AZ-Interview mit Richard Mergner Naturschutz-Chef: "Wir haben kein zweites Bayern im Kofferraum"

Wunderschönes Bayernland – hier blicken Wanderer auf den Walchensee: Der Klimawandel gefährdet laut Mergner die Umwelt im Freistaat Foto: dpa

Richard Mergner, neuer Chef beim Bund Naturschutz, spricht über Bedrohungen für die Natur im Freistaat, intelligenten Bau in den Städten sowie Söders Umweltpolitik.

München - AZ-Interview mit Richard Mergner. Der Diplom-Geograph (Jahrg. 1961) ist neuer Vorsitzender des Bundes Naturschutz (BN) in Bayern.

AZ: Herr Mergner, der neue bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat den Plan seines Vorgängers für einen dritten Nationalpark gestrichen und sich auch nicht gerade als Flächensparer erwiesen. Erwarten Sie jetzt mehr Konfrontation zwischen Naturschutz und Söder-Regierung?
Richard Mergner: Es wird darauf ankommen, ob der neue Ministerpräsident nach der Landtagswahl allein mit der CSU durchregieren kann und alle guten Argumente ignoriert – wie wir das bei der Änderung des Landesentwicklungsplans gesehen haben – oder ob er mit oder ohne Koalitionspartner die Herausforderungen begreift. Bayern muss nachhaltiger und ökologischer werden.

Wäre Ihnen in Bayern Schwarz-Grün ganz recht?
Jede politische Mehrheit, die dazu führt, dass die Lebensgrundlagen bewahrt werden, die Klimakrise angegangen wird und der Flächenverbrauch nicht weiter galoppiert, ist uns recht. Wir setzen auch auf diejenigen in der CSU, die das Bewahren der Schöpfung in politisches Handeln umsetzen und nicht nur als Monstranz vor sich her tragen.

Wie zufrieden waren Sie denn seinerzeit mit dem Umweltminister Söder?
In seiner Zeit als Umweltminister hat sich Söder für ein gentechnikfreies Bayern eingesetzt. Er war auch einer der ersten, der sich aus einer Minderheitenposition heraus für einen Donauausbau ohne Staustufen engagiert hat. Er hat 2011 auch einen Windkraftatlas im Landkreis Neustadt/Aisch vorgestellt, in dem er sich für einen weiteren Ausbau der Windkraft nach Plan eingesetzt hat. Er sollte und müsste jetzt eigentlich die 10-H-Abstandsregel wieder zurücknehmen, dann würde er glaubwürdig.

Zurückgenommen hat Söder aber erst mal die Idee eines dritten Nationalparks in Bayern. Dafür will er Umweltinformationszentren bauen – ein sinnvoller Ausgleich?
Diese mutlose Entscheidung war für uns enttäuschend. Laut einer aktuellen Umfrage ist nicht nur die Mehrheit der Menschen in Bayern, sondern auch die Mehrheit der CSU-Wähler für einen dritten Nationalpark. Wir hoffen, dass nach der Landtagswahl die Karten wieder neu gemischt werden. Mit einzelnen Umweltbildungshäusern einen Nationalpark ausgleichen zu wollen, ist Augenwischerei. Egal ob im Spessart, im Frankenwald oder in den Auen – man kann nur glaubhaft Umweltbildung betreiben, wenn man auch die wichtigen Flächen unter Schutz stellt. Die Nationalparksuche muss fortgesetzt werden, sonst wird Bayern bundesweit zum Schlusslicht.

Zuzug, Wohnraumknappheit sowie Flächenbedarf der boomenden Wirtschaft stehen auf der politischen Agenda ganz oben – schlechte Voraussetzungen für Ihren Kampf gegen den Flächenfraß?
Zukunftsfähiges Wirtschaften und die Bereitstellung von genügend Wohnraum müssen vom Flächenverbrauch abgekoppelt werden. Daher fordern wir, dass Flächen besser genutzt werden. Statt Parkplätzen müssen Parkgaragen und Parkdecks entstehen. Wir sollten wegkommen vom Glauben, mit Einfamilienhäusern Wohnungsbau betreiben zu müssen. In den Dörfern müssen Baulücken und verödete Ortskerne genutzt werden. In den Städten muss intelligenter gebaut und nicht weiter mit der Fläche geaast werden.

Das wird seit vielen Jahren gefordert, aber die Wirklichkeit sieht anders aus.
Das stimmt zum Glück nicht ganz. In Unterfranken gibt es im Landkreis Haßberge die Hofheimer Allianz, die vormacht, wie es gehen kann, wenn man keine Bebauungsflächen im Außenbereich ausweist und versucht, für Häuser innerorts neue Besitzer zu finden. Dafür brauchen wir aber klare Restriktion.

Was ist aus Ihrer Sicht die größte Bedrohung für Umwelt und Natur in Bayern?
Wir haben zwei riesige Herausforderungen: die Klimakrise, die wir mit dem wärmsten April seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erleben. Wir müssen den Ausstoß von klimaschädlichen Gasen auf allen Ebenen drastisch verringern. Zum Zweiten haben wir einen Raubbau an unserer knappsten Ressource: am fruchtbaren Boden und an der freien Landschaft. Wir haben kein zweites Bayern im Kofferraum. Mittelfristig darf nicht mehr verbaut werden als an anderer Stelle der Natur zurückgeführt wird.

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