ich sei besonders tapfer.

Kann man sich an die Angst vor dem Tod gewöhnen?
Ich habe gar keine Angst vor dem Tod, sondern davor, dass ich lange noch so leben muss. Über meinen Tod wurde schon so viel geredet, dass ich das manchmal Gefühl habe, mein Tod gehört einer anderen Person. Auf der einen Seite hängt die Todesdrohung wie ein Damoklesschwert über mir, auf der anderen sagen die Leute zynisch: Wieso lebt der noch, wenn er wirklich bedroht ist? Manchmal fühle ich mich wie ein "walking dead", ein wandelnder Toter.

Werden Sie vor lauter Verzweiflung nicht verrückt?
Oft packt mich schon Verzweiflung, sehne ich mich nach einem ganz normalen und unbeschwerten Leben, einem Spaziergang im Park, einem spontanen Treffen mit Freunden, einem gemütlichen Abend im Restaurant. Vielleicht wäre es das Vernünftigste, mich nicht mehr zu äußern. Aber das kann ich nicht, ich kämpfe weiter.

Innenminister Salvini hat wegen Verleumdung geklagt

Der italienische Innenminister Matteo Salvini hat Klage wegen Verleumdung gegen Sie eingereicht und außerdem mit Entzug des Polizeischutzes gedroht…
Bisher ist es bei der Drohung geblieben. Ich wäre ja froh, wenn ich keinen Personenschutz bräuchte. Aber dieses als Privileg darzustellen, ist gerade zu lächerlich, zynisch. Wahrscheinlich ist es Salvinis Methode mir zu sagen "Halt die Fresse!"


Der Film "Paranza – Der Clan der Kinder" startet am Donnerstag in den deutschen Kinos.

 

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